Was macht der Schimmel in der Schliffi?
Der Ort könnte idyllischer nicht sein: Ein schmaler Pfad führt von «Under Brugg» Beromünster hinaus der Wyna entlang, vorbei an Bäumen über eine schmale Brücke, wo sich eine kleine, flache Wiese auftut. Ein Plätzchen ideal zum Verweilen, Natur geniessen, entspannen. Im letzten Herbst es einladend mit Grillstelle, Tischgarnitur und Infotafel bestückt, doch nur ein halbes Jahr später war alles wieder abgebaut. Da wundert man sich doch, warum.
Das Bild hat viele in diesem Frühling freudig überrascht: Eine Infotafel des Ortsmarketings 5-sterne-region, zwei Beton-Tischgarnituren und zwei solide Grillstellen plus Holzvorrat luden im Schliffi-Tobel zum Picknicken ein, zum Bräteln und Geselligkeit pflegen in freier Natur. Wer die rund 500 Meter von Beromünster her bachabwärts entlang der Wyna spazierte, traf auf der kleinen Wiese junge Familien, spielende Kinder und Wanderer, die sich erholten.
Umso mehr erstaunte, oder mehr enttäuschte Anfang Juni die Besucher ein anderes Bild: Als wäre es nur ein Traum gewesen, war die beliebt gewordene Freizeitinstallation wie über Nacht entfernt worden. Nur noch wenige Spuren in Gras und Erde erinnerten an die erst noch da gewesene Installation.
Von einer Stelle zur andern verwiesen
«Bleibt mein freundliches Warum?», schrieb ein aufmerksamer Bürger in einer Mail an die Redaktion. Er sei mehrfach im Flecken und unterwegs auf das Verschwinden dieser «Schliffitobel-Oase» angesprochen worden und hoffte so auf Antwort einer zuständigen Stelle, die ihn und viele andere beruhigend aufklären würde. «Hoffe, dass hier nicht etwa der Amtsschimmel sich vergaloppiert hat», so sein verwundertes Resumé.
Oase? Schimmel? Grillplatz? – «Da wollen wir doch gleich mal nachschauen», dachte die Redaktion und machte sich auf den Weg. Was sie in der Schliffi antraf, war dann tatsächlich Idylle pur in sanfter Natur, jedoch wie besagt ohne Grillplatz und auch ohne Schimmel, dafür mit einer neuen, blauen Tafel: Trinkwasserschutzgebiet. War das der Grund?
Ein kurzes Nachfragen bei der Gemeinde sollte genügen, dachte sie sich, doch weit gefehlt. Bei der Gemeinde verwies man sie an Rebekka Schüpfer vom Ortsmarketing, diese verwies kommentarlos weiter an Felix Matthias, Projektleiter beim Ortsmarketing und dieser leitete in seiner Auskunft wiederum über zur Korporation. Von dort sollte sich der Kreis wieder schliessen zur Gemeinde und weiter noch zum Kanton – der «Amtsschimmel» hatte tatsächlich einen recht weiten Weg zurückgelegt.
Für jeden Ortsteil einen Begegnungsplatz
Vor dreieinhalb Jahren hat das Ortsmarketing in Zusammenhang mit einem national angelegten Projekt für Begegnungsplätze damit begonnen, in der Gemeinde Beromünster in jedem der vier Ortsteile eine Grillstelle für die Öffentlichkeit zu planen, erklärt Felix Matthias auf Anfrage. Diese Plätze sollten gemäss Leistungsvereinbarung mit der Gemeinde so konzipiert sein, dass im Minimum zwei Familien dort grillieren können, also mit zwei Tischgarnituren bestückt, mit Abfallkörben, Holzlager und einer Infotafel. Ein erster solcher Begegnungsplatz wurde bereits 2020 auf dem Blosenberg realisiert (Ortsteil Gunzwil). Einer wird in Schwarzenbach im Erlosenwald diesen Sommer fertiggestellt und einer nächstes Jahr in Neudorf. Und für den Ortsteil Beromünster wurde eben im Herbst 2021 derjenige in der Schliffi eingerichtet.
«Seit dreieinhalb Jahren besteht diese Projektskizze», so Felix Matthias, «das Baugesuch wurde durch die Gemeinde aber nur provisorisch bewilligt.» Folglich teilte die Gemeinde Beromünster im Dezember 2021 der Korporation als Grundeigentümerin mit, «solange die Gesamtrevision der Ortsplanung nicht rechtskräftig sei, könne das Projekt nicht wie vorgesehen bewilligt und umgesetzt werden.» Das Nein zur Ortsplanungsrevision vom 2020 lässt also ein weiteres Mal grüssen.
«Erlaubt» heisst nicht «bewilligt»
Der Gemeinderat von Beromünster war von Beginn an offen für das Projekt, und weil das Ortsmarketing auf die ursprünglich geplante Bodenverbesserung plus Natur-WC-Anlage verzichtete, konnte der Begegnungsplatz seitens der Gemeinde provisorisch «erlaubt» werden – was aber nicht heisst «bewilligt». Zwischenzeitlich entschied sich die Korporation Beromünster aber gegen den Begegnungsplatz, zumal es sich in der Schliffi zusätzlich um ein Trinkwasserschutzgebiet handelt. So wurde das Ortsmarketing in einem Schreiben der Korporation vom 4. Januar 2022 aufgefordert, den Grillplatz im Frühjahr wieder zurückzubauen. Was diese schliesslich am 30. Mai auch tat.
Dennoch bleibt beim Ortsmarketing ein Kopfschütteln zurück. «Geht es um Machtspiele?», sinnieren Felix Matthias und das Ortsmarketing-Team rund um Rebekka Schüpfer und Manuela Felix resigniert. «Wir als Ortsmarketing wollen nun aber schauen, dass so etwas künftig harmonischer abläuft. Alle sind schliesslich voneinander abhängig, solche Projekte sind ein Nehmen und ein Geben.»
Ein Trauerspiel
Ein paar Häuser weiter unten im Flecken klingt es ähnlich enttäuscht. «Es ist ein Trauerspiel!», sagt Robert Suter, Geschäftsführer der Korporation Beromünster. «So schön wie der Platz dort unten auch ist, er ist nicht bewilligungsfähig! Provisorisch wurde er aber geduldet, und jeder normal Denkende fragt sich nun: wieso baut man das wieder ab?»
Ursprünglich war man auch bei der Korporation offen für diese Idee, wollte sogar als Tischsponsor sich daran beteiligen. Im November ‘21 fiel aber dann der Entscheid der Gemeinde, das Baugesuch beim rawi zurückzuziehen. «Die Planierung des Platzes und das Stellen einer WC-Anlage sind laut rawi an diesem Platz nicht bewilligungsfähig», so Robert Suter. Von da an konnte die Korporation nicht mehr hinter dem Begegnungsplatz an dieser Stelle stehen. Als Grundeigentümerin befürchtete sie gesetzliche Rückschläge, denn die Parzelle befindet sich direkt im Trinkwasserschutzgebiet des Pumpwerks der aquaregio AG. «Würde jemand Anzeige machen, käme das auf uns zurück. Die Korporation will nichts Illegales machen. Auch ein Picknickplatz braucht eine Baubewilligung, und diese wurde nicht erteilt», so Suter.
Laut Roland Emmenegger von Raum und Wirtschaft (rawi) Luzern sind es diese baurechtlichen Gründe, die den geplanten Begegnungsplatz in der Schliffi verunmöglichen: Es handelt sich um eine Neuanlage, welche in einer Naturschutzzone, im Gewässerraum und im Unterabstand zum Wald hätte erstellt werden sollen.
Überregulierung oder Sicherheit?
Vom OM zur Korporation zur Gemeinde zum Kanton hat die Schliffi-Begegnungsoase also mehrere Amtsstellen durchlaufen und sich gegen Vorschriften und Gesetze nicht behaupten können. «Von der Sicherheit her, wegen der Gefahr von Gewässerverschmutzung, weil es neben einer Schutzzone liegt, ist es nicht bewilligungsfähig. Wir wollen keine Anzeige einfangen!», sagt Robert Suter. Der Förster verwirft die Hände. «Vor dreissig Jahren hätte man doch nicht über so etwas diskutiert!», sagt er aufgebracht. «Jetzt gibt es nur Verlierer. Das ist eine Folge der Überregulierung heutzutage. Wir haben immer mehr Gesetze und Vorschriften.»
Also doch der Amtsschimmel? Vor dreissig Jahren hätte da wohl wirklich niemand etwas gesagt. Nicht einmal, wenn in der Schliffi ein Schimmel geweidet hätte. Heute geht Trinkwasserschutz vor. Der Begegnungsplatz im idyllischen Schliffitöbeli befindet sich in der Gewässerschutzzone 1 (siehe geoportal.lu.ch). Ob vergaloppiert oder nicht: der Amtsschimmel hilft mit, das hohe Gut von sauberem Trinkwasser sicherzustellen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbar ist.
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli