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Wendepunkt bei Sankt Wendelin, Aufbruch in Beromünster

Der Auffahrtsumritt von Beromünster am 9. Mai lockte wiederum Menschen von nah und fern herbei. Die 18 Kilometer lange Route wurde verschiedentlich begangen, der Einzug in den Flecken war feierliches Finale. Auffahrt verbindet Religiosität und Geselligkeit, Brauchtum und Ritual. Impressionen von zwei Schauplätzen: Die kleine Kapelle in der weiten Landschaft und der stattliche Flecken in historischem Gemäuer.

Eine kühle Bise weht über den Erlosen. Die Landschaft zeigt sich in sattem Grün und der Himmel in hellem Grau, er lässt ein paar Sonnenstrahlen durch. Nach und nach finden sich Leute bei der Wendelinskapelle oberhalb Witwil ein. Wanderer, Familien, Biker in Neongelb. Alle warten. Im Windschutz südlich der Kapelle ist es angenehm warm. Dort wartet auch Lina Troxler auf der Bank. Im Schürhof aufgewachsen, dürfte dies die 95. Auffahrt sein, die sie miterlebt. «Sobänd as mer hend chönne loufe, esch d’Mueter met üs omgloffe», erzählt sie und lächelt.


Warten

Auf der nördlichen Seite der Kapelle steht Kaspar. Knabbert gemütlich am Gras. Das 23-jährige Shetland-Pony darf zum ersten Mal mit zur Prozession. Die junge Reiterin Meala von Bahder ist ein wenig aufgeregt. Unten bei den Höfen steht der Verkehrsdienst bereit, unterhält sich mit den Bauern. Wartet. Auffahrt ist Warten, Erwarten.

«Me ghört sie afig», sagt jemand. Sehen kann man die Prozession noch nicht, aber der Klang der Reitermusik ist schon leise zu vernehmen. Erste Pilger gehen voran, vereinzelt oder in Grüppchen. Sie ziehen direkt Richtung Beromünster, lassen Segen und Gebet bei Sankt Wendelin aus. Auffahrt ist Timing. Zur rechten Zeit am richtigen Ort ist, wer das Wichtigste nicht verpassen will.


Mystik

Nun taucht sie in der sanften Hügelkuppe auf, die langgezogene Formation aus Pferden und Menschen. Bewegt sich langsam voran. Halb verdeckt hinter dem hohen Gras, wirkt sie wie schwebend. Gebet in Bewegung. Vor der Kapelle platzieren sich die Reiterinnen und Reiter mit ihren Pferden exakt. Eingespieltes Drehbuch seit Jahrhunderten. Erhaben ertönt das Tantum Ergo aus dem glänzenden Blech. Unmöglich, sich der Mystik des Moments zu erwehren. Pferde wiehern da und dort. Der Priester liest das Evangelium und spricht den Segen. «Bereit, vorwärts, marsch!», ruft der Kommandant zum Aufbruch. Der Tross macht sich bereit für den Weg hinab nach Beromünster.

Eine Gruppe bleibt bei der Kapelle an der Sonne sitzen und verpflegt sich aus dem Rucksack. Die Wandergruppe aus Genf ist eigens für dieses Erlebnis ins Michelsamt gereist und von Rickenbach bis Witwil gepilgert. «Magnifique», finden sie. Es sei schön, eindrücklich und ergreifend.


Spannung

Beromünster, kurz vor zwei Uhr mittags. Eine junge Familie läuft zügig Richtung Flecken. «Nein, wir sind nicht umgegangen, wir wollen nur schauen», sagen sie und beeilen sich. Ein auswärtiger Wagen mit Pferdeanhänger hält vor den Signalen. Offensichtlich an der falschen Seite der Ortschaft. Vom Verkehrsdienst freundlich angeleitet, wendet er und nimmt die weite Umfahrung über Winon und Witwil bis zur Mooskapelle, wo man sich bereits formiert für den Einzug. Ob das noch reicht? Auffahrt ist Timing.

Der Flecken füllt sich zunehmend. Menschen kommen wie Ameisen aus jeder offenen Fuge und sammeln sich zur Volksmenge entlang der Häuserzeilen. Die Glocken von Sankt Stefan und Sankt Michael schlagen zwei Uhr. Sicheres und trockenes Wetter herrscht auch heute, an Auffahrt weint der Himmel nicht. Im oberen Flecken werden Würste gebraten und Getränke serviert, bei der Mooskapelle trappeln die Pferde nervös. Alles im Griff: Kommandant Pius Muff tut dies bereits seit 25 Jahren. Es kann losgehen.


Aufbruch

Die Individuen, die Schaulustigen, die Pilger und die Gläubigen – sie alle werden in diesem Moment zur Einheit. Gemeinsam in gespannter Erwartung. Wenn dann die Prozession in den Flecken einzieht, erklingt die Musik noch erhabener als zuvor. Und wenn sich alle Augen auf die Pferde richten, auf Reiterinnen und Reiter in roten, blauen und schwarzen Mänteln und der textile Himmel über den Priestern getragen wird – dann ist Auffahrt. Was ist Auffahrt? «Wir sind an einem Wendepunkt!», verkündet Festprediger Andy Chivel über das Mikrofon. «Auffahrt ist Aufbruch. Neuanfang!» Christi Himmelfahrt sei ein Wendepunkt, sagt er und zitiert die Apostelgeschichte: «... als er das gesagt hatte, wurde er von einer Wolke emporgehoben ...»

Ein Bild aus der Kindheit erscheint vor dem inneren Auge. Die Jesusgestalt mit langem Haar, in weissem Kleid und Sandalen, fährt – nicht schwebt, sondern fährt – senkrecht in den Himmel hinauf. Eine furchtbare Vorstellung für ein Kind. Aus Furcht wird Ehrfurcht.

«Aufgefahren in den Himmel» sei der Moment, da Jesus eine neue Dimension erlangt habe, erklärt Andy Chivel in seiner Predigt hoch zu Ross beim grossen Torbogen mitten im Flecken. Eine neue Dimension. Auffahrt als Erleuchtung.


Entspannung

Unter Pauken und Fanfaren zieht der Tross dann Richtung Stift, auch Kaspar ist dabei und seine Reiterin winkt dem Publikum strahlend zu. Der obere Flecken ist gefüllt mit Leuten, die das obligate Ständchen der Reitermusik Gunzwil umrahmen, mit Sicherheitsabstand hinter den Rossen. Bei der Enoteca wird reichlich grilliert und Flüssiges ausgeschenkt. Die Pferde trinken am Scholbrunnen.

Die Stimmung franst aus. Das Warten ist vorbei, das Timing erfüllt, der Hunger gestillt und der Durst gelöscht, und das Wetter ist immer noch gut. Auffahrt ist Entspannung. Und die Erleuchtung? Wer weiss. Bis zum nächsten Mal dauert es ein Jahr und drei Wochen. Man kann ja mal darüber nachdenken.

Ursula Koch-Egli


Weitere Impressionen vom 515. Auffahrtsumritt Beromünster am 9. Mai 2024:

Bilder: uke




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