«Wir können Naturbeobachtungen machen, ohne ins Auto sitzen zu müssen»
Im Wald zwischen Neudorf und Beromünster findet sich ein Plakat, das auf die Gefahren für Jogger betreffend Mäusebussarde aufmerksam macht. Ist es gefährlich hier zu joggen oder zu spazieren? Gibt es Neues vom Biber, der fleissig die Bäume «bearbeitet»? Wir haben bei Christian Hüsler, Wildhüter und Spezialist Biber für den ganzen Kanton sowie Fachbearbeiter Jagd nachgefragt und uns über Mäusebussarde, Biber und die Naturliebe unterhalten.
Christian Hüsler, das Plakat zum Mäusebussard tönt dramatisch. Gab es da schon Vorfälle? Worauf müssen Jogger und Velofahrer denn konkret achten?
Dies ist jeweils im Frühsommer an gewissen Orten ein Problem, wenn die Altvögel ihre Jungen zu beschützen versuchen. Insbesondere Jogger, welche in einem konstanten Tempo und meist geradlinig auf die Horstumgebung respektive auf die ausgeflogenen Jungen zu joggen, können für diese Vögel sehr bedrohlich wirken, was wiederum dieses Abwehrverhalten auslöst. Mir sind drei oder vier Standorte im Kanton Luzern bekannt, wo dies alljährlich ein Thema ist. Zu Verletzungen kommt es aber nur in seltenen Fällen und um Mitte Sommer ist der «Spuk» jeweils wieder vorbei.
Ihre neue Infotafel zu den Bibern an der Wyna hinter der Badi wurde bereits beachtet und der Biber interessiert viele Menschen. Gibt es dazu Neues zu berichten?
Die Infotafel habe ich letzte Woche aufgestellt, da dort die Aktivitäten der Biber, aber auch deren Konfliktpotenzial, super zu beobachten sind und viele Leute gerade wegen den Bibern dort spazieren gehen. Das Interesse an den Bibern freut mich. Gerade letzte Woche habe ich mit Tele 1 dort einen Beitrag aufgenommen. Es gibt aber auch noch andere Orte in Beromünster, wo Biber aktiv sind…
Was geben Sie naturinteressierten Menschen im Michelsamt mit auf den Weg, wenn Sie sich in die Natur aufmachen?
Einerseits, dass sie die vielfältige Natur wahrnehmen, welche bei uns direkt vor der Haustüre vorhanden ist. Wir können bei uns spannende Naturbeobachtungen machen, ohne zuvor ins Auto sitzen zu müssen. Der Biber mit seiner Lebensraumgestaltung, welche viele weitere Tierarten eine Lebensgrundlage schafft, ist ein Paradebeispiel dafür. Andererseits aber auch offene Augen für Konflikte, welche zwischen der Natur und dem Menschen entstehen können. Um ein erfolgreiches und langfristiges Zusammenleben zwischen Wildtieren und Menschen in unserer Kulturlandschaft zu ermöglichen, braucht es Verständnis für die Tiere und deren Ansprüche, es braucht aber auch Verständnis für Lösungen bei Konflikten. Auch hier ist der Biber ein sehr gutes Beispiel. Ich bewege mich tagtäglich in diesem Spannungsfeld und es ist oft eine Herausforderung, diese verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber umso mehr erfüllt es mich, wenn ich zu einer Lösung beitragen kann, welche für beide Seiten gewinnbringend ist.
Wie sieht ein Tag bei Ihnen aus, wenn Sie auch draussen sind?
Meisten bin ich am Morgen für das sogenannte Tagesgeschäft zuerst im Büro, beantworte E-Mails und telefonische Anfragen. Dann gibt es einerseits geplante Arbeiten draussen: Begehungen bei Biberproblemen, eine Baustellensitzung, wenn bei einem Bauwerk Wildtiere tangiert werden oder die Kontrolle von Wildkameras zur Überwachung einer bestimmten Tierart. Daneben fallen viele spontane Einsätze an, wenn irgendwo ein bestimmtes Wildtier verletzt oder tot aufgefunden wird, ein Schaf gerissen wurde oder eine illegale Tätigkeit im Zusammenhang mit Wildtieren gemeldet wird. Diese spontanen Einsätze machen eine strukturierte Planung meiner Arbeitstage oft nicht ganz einfach und bedingen eine gewisse Flexibilität. So rücke ich regelmässig auch nachts oder an Sonntagen aus.
Welches sind Ihre Hauptaufgaben:
Mehr als die halbe Woche arbeite ich im Büro. Ich gebe Auskunft zu allerlei Fragen im Zusammenhang mit Wildtieren seitens Bevölkerung, anderen Fachstellen, Jägern oder den Medien. Daneben muss ich viele Abklärungen treffen und Bewilligungen aufgleisen, wie es zum Beispiel beim Bibermanagement oft notwendig ist. Neben dem Biber gehört das generelle Konfliktmanagement bei verschiedensten Tierarten, insbesondere den geschützten, zu meinen Hauptaufgaben. Neben dem Biber sind dies vor allem die Graugänse oder auch die grossen Mittelmeermöwen, deren Bestände zunehmen und dadurch auch ihr Konfliktpotenzial. Daneben gibt es eine Vielzahl von saisonalen Aufgaben wie die Überwachung gewisser Wildtierbestände, jagdpolizeiliche Aufgaben wie Hundeleinenkontrollen, Begutachtung von gerissenen Wild- oder Nutztieren oder auch notwendige Abschüsse von Tieren. Sehr viele jagdliche Aufgaben übernehmen im Kanton Luzern die Jagdgesellschaften. Wildbestandserhebungen oder das Ausrücken bei Verkehrsunfällen mit Wildtieren sind nur zwei Beispiele von Aufgaben, welche in Kantonen mit dem Patentjagdsystem nicht die Jäger, sondern die kantonale Wildhut übernimmt. Daher ist diese ganze Fronarbeit der Jäger eine grosse Entlastung für uns.
Interview und Fotos: Karl Heinz Odermatt