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Zwischenzeilen: «Chonsch ou no es Bier cho näh i Rosegarte?»

Es war an der Fasnacht 1990, ein zum ersten Mal so richtig warmer Güdismontag, der obere Flecken war voll mit Guuggern, Göiggeln und lustigen Leuten die tanzten, tranken und lachten. Inmitten dieser bunten Menge sah ich auf einmal eine Gestalt, die mich irritierte. Es war eine alte Frau mit einem braunen Mantel und einem Kopftuch. In jeder Hand eine volle Papiertragtasche schleppend, bahnte sie sich stoisch einen Weg durch das Getümmel. Ich fühlte sofort, dass da etwas nicht stimmte, dass diese Person nicht hierhergehörte, ein Fremdkörper in der homogenen, feiernden Masse. Diese Frau war Ludwig Suter. Genial und mit einfachsten Mitteln hatte der Urmöischterer, Künstler und Ewigfasnächtler die Wahrnehmung der Leute überlistet, die Narren selbst zum Narren gehalten.

Ludwig war immer irgendwie da. Er gehörte zum Flecken wie der Michael zum Brunnen. Manchmal schaute er zum Fenster raus, stand sinnierend unter der Haustür oder schlurfte in Crocks über die Strasse. Grüezi sagte er nie und wenn er wegen einer Drucksache auf die Redaktion kam, drehte er kaum den Kopf, murmelte etwas Gewichtiges und verschwand wieder. Ging es aber darum, etwas aus der Geschichte von Beromünster zu recherchieren, gabs nur eine Anlaufstelle: Ludwig Suter. «Was werde ich tun, wenn ich ihn einmal nicht mehr fragen kann?», fragte ich mich ab und zu. Eine dumme Frage. Denn einmal gibt es nicht, und fragen kann man nur jetzt. Ich ging oft hin, um etwas zu fragen. Dann öffnete Ludwig wortlos die Tür, erzählte alsbald eifrig von früher und beim Abschied würdigte er mich keines Blickes.

Ich mochte Ludwig sehr. Er tat einem gut. Ein Unverrückbarer im Mainstream, ein störrischer Denker mit unbeugsamem Glauben an die Tradition. Eine Figur, die sich darstellte und doch sich selber war. Wie bei der «Frau im Flecken» war ich nie ganz sicher, ob er wirklich so war wie er tat, oder ob er eine Rolle spielte.

Als wegen Corona die Fasnacht ausfiel, sass Ludwig im leeren Flecken als Narr verkleidet übellaunig an einem Tischchen und tutete trotzig in eine Plastiktröte. Ich selber hatte mir in der Bäckerei einen Kuchen geholt und weil es sich anbot, setzte ich mich damit einfach an seinen Tisch. Das war mein Fasnachtserlebnis 2021.

Ein gutes Jahr später traf ich Ludwig zu einem Interview. Es war ein schöner Pfingstsamstag, der erste richtig heisse Tag eines langen Sommers. Ludwig hatte soeben sein Badgass-Buch fertiggestellt und fieberte der Vernissage entgegen, genau an Fronleichnam musste sie sein, das mache er jetzt und basta. Denn gleich danach müsse er wieder ins Spital. Das Interview verlief locker und er war redseliger denn je.

Als alles gesagt und notiert war, verabschiedeten wir uns und ich setzte mich ins Auto. Ich liess die Tür wegen der Hitze noch etwas offen. In dem Moment kam Ludwig zum Haus heraus, trat auf mich zu und sagte: «Chonsch ou no es Bier cho näh i Rosegarte?»

Die Vernissage wurde ein Fest, der Sommer war immer noch heiss, und drei Wochen später war Ludwig tot.

Was hätte ich geantwortet, hätte ich es gewusst? Die Frage ist dumm. Es gibt kein hätte, und zusammen ein Bier trinken kann man nur jetzt. Wo kämen wir hin, würden wir jedes Mal denken, es wäre das letzte Mal. Wir würden ja nur noch Bier trinken.


Zwischenzeilen sind Zeilen, die im Alltag hängen bleiben, aufgeschnappt von Ursula Koch-Egli. Heute zum Thema: Einladung. 







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