Wisent im Michelsamt: Dabei sein am Ostermontag
Uralte Tierart wird neu angesiedelt: Es zeichnet die Vernetzung Michelsamt aus, dass sie regelmässig innovative Ideen entwickelt. Am Ostermontag ist es wieder mal so weit, das Projekt «Wisent im Michelsamt» kommt zur Umsetzung und die Bevölkerung ist dazu eingeladen.
Die Verantwortlichen des Projekts «Wisent im Michelsamt» nehmen die Auswilderung der Herde zum Anlass, die lokale Bevölkerung über die neu freilebende Tierart zu orientieren und mit ihnen auf den Erfolg anzustossen. Sie und Chef-Rangerin Edyta Krawczyk stehen Red und Antwort, um über das Projekt zu orientieren und darüber, was ihre Motivation ist, den Europäischen Bison im Michelsamt wieder anzusiedeln.
Dabei sein wenns losgeht
Interessierte können am Rande dabei sein, wenn am kommenden Montag um 10 Uhr vormittags die imposanten Tiere bei der Korporationshütte im Chegelwald in den Angewöhnungsperimeter freigelassen werden. Dort kann sich die Herde über die ersten Wochen optimal an den neuen Lebensraum gewöhnen, bevor sie später grosszügig durch Wälder und über Felder des Michelsamtes ziehen können.
Das Projekt «Wisent im Michelsamt» arbeitet mit einem von Agroscope entwickelten, satellitgestützten, virtuellen Zaunsystem. Dieses begrenzt den Lebensraum der Tiere ohne physische Barriere, sondern allein durch Ton- und Elektrosignale. Dafür tragen die Leittiere der Herde einen Sender um den Hals, mit dem sie auch geortet werden können. Besucherinnen und Besucher werden deshalb auch keine Zäune oder Gatter im Chegelwald finden und sie werden nicht genau erfahren, wo sich das Streifgebiet der Wisent-Herde gerade befindet.
Besucherinnen und Besucher sind gebeten, das Gehege im Chegelwald unbedingt zu Fuss oder mit dem Velo zu besuchen. Im Anschluss an die Auswilderung offeriert die Vernetzung Michelsamt einen Umtrunk. Das Vernetzungsprojekt freut sich über ein grosses Interesse.
Wisentherden im Mittelalter
Bis ins Mittelalter hinein zogen Wisent-Herden durch das Schweizer Mittelland. Seit über 400 Jahren ist dieser Europäische Bison hierzulande jedoch nicht mehr heimisch. Die letzten ihrer Art überlebten in den Wäldern des Ostens. Vor drei Jahren nun startete hinter der ersten Jurakette, bei Welschenrohr, das Projekt «Wisent im Thal» mit dem Ziel, diese Tierart in der Schweiz wieder anzusiedeln.
In aller Stille vorbereitet, zieht in diesen Tagen das Vernetzungsprojekt Michelsamt nach. Das Projekt «Wisent im Michelsamt» wird das imposante Wildrind in diesen Tagen auf den Höhen des Blosenbergs aussetzen. Dafür wurde mit der grössten Waldbesitzerin die richtige Partnerin gefunden, um dieser mehrheitlich im Wald lebenden Tierart genügend Lebensraum zur Verfügung zu stellen.
Die Tiere für das Projekt im Michelsamt stammen aus dem Projekt im Rothaargebirge (D), wo seit 2013 eine grössere Wisent-Herde frei umherzieht und sich derart gut reproduziert, dass nun erste Individuen für das Ansiedlungsprogramm im Luzerner Mittelland eingefangen werden konnten. Bereits in die Schweiz eingeführt, befindet sie sich die kleine Herde – bestehend aus einem Stier, zwei Kühen und zwei Jungtieren – derzeit in einer Quarantänestation. Sie sind dort überwacht durch den Schweizerischen Veterinärdienst, bevor sie kommenden Montag im Chegelwald, hinter dem Landessender, ausgewildert werden.
Gute Vorbereitung ist alles
Ein Wildtier wieder in der Schweiz anzusiedeln, verlangt eine seriöse Vorbereitung. Nicht nur, dass es dafür eine Reihe von Bewilligungen des Bundes braucht, nötig sind auch diverse Abklärungen. Etwa, inwieweit sich die Wälder über die Höhen des Michelsamtes als Lebensraum für die Tiere eignen, welche Probleme mit der Ansiedlung entstehen könnten und wie ein gemeinsames Nebeneinander von Wildtier, Waldbesucher, der Wald- und Landwirtschaft konfliktfrei möglich ist.
Für Ersteres konnten die Spezialisten des Wisent-Projekts bei Balsthal der Vernetzung Michelsamt aufgrund ihrer Erfahrung grünes Licht für das Projekt geben: «Die Baumartenzusammensetzung und die strukturreichen Wälder mit vielen Nassstellen, sind optimal für diese Tiere», deren Fazit zur Situation im Chegelwald. Mehr Kopfzerbrechen bereitete hingegen die Frage, wie das Projekt «Wisent im Michelsamt» mit den erwartenden Konflikten – Schäden am Wald und im Offenland sowie spontane Begegnungen mit Waldbesuchenden, umgehen will. Hier kommen das Vernetzungsprojekt und der Betriebsförster der Waldbesitzerin ins Spiel. Letzterer zeigte sich von Beginn weg von der Idee überzeugt: «Ja, es wird Schäden an Bäumen geben. Damit können wir jedoch dank der guten Verjüngungssituation in unseren Wäldern gut leben. Wichtig ist, dass sich die Tiere im Angewöhnungsgatter optimal an ihre neue Umgebung anpassen, sie betreut sind und ihr Verhalten in der ersten Projektphase gut überwacht wird. Ich jedenfalls freue mich auf die Bereicherung unserer Wälder mit einer neuen Tierart.» Nach dem Biber sei dies ein zweites Wildtier, das künftig wieder sichtbar Spuren im Michelsamt hinterlassen werde, so der Förster.
Eine gute Begleitung ist Voraussetzung für den Erfolg des Projekts «Wisent im Michelsamt». Deshalb hat die Vernetzung zwei künftige Wisent-Ranger zur Ausbildung auf die Sollmatt (Sitz des Wisent-Projekts Thal) geschickt, um diese optimal auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten. Eine davon ist die junge Edyta Krawczyk, mit Wurzeln in Polen, wo bis heute eine stattliche Zahl dieser Tiere in Freiheit lebt. Sie zeigte sich im Gespräch mit dem Anzeiger Michelsamt überrascht, wie ruhig sich die Tiere in den Wäldern des Juras bewegen und wie geschickt sie auf Begegnungen mit Menschen reagieren (siehe auch Interview auf dieser Seite). Die Wisente ziehen sich rechtzeitig diskret ins dichte Unterholz zurück, um dem Menschen auszuweichen. Besucherinnen und Besucher im Chegelwald dürften deshalb den Wisenten nur mit viel Glück begegnen. Und wenn, dann einfach ruhig bleiben und mit genügend Abstand im gewohnten Schritt weiterspazieren. Ein aggressives Verhalten dieser Tiere ist bisher nicht bekannt.
Vernetzung Michelsamt
Mehr Bilder zum Wisent: (Bilder zvg)