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Wirtschaft | Rain

Zwei-Generationen-Gespräch zum Landgasthof Kreuz in Rain

Per 19. Dezember ist eine über 100-jährige Wirtshausära zu Ende gegangen. Damit steht die Wachstumsgemeinde Rain mit fast 3000 Einwohnern ohne Restaurant da, was ein grosser kultureller und gesellschaftlicher Verlust ist. Der «Michelsämter» sprach letzten Donnerstag mit Lisbeth (65) und Walter Brunner (63), die das Traditionshaus über 30 Jahre erfolgreich geführt haben, sowie den Töchtern Jacqueline (33) und Caroline (28), die ebenfalls in der Branche Gastro/Hotellerie tätig sind.
Beim Generationengespräch gab es vertiefte Einblicke in die jahrzehntelangen Erfahrungen, aber auch neue Blickwinkel und Erkenntnisse, was die Gastrobranche ausmacht und welches die Herausforderungen, Erfolgsrezepte und Zukunftsaussichten sind. Die vier Gastroprofis und Brancheninsider öffneten für den «Anzeiger Michelsamt» extra nochmals das legendäre «Kreuz» und liessen die Gastrozeit für einen kurzen Augenblick wieder aufleben.


Lisbeth und Walter Brunner, wie geht es euch drei Wochen nach dem letzten Schlüsseldrehen im Kreuz – nach über 30 Jahren?

Lisbeth Brunner (LB): Es fühlt sich an wie längere Ferien (lacht). Wir hatten ja bereits kürzlich länger Ferien wegen des Lockdowns und konnten so «üben» und unseren Entscheid reifen lassen.

Walti Brunner (WB): Ich gehe immer noch jeden Tag ins oder rund ums Kreuz, es ist unser Haus und unsere Geschichte…

Welche Emotionen überwiegen?

LB: Ein lachendes und ein weinendes Auge, jedoch etwas mehr lachend... Wir sind durchaus froh, dass nun der Druck weg ist, dass wir nun endlich Zeit haben für uns.

WB: Es ist ein lange gereifter, freiwilliger Entscheid. Es war eine sehr emotionale und strenge Zeit bis zur Schliessung.


«Du kannst nicht schneller kochen, als die Herdplatte heiss wird.»   

Lisbeth Brunners riesige Lebenserfahrung auf einen Satz eingedampft...

Was hat euch zwei in den letzten Wochen am meisten gefreut?

WB: Die vielen herzlichen Restaurantgäste, die Wertschätzung der Gäste sowie des Personals bedeuten uns sehr viel. Das hat uns noch mehr zusammengeschweisst. Familie ist uns extrem wichtig. Ohne die riesige Unterstützung auch unserer beiden Töchter hätten wir das nicht geschafft.

Was ist am schwersten gefallen?

LB: Das definitive Abschiednehmen war sehr emotional. Doch wir sind froh, dass wir so viel Schönes erleben durften und gesund und glücklich aufhören dürfen. Das ist nicht selbstverständlich.

Gibt es für das Kreuz noch Hoffnung? Wie ist der neuste Stand?

WB: Ja durchaus. Wenn möglich, würden wir das Kreuz gerne verpachten. Doch die momentane Situation ist schwierig und die neuen Pächter müssten passen und mit uns harmonieren, denn wir wollen unser Lebenswerk nicht jedem/jeder übergeben.

Wie schaut ihr nun auf die vergangenen 30 Jahre zurück?

LB: Es war eine tolle, aber auch strenge Zeit. Wir spürten den Wandel bei der Esskultur und gesellschaftlich. Wir setzten auf gute Beziehungen mit allen und auf Kontinuität. Du kannst nicht schneller kochen, als die Herdplatte heiss wird. Oft sassen wir nach Feierabend oder nach einem gelungenen Anlass noch mit dem Personal zusammen und genehmigten uns ein Glas Wein, das war sehr wichtig für uns.

Peter Brunner hat im Dezember in seinem Gastartikel geschrieben, dass ihr zwei «vom einkehrenden Arbeiter bis zum Würdenträger jeden geschätzt und bedient habt, was zu grossem Ansehen verhalf». Wie habt ihr das erlebt?

WB: Für uns war und ist jeder Mensch gleich. Denn alle, die das Kreuz betreten haben, haben zum Erfolg verholfen. Wir wollten das gemütliche Lokal, die Heimat für alle sein, wo man sich wohlfühlt.

LB: Genau, wir dachten nicht parteipolitisch, scherzhaft sagte ich jeweils: «Der Fünfliber ist von allen gleich rund.» (lacht)

Gibt es Anekdoten aus dieser Zeit, die euch zum Lachen gebracht haben?

LB: Nein, eine spezielle Anekdote haben wir nicht. Wir haben aber immer sehr viel gelacht und eine gute Zeit erlebt. Bevor 1992 die Mehrzweckhalle kam, gabs hier bei uns Musikkonzerte, Theater und die legendären «Brommerbälle». So konnten wir über Jahre eine treue Stammkundschaft aufbauen.

Das Kreuz war ein urliberales Haus, neben dem «Seppu» (St. Josef) als CVP-Hochburg wenige Meter daneben. Wie habt ihr das erlebt?

LB: Als wir das Kreuz von Irma und Walter sen. übernommen haben, war es bereits nicht mehr so schlimm wie anno dazumal. Klar hat man mitbekommen, dass einige von der CVP nicht in das Kreuz kamen und umgekehrt. Mit dem Generationenwandel hat sich das aber nach und nach «ausgewaschen».

Welche Bundesräte und weitere Prominenz habt ihr in den über 30 Jahren erlebt?

WB: Wir haben viele Politiker und andere prominente Persönlichkeiten im Kreuz begrüssen dürfen. Zum Beispiel Bundesrat René ­Felber, Ständeräte, Nationalräte, Grossräte, Regierungsräte, Gemeinderäte und noch viele andere treue Gäste. Alle waren immer herzlich willkommen.

Wie geht es eurem treuen Personal? Welche Lösungen haben sich ergeben?

LB: Wir sind sehr froh, dass alle einen Job gefunden haben. Das war uns eine Herzensangelegenheit.

Welche Pläne habt ihr nun für eure Pensionierung, und was konntet ihr davon eventuell schon in die Wege leiten?

LB: Wir geniessen nun einfach die Zeit für uns mit Familie und Freunden. Über 30 Jahre waren wir tagtäglich für andere da. Jetzt haben wir endlich Zeit für uns.

WB: Mein «zweites Standbein» ist der Wald, ich liebe es dort zu sein – ich habe für dieses Interview einem Kollegen abgesagt, der mit mir heute in den Wald gekommen wäre.

Was wünscht ihr euch für Rain und die Region bezüglich Gastronomie?

LB: Es wäre natürlich schön, wenn Rain wieder einen Treffpunkt hat, wo man sich bei einem «Füürobe-Bierli» oder Kaffee austauschen und fein essen kann.

Jacqueline (JB) Stv. Head of Meeting & Event und Caroline (CB) Stv. Marketing & Communication Manager, ihr beiden Töchter arbeitet in Luzerner Hotels. Wie ist es euch in der ganzen emotionalen Schlussphase gegangen?

JB: Nach dem Entscheid der definitiven Schliessung war es eine sehr emotionale und strenge Zeit.

CB: Wir haben unseren Eltern ab dann noch mehr im Service, der Küche und bei administrativen Angelegenheiten unterstützt. Eigentlich jedes Wochenende.

War es für euch beide ein Thema, die Verantwortung für das Kreuz zu übernehmen?

JB: Mein Herz hat immer für das Kreuz geschlagen, jedoch konnte ich es mir einfach nicht vorstellen, diese grosse Verantwortung zu übernehmen und der Standort im Rain haben den Entscheid ausserdem gefestigt.

CB: Als Kind habe ich immer gesagt, dass ich es irgendwann mal übernehme. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich gesehen, wie viel Arbeit und Engagement dahinter steckt.

Was hat den Ausschlag gegeben, andere und doch verwandte Wege einzuschlagen?

JB: Die Gastronomie wurde uns in die Wiege gelegt. Unser Herz schlägt nach wie vor für diese Branche. Wir sind aber nun beide administrativ tätig und arbeiten meist von Montag bis Freitag bei normalen Bürozeiten, was halt schon auch Lebensqualität ist.

Welchem Gastrokonzept könnte aus eurer Sicht für die Zukunft Erfolg beschieden sein, wie eure Eltern ihn über 30 Jahre lang hatten?

CB: Das können wir nicht sagen. Unsere Eltern haben sich ein so grosses Stammkunden-Netzwerk erarbeitet, das braucht Zeit und ein fast übermenschliches Engagement.

Vor 20 Jahren hatte Rain noch drei Restaurants, die ganz unterschiedliche Bedürfnisse abdeckten, nun ist Rain eine «Gastrowüste» geworden. Was löst das bei euch aus?

WB: Das ist sehr, sehr bedauerlich, doch: Die Hoffnung stirbt zuletzt…


Hat sich das Essverhalten der Leute in den letzten 30 Jahren verändert? Stichworte Vegetarier, Allergiker, Raucher…

LB: Ja sehr, sei es die verschiedenen Esskulturen oder auch kurzfristige Änderungen. Früher haben bei einem Bankett alle das Gleiche gegessen, heute ist die Liste der Extrawünsche lang…

WB: Am Tisch musstest du immer freundlich bleiben, ich in der Küche durfte auch mal Emotionen rauslassen. (lacht)

Wie prägen die Veränderungen bezüglich Vereinswesen die Gastroszene?

WB: Im Kreuz waren die Vereine ein wichtiger Teil. Abgesehen während der Pandemie war das Kreuz ein Treffpunkt nach Proben, Trainings, Höck usw.

Ist es heute anspruchsvoller, einen Betrieb zu führen und in welcher Hinsicht?

LB: Oh ja, seit Corona natürlich noch mehr. Die fast wöchentlichen Massnahmen-Änderungen haben es nicht vereinfacht. Zudem ist der Stellenmarkt in Gastro/Hotellerie fast ausgetrocknet.

Wo geht ihr nun jeweils auswärts essen? Wohin zieht es diesbezüglich die nächste Generation?

WB: Wir sind alle begeisterte «Auswärtsesser» und gönnen uns gerne ein leckeres Menü mit einer guten Flasche Wein. Sei es in der Stadt oder auf dem Land. Wir sind offen für alles und probieren auch gerne wieder Neues aus, beispielsweise die indische Küche. Wir kennen auch das Chedi in Andermatt und die Bürgenstockhotels.

Welche Herausforderungen sind für die ganze Gastro-, Eventbranche und Hotellerie anzupacken?

JB: Primär ist es das Personalproblem. Viele haben sich bereits umorientiert, da ihnen die Branche einfach zu unsicher geworden ist.

Welche Vorschläge habt ihr mit eurer grossen Erfahrung?

CB: Es muss umgedacht werden: Mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen.

Seid ihr mit anderen Gastronomen/Restaurants im Michelsamt in Kontakt?

WB: Ja, wir sind im Wirteverband Seetal, kennen viele Kollegen persönlich.

LB: Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen. So machten wir das auch mit den Mitbewerber:innen.

Bei uns haben immer die Interviewpartner das letzte Wort. Was möchtet ihr noch loswerden?

WB: Die «Brunnerära» ist nach über 100 Jahren zu Ende. Wir möchten uns im Namen der dritten Generation Brunner bei allen für die jahrelange, sogar jahrzehntelange Treue bedanken. Es war uns eine Freude.


Die drei Frauen schauen vorbildlich zu ihrem Waldi.
Caroline, Lisbeth, Walli und Jacqueline Brunner in der Gastronomie-Küche, die noch immer bestens in Schuss ist.
Strahlen mit der Sonne um die Wette - Walter Brunner sagt: "Nie ohne meine Frauen!"
Lisbeth und Walter Brunner lesen amüsiert in einem 20-jährigen «Michelsämter»



Interview und Fotos: Karl Heinz Odermatt



Karl Heinz Odermatt



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