Verzichten heilt: Warum Fasten so gesund ist und so gut tut
Fasten ist viel mehr als nicht essen. Forschende stellen verblüfft fest, welch starke Effekte systematischer Verzicht auf unseren Körper hat, und wie segensreich er sogar auf den Verlauf von Krankheiten wirkt. Der Anzeiger Michelsamt wollte von Andrea Klose, reformierte Pfarrerin in Sursee und zuständig für die Gemeinden des Surentals, darunter auch Schlierbach, wissen, wie sie sich zum Fasten stellt und welche Erfahrungen sie selber damit macht.
Andrea Klose, was bedeutet Ihnen Fasten ganz konkret?
In den letzten Jahren ist mir wichtig geworden, die Fastenzeit bewusst zu gestalten. Jedes Jahr überlege ich mir neu, auf welche Gewohnheit ich verzichten möchte. Normalerweise sind das Süssigkeiten, weil ich davon das Jahr hindurch so viel esse. Über mehrere Jahre habe ich beispielsweise auch auf Alkohol verzichtet. Dieses Jahr wollte ich auch bewusst auf ein Spiel auf dem Handy verzichten. Zudem praktiziere ich in der Karwoche ein Vollfasten, dass heisst ich nehme in dieser Zeit keine Nahrung zu mir, sondern trinke nur Wasser, Fruchtsäfte und Bouillon. Eine grosse Hilfe war dabei, dass ich das jeweils gemeinsam mit einer Gruppe gemacht habe. Wir haben uns jeden Abend getroffen, um über unsere Erfahrungen mit dem Fasten zu sprechen und uns auch Zeit für das gemeinsame Gebet zu nehmen.
Was sagen Sie jemandem, der sagt: «Fasten – das ist doch gegen die Natur, wo wir doch essen müssen um leistungsfähig zu bleiben, um zu überleben?»
Körperlich gesehen ist das Fasten die Umstellung einer äusseren Ernährung auf die innere. Der Körper kann sich gut tagelang von seinen Reserven ernähren. Dabei baut der Körper zuerst die alten, «vergifteten» Zellen und das alte Gewebe ab – dies führt zu einer Entschlackung und Gesundung des Körpers. Es ist spannend, wie sehr das Essen eine Kopfsache ist – auch bei mir. Obwohl ich das Vollfasten ja bereits etliche Jahre gemacht habe, habe ich jedes Jahr einen grossen Respekt davor und ich habe das Gefühl, ich schaffe das nicht.
Die körperlichen respektive die gesundheitlichen Vorteile stehen für mich aber nicht im Zentrum – ich bin in medizinischen Fragen auch keine Expertin. Besonders beim Vollfasten geht es darum, mehr Raum für das Gebet, für die Beziehung mit Gott zu haben. Dies ist zum Beispiel schon rein zeitlich der Fall: Wenn ich all die Zeit, die ich normalerweise mit einkaufen, kochen, essen und abwaschen verbringe für das Gebet, für Stille oder Meditation brauche, habe ich plötzlich viel mehr Zeit dafür. Wichtig ist natürlich, dass ich mir diese Zeiten dafür auch nehme. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel bei der Arbeit sehr wohl eine Mittagspause mache und in dieser Zeit vielleicht einen Spaziergang geniesse. Wenn ich einfach durcharbeite, weil ich ja ohnehin nichts esse, habe ich «geistlich» gesehen auch keinen Nutzen. Und leider ist die Gefahr dafür gross, die frei gewordene Zeit einfach mit anderem zu füllen.
Was motiviert Sie, diesen Verzicht jedes Jahr zu machen?
Das Vollfasten ist für mich eine Investition in die Beziehung mit Gott. Eine Beziehung, die mir sehr wichtig ist, die aber im Alltag sehr umkämpft ist, respektive ich oft nicht so viel Zeit dafür investiere, wie ich gerne würde. In dieser Zeit mit Gott muss gar nichts passieren. Es geht beim Fasten nicht darum, etwas bei Gott zu erreichen oder ihn, oder auch sonst jemanden, zu beeindrucken.
Der Verzicht auf gewisse Nahrungsmittel oder auch auf Social Media hilft mir, mich selber besser kennen zu lernen. Ich merke, welche Gewohnheiten vielleicht schon etwas mehr sind als Gewohnheiten. Im Vergleich zum Neujahrsvorsatz, setzt man sich nur für 40 Tage ein Ziel – das ist absehbar und trotzdem auch lang genug, dass ich mir möglicherweise neue, gesündere Gewohnheiten antrainiere. Der Verzicht führt in eine innere Freiheit, weil ich merke, dass ich kein Sklave meiner Gewohnheiten bin.
Persönlich: Das ist Andrea Klose
Beruf: Pfarrerin
Ursprünglich gelernter Beruf: Sozialdiakonin
Wohnort: Sursee
Mag ich sehr: Erdmännchen, Jassen, Freund:innen treffen, Serrano-Schinken, heisse Sommerabende, Flohmärkte
Mag ich überhaupt nicht: Safran, Riesenrad (Höhenangst!), Veränderungen, Gummibänder, Geschirr in der Spüle
Interview: Karl Heinz Odermatt, Bilder: kho/zvg