Das andere Sommerbild
Hacko, Merlin und Michel auf Wanderschaft
Angetroffen wurden die drei Herren am Montagabend um halb acht, an der Kreuzung in Gunzwil. Unverkennbar in traditioneller Kleidung mit Hut, Knopfjacke und schwarzen Schlaghosen, mit knorrigem Wanderstock und einem umgehängten Lumpenbündel, mussten es Wandergesellen sein. Wandergesellen auf Wanderschaft, gestrandet am Strassenrand von Gunzwil. Und streckten ihre Daumen in die Luft.
Da hält man doch gerne mal an. «Hallo, lustig seht ihr aus, wo wollt ihr denn hin?» – «Nach Kagiswil.» Gut, das liegt ja gerade am Weg. Nach eingehender Befragung stellt sich heraus, dass die Drei von Deutschland herkommend – ist ja auch unüberhörbar – unterwegs sind nach Rumänien. Und jetzt ausgerechnet nach Kagiswil wollen. Einsteigen bitte, die Bündel und Stöcke in den Kofferraum. Den einen Kilometer nicht mehr zu Fuss zurücklegen zu müssen, war auch ganz gut.
In Kagiswil angekommen, nannten sie eine bestimmte Hausnummer. Dort wohne eben jemand, der vor Jahren ebenfalls auf Wanderschaft gewesen sei, und bei ihm habe man noch ein paar Sachen liegen.
«Fremde Rolandsbrüder» seien sie, erklärten sie weiter. Fremd, weil gerade auf Reisen, und Rolandsbrüder, weil dem Rolandschacht zugehörig, einer Vereinigung von Wandergesellen.
In Kagiswil besuchten sie jemanden, der selber vor einigen Jahren auf Wanderschaft war. «Bei dem hab’ ich noch ein bisschen Zeug rumliegen», sagt Hacko. «Arbeitskleidung, Werkzeug ... das holen wir jetzt schnell ab und dann geht’s für uns weiter nach Rumänien.» Warum Rumänien? «Da ist jeden Sommer eine Baustelle, ein Projekt, geplant und durchgeführt von Wandergesellen. Dieses Jahr sind wir auch Teil davon.» Den ganzen Weg machen sie per Anhalter.
Beim gewünschten Haus in Kagiswil angekommen, liessen sich die drei Gesellen noch kurz für den «Michelsämter» porträtieren. Gestatten, ihre Namen? Hacko, Merlin und Michel. So ein Zufall. Na dann, gute Weiterreise. Und schöne Grüsse nach Rumänien!
Drei Jahre und ein Tag
Wandergesellen sind junge Handwerker, die nach ihrer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung auf die «Walz» (Wanderschaft) gehen. Diese jahrhundertealte Tradition dient dazu, neue Arbeitspraktiken kennenzulernen, Lebenserfahrung zu sammeln und die Welt zu bereisen.
– Voraussetzungen: Sie sind in der Regel unter 30 Jahre alt, ledig, kinderlos, schuldenfrei und nicht vorbestraft.
– Die Bannmeile: Während der Wanderzeit (meist mind. 3 Jahre und ein Tag) dürfen sie ihren Heimatort nicht in einem Umkreis von 50 Kilometern betreten.
– Finanzen: Sie reisen traditionell per Anhalter und geben kein Geld für Fortbewegung oder reguläre Unterkünfte aus.
– Kluft und Erkennungszeichen: Sie tragen eine traditionelle, zünftige Arbeitskleidung (die «Kluft») und führen ein Wanderbuch mit sich, in dem ihre Arbeitsstationen dokumentiert werden. (wikipedia)