Update: Martini Symposium Sursee: «Gehirngerecht arbeiten im 21. Jahrhundert»
Sie sind gesuchter denn je: Kreative Köpfe, die Ideen und Innovationen vorantreiben. Aber wie können neue Denkansätze entwickelt und in die Wirtschaft und Gesellschaft implementiert werden? Am alle zwei Jahre durchgeführten Martini Symposium vom Donnerstag, 23. November, im Businesspark Sursee gaben Referenten und Podiumsteilnehmende dazu spannende Antworten. 350 Interessierte wollten sich dies nicht entgehen lassen, der Anlass war ausverkauft. Der «Michelsämter» wollte von Teilnehmenden aus unserer Region wissen, was sie vom erfolgreichen, inspirierenden Event mitnehmen.
Die Stadtpräsidentin von Sursee, Sabine Beck, zudem OK-Präsidentin des Events, begrüsste die fast 350 Gäste aus regionaler Wirtschaft und Politik im Businesspark Sursee. Die Stadt Sursee hatte zum zweijährlich stattfindenden Martini Symposium diesmal zum sehr aktuellen Thema «Gehirngerecht arbeiten im 21. Jahrhundert» geladen. Als Moderator war kein Geringerer als der legendäre ehemalige «10 vor 10»-Moderator und heutige Kommunikationsdozent Stephan Klapproth engagiert worden. Seine starken, frechen Sprüche wie etwa «Was grenzt an Dummheit – Kanada und Mexiko», «Die Auszählung der Wahlergebnisse hätte das Bundesamt für Statistik auch der Schweizer Fussball-Nati überlassen können, die können auch kein Resultat halten» oder «Nur wer Stroh im Kopf hat, fürchtet den Funken der Wahrheit» hätten alleine den Abend füllen können. Doch liess er seine Eloquenz dosiert aufblitzen, hauptsächlich um die beiden Referenten, den Hirnforscher Henning Beck und den Generation Z-Experten Yannick Blättler anzukündigen und zur Themenüberleitung an der Podiumsdiskussion, an der auch die HR-Chefin von Calida, Manuela Ottiger, und die Jobeagle-Co-Gründerin Delia Herger teilnahmen. Als Überraschungsgast war der Cartoonist Carlo Schneider anwesend, der während der Veranstaltung von den Aussagen des Abends gelungene Live-Karikaturen anfertigte.
Man kann ent-lernen, aber nicht ent-verstehen
Wer weiterkommen will, braucht kreative Denkansätze und innovative Lösungen. Aber wie lassen sich solche entwickeln? «Wir müssen vom Gehirn lernen», sagt Henning Beck. Der Neurowissenschaftler und Autor zeigte auf, wie sich die Prinzipien der Biologie des Gehirns auf die Wirtschaftswelt übertragen lassen. Er sagte wie innovatives Denken funktioniert, was Kreativität ist und wie das menschliche Gehirn ungewöhnliche Lösungen entwickeln kann. Seine Botschaft ist tröstlich: Den Menschen wird es immer brauchen, denn er unterscheidet sich von der künstlichen Intelligenz durch seine Fähigkeit, innovativ und konzeptionell zu denken. KI sammelt Daten und gibt sie einer Wahrscheinlichkeitsrechnung folgend bei einer Anfrage heraus. Beck zeigte dies am Beispiel eines Stuhls: Fragt man ein KI-Programm «Zeichne mir einen speziellen Stuhl», kommt dabei immer ein Stuhl im klassischen Sinn heraus. Ein Mensch kann hingegen auch andere Sitzgelegenheiten mit einem Stuhl assoziieren, wie etwa einen Sitzball. Die KI kann lernen, der Mensch jedoch kann verstehen. Einleuchtend ist, dass man Gelerntes zwar ver-lernen kann, jedoch etwas, das man verstanden hat, nicht ent-verstehen kann. Diese bemerkenswerte Aussage von Henning Beck verstanden alle im Saal, genau für solche Einsichten war man hergekommen.
Generation Z – wie tickt sie, wonach steht ihr der Sinn?
Für ungewöhnliche Lösungen und neue Ideen steht die Generation Z. Also jene um die Jahrtausendwende geborenen Technologieaffinen, die das Zeitalter vor WLAN und Smartphone nie kennengelernt haben. Sie verschmelzt das reale mit dem digitalen Leben und wird als ungeduldig, unverbindlich, fordernd, gesundheits- und umweltbewusst umschrieben. Yannick Blättler ist als Podcaster, Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Neoviso AG auf die Generation Z spezialisiert. In seinem Referat erklärte er, wie die Mitarbeitenden und Kunden von morgen ticken und welche Auswirkungen das auf Wirtschaft und Gesellschaft hat.
Wie setzt man als Arbeitgeber nun die Erkenntnis zum Hauptunterschied Mensch-KI in der Praxis ein, um die gesuchte, weil rare, neue Generation Z, die mit ChatGPT statt mit Google nach Fakten sucht und mit vielen Ansprüchen in die Arbeitswelt stürmt, als Arbeitnehmer zu gewinnen? Indem man sie aktiviert, ihnen Arbeit gibt, bei denen sie Wissen selber herleiten müssen. Die Zeiten der monotonen Routinearbeiten seien vorbei, hiess es. Der Jugend steht der Sinn nach Sinn. «Nennt eure Unternehmensziele und sagt den Jungen, was sie dazu beitragen können», sagte Yannick Blättler. Das Bewerbungsschreiben werde immer unwichtiger, dafür gewinne die hürdenlose Bewerbung via Smartphone über Kurzvideos an Bedeutung, da waren sich die Frauen von Jobbörsen- und HR-Seite einig. Auch Jahresgespräche würden wenig Sinn machen, dafür stetig nahe an den Menschen zu sein, vermittle Wertschätzung.
Gesellschaftliche Gefahr der Hyperindividualisierung
Henning Beck sieht in KI-Programmen jedoch auch eine gesellschaftliche Gefahr, und zwar die der Hyperindividualisierung. Über soziale Medien und Streaming-Plattformen, die mit Algorithmen arbeiten, kreiert sich jedes Individuum seine eigenen Medien. Man sehe es etwa daran, dass es im Streaming-Zeitalter keine unverwechselbare Musik der 10er Jahre des 21. Jahrhunderts gebe, so wie es etwa in den 70ern, 80ern und 90ern der Fall ist. Diese Jahrzehnte hatten einen prägnanten, noch heute gültigen und beliebten Sound. Heute hat jeder Gen-Z-ler seine eigene Soundspur – hyperindividuell eben.
Quintessenz des Abends: Mehr miteinander reden und öfter mal ein Feierabendbier
Delia Herger sagte: «Stress ist heutzutage ein riesiges Thema. Immer mehr Personen arbeiten Teilzeit, aber sind deswegen nicht weniger gestresst - die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ist hier die grosse Herausforderung. Neue Technologien wie ChatGPT sollten sinnvollerweise für repetitive Aufgaben verwendet werden, damit mehr Zeit für das Menschliche bleibt.» Manuela Ottiger resümierte: «Wir können alle voneinander lernen. Die digitale Welt ist super, birgt aber auch ein paar Gefahren. Das persönliche Gespräch muss wieder viel mehr an Wert gewinnen.»
Experte Henning Beck sagte in der Schlussrunde als Vorschlag, was man bei Projekten unbedingt berücksichtigen sollte: «Nicht-Experten fragen. Ich hab kein einziges Projekt erlebt, das nicht davon profitiert, mal jemanden zu fragen, der sich eigentlich nicht damit auskennt. Wir suhlen uns im eigenen Saft, finden uns immer die Tollsten, wollen uns bestätigen, doch wir brauchen die Aussensicht.»
Eine zufriedenere Stadtpräsidentin hätte man an diesem Abend nicht antreffen können. «Ich habe mich richtig auf diese Veranstaltung mit hochaktuellem Thema und tollen Menschen gefreut», sagte Sabine Beck nach der Veranstaltung zum «Michelsämter». «Und es ist schön zu hören, dass trotz aller Technologie der Mensch immer wichtig bleibt.»
Der Karikaturist Carlo Schneider hatte mit seinen präzis beobachteten und live an der Veranstaltung gezeichneten kleinen Kunstwerken die Lacher auf seiner Seite und rundete eine hochstehende Veranstaltung inhaltlich perfekt ab.
Nach dem offiziellen Teil, der etwas länger dauerte als geplant, jedoch jederzeit hochspannend und abwechslungsreich verlief, waren alle zum Apéro riche geladen. Zu diskutieren gab es mehr als genug, und der Aufruf, mehr miteinander zu reden und zusammen etwas zu trinken, konnte gleich in die Praxis umgesetzt werden.
Plattform für Begegnungen
Organisiert wird das Martini Symposium von der Stadt Sursee, dem Regionalen Entwicklungsträger (RET) Sursee-Mittelland, der Industrie- und Handelsvereinigung der Region Sursee-Willisau (IHV) und dem Verein Gewerbe Region Sursee (GRS). Der Anlass findet alle zwei Jahre zu einem spezifischen Thema statt. Er trägt dazu bei, die Region Sursee als wichtigstes Zentrum der Luzerner Landschaft der breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen und bietet den Teilnehmenden eine Plattform für Begegnungen und Kontaktpflege.
Der «Michelsämter» hat verschiedene Teilnehmende gefragt, was sie als «Take Away Message» des Martini Symposiums persönlich mitnehmen. Hier die Antworten:
«KI bzw. Künstliche Intelligenz ist im Vormarsch und wird uns in den nächsten Jahren noch stark beanspruchen – trotzdem braucht es uns als Menschen, die mitdenken und Ideen entwickeln. Ich habe gelernt, dass es verschiedene Denkmuster gibt und uns KI in gewissen Situationen durchaus unterstützen kann. Zudem habe ich mitgenommen, dass zwar – vor allem in der Generation Z – Social Media und Smartphone nicht mehr wegzudenken sind, wir uns aber trotzdem auch wieder vermehrt verbal und physisch austauschen sollten.»
Jonas Müller, wohnhaft in Rickenbach, berufstätig bei der OPES AG (Emmenbrücke, Zug, Sursee)
«Will man den Graben zwischen der alten und neuen Generation schliessen, braucht es gegenseitige Klarheit, Mut zu neuen Technologien, aber auch Respekt zu Bewährtem. Lernreiche Veranstaltung mit spannenden Diskussionen und der nötigen Prise Humor!»
Andrea Kaufmann, Sursee, Immobilienentwicklerin i.A., aufgewachsen in Neudorf
«Die Veranstaltung zeigte mir wieder einmal klar auf: Wir alle, generationenübergreifend, sind aufgerufen, offen aufeinander zuzugehen und gegenseitig die Trends zu respektieren und zu akzeptieren. Wir können so viel voneinander lernen, erfahren und gemeinsam viel entwickeln! Motiviert und dankbar gehe ich weiter in all meinem Wirkungsfeldern. Die Veranstaltung wurde auch mit viel Humor und integrierenden Voten von Stephan Klapproth umrahmt, was den perfekten Rahmen bot!»
Gerda Jung, Kantonsrätin, Hildisrieden
Das Martini Symposium war wieder ein Stelldichein der lokalen Wirtschaft mit spannenden Referaten und wertvollem Austausch beim Apéro. Lehner Versand benutzt KI bei gewissen Produkttexten sowie bei der Bilderstellung, wo uns die Produktbilder fehlen. Mit verblüffenden Resultaten, die dem Original sehr nahe kommen. Künftig sollten KI-generierte Bilder wie auch Texte deklariert werden.
Thomas Meier, Geschäftsführer Lehner Versand, Schenkon
Sätze zum Mitnehmen und an die Wand hängen:
«Die Wahrheit liegt nicht in den Daten.»
«Die wichtigsten Ressourcen haben gar keine skalierbare Einheit, sind also nicht wirklich messbar.»
«Kopf runter und liefern ist kein gutes Motto.»
«KI ist die ultimative Optimierungsmaschine.»
«Weihnachtsgeschenke sind der ineffizienteste Prozess der Welt.»
«Die Arbeit wächst mit den Möglichkeiten, sie zu denken.»
«Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur: Machen!»
«Computer sind nutzlos, sie geben nur Antworten, statt die richtigen Fragen zu stellen.»
«The proof of the pudding is in the eating, also Praxis schlägt Theorie immer um Längen.»
«Alle Ängste sind eigentlich Angst vor Kontrollverlust.»
Wir sollten Menschen aktivieren, nicht passivieren. Smartphones sind nicht aktivierend.»
«Früher fragte man: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Heute: Wo siehst du dich morgen?»
«Klarheit an sich gibt es nicht, Klarheit schaffst du!»
Diskutierten am Podium miteinander: Manuela Ottiger von Calida, Moderator Stephan Klapproth und Delia Herger von Jobeagle (v.l.).
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt