Vorfreude – Die Kunst des Wartens: Wer warten kann, ist besser dran
Der Text, den die Autorin verdankenswerterweise dem «Michelsämter» zur Verfügung gestellt hat, erschien im November 2022 erstmals nach einem begeisternden Referat anlässlich der 24. Münsterer Tagung, organisiert vom Dolder Haus Beromünster. Da Advent und die Kunst des Wartes ein immer wiederkehrendes Thema darstellt, wird diese sehr empfehlenswerte, exklusive Buchzusammenfassung hier nochmals publiziert.
Aufschieben kann ein Vorteil sein. Das hat der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel an der Universität Stanford mit einem interessanten und amüsanten Experiment getestet. Man setzte Vorschulkinder an einen Tisch und präsentierte ihnen ein Marshmallow, das sie gleich essen durften. Doch sagte man ihnen auch, sie könnten zwei Marshmallows haben, wenn sie bereit wären, den sofortigen Verzehr zu verschieben und einige Zeit zu warten. Nun sassen die Kinder vor der Süssigkeit, und man beobachtete, was geschah. Es gab Kinder, insbesondere die Kleinsten, die auf der Stelle zugriffen. Viele andere gaben sich Mühe abzuwarten, und einige waren erfolgreich. Das Experiment findet auch heute noch in der Forschung Anwendung, es gibt Videoaufnahmen, und man kann den Kindern bei ihrem Ringen um Disziplin zusehen. Zum Beispiel halten sich manche die Augen zu, andere berühren das grosse Bonbon, ohne es anzuknabbern, während andere zappeln und fuchteln, wieder andere schauen demonstrativ weg. Wir wissen nicht, was im Kopf der Kinder vorging, aber die Erfolgreichen haben sich wahrscheinlich vorgestellt, wie es ist und wie gut es schmecken wird, wenn sie dann später das Marshmallow essen. Mischel konnte das Erwachsenwerden der Kinder begleiten. Er fand, dass diejenigen, die hatten warten können, beruflich und persönlich erfolgreicher und zufriedener waren.
Warten und Phantasie
Wer warten kann, ist besser dran. Auch die Psychoanalyse hat sich mit Warten und Wünschen beschäftigt: Warten ist uns auferlegt, aber wir schaffen das Warten mit guten Gefühlen, weil wir uns das, was wir wünschen und noch nicht haben, im Kopf in den schönsten Farben vorstellen können.
Warten ist das halbe Leben: Der Säugling muss warten, bis die Milch kommt, man wartet, bis man an die Reihe kommt, bis man Geld gespart hat, bis endlich Weihnachten ist. «Morgen, Kinder, wird's was geben. Morgen werden wir uns freun», heisst es im Lied. Wir freuen uns aber schon heute auf morgen, und das ist von grösster Bedeutung für die Fähigkeit zu warten. Wir malen uns aus, wie der Weihnachstabend sein wird. Durch die Fähigkeit, das Gewünschte in der Vorstellung zu geniessen, ohne es gleich haben zu müssen, bringen wir für das Warten Geduld und Disziplin auf. Das Warten wird sogar zu einem Ersatz-Genuss eigener Art. Sigmund Freud nennt diesen Ersatz-Genuss «Vorlust». Kluge Eltern können zusammen mit dem Kind schöne Vorstellungen von Weihnachten entwickeln und damit die Vorfreude kultivieren.
Genuss der Vorfreude und Glanz des Lebens
Das hat einen Vorteil für das Wohlbefinden: Der Genuss der Vorfreude macht geduldig. Man weiss aus der Psychotherapie, dass Menschen, die keine Vorfreude kennen, oft reizbarer, verdriesslicher und ungeduldiger sind als andere, weniger Freude aus Spiel und Fantasie gewinnen und sich schneller langweilen. Gewöhnlich sind die Vor-Lustigen und Vor-Freudigen zugleich diejenigen, die dann das erwünschte Ereignis besonders zu schätzen und zu feiern wissen. Das ist dann Glanz auch in der kleinsten Hütte.
Text: Brigitte Boothe, Bilder: Karl Heinz Odermatt