Update: Kalle's Musik-Corner: Züri West – «Loch dür Zyt», als wärs immer noch 1978
Mit unsterblichen Über-Hits wie «I schänke dr mis Härz» und «Fingt Ds Glück Eim?» wurden Züri West zu einer der erfolgreichsten Schweizer Bands. Doch in den letzten Jahren war es still um sie. Der Grund: Kuno Lauener erkrankte an Multipler Sklerose. Trotzdem fanden die Berner nun, gut 40 Jahre nach ihrer Gründung, die Kraft, um mit «Loch dür Zyt» ein neues Album zu veröffentlichen. Ob sie jemals wieder live auftreten können, ist höchst fraglich.
Entsprechend der aktuellen Lebenssituation handeln viele Songs von Vergänglichkeit. Die Lyrics mit Tiefgang passen zu dieser Band, die schon immer poetischer war als manche ihrer Stadionrock-Kollegen. Musikalisch beweisen sie erneut ein Händchen für unvergleichliche Melodien. Die Vorab-Single war ein Instant-Hit. Der Text war schon 1978 auf ihrem ersten Album «Sport & Musik» drauf, der Song hiess «Z. W.» – der Text zu dem Song, der 1987 auf dem ersten Album «Sport & Musik» veröffentlicht worden war, wurde neu aufgenommen und mit neuer Melodie versehen. Die Zeitmaschine spickt uns also 37 Jahre zurück. Eine Berner Kollegin, ein lebenslanger riesiger Kuno-Lauener-Fan, sandte mir den Song schon am Tag der Veröffentlichung zu, am 23. November. «Hör dir bitte den Text genau an», schrieb sie, «das ist Lyrik für die Ewigkeit...»
«Mir frässen üs es Loch dür Zyt
mit üsem Tag für Tag
es Loch wo immer töiffer wird
es ewigs uuf und ab...
Ir Nacht i lige wach im Bett
irgend es Gwüsse wo mi plagt
so mängs i mir wo ungwüss isch
u so mängi offni Frag»
Der TagesAnzeiger hat in seinem grossen Pop-Rückblick die Songs des Jahres gekürt, darunter «Now and Then» von den Beatles und Züri Wests «D Idee», dem Opener auf dem Album: Das tiefsinnige Lied sei «ein Musik gewordenes Grübeln über den Sinn des Lebens, vollbracht mit wenigen poetischen Pinselstrichen. Und wie Kuno hier Coolness gegen Pathos ausspielt, wie er mit wenigen Worten grosse Gedanken anstösst, ist schlicht niederkniewürdig.»
Dank «Loch dür Zyt» scheint die gute alte CD wieder einen Aufschwung zu erleben. Ich bin ein riesiger Musikfan, doch bis heute habe ich keinen Spotify-Account. Ich höre immer noch Musik ab CDs, will die Texte lesen, das Artwork sehen, das Album spüren...
Der Name Züri West war damals als ironische Umschreibung von Bern gedacht – der Bundesstadt, die westlich der grössten Schweizer Stadt Zürich liegt, die sehr viel etwas verschlafenen Charme hat, während die Wirtschaft im Millionen-Zürich boomt. Bern wird von den Zürchern scherzhaft als entferntester westlicher Vorort angesehen. Und das halten die Berner aus, sie spielen eh in einer eigenen Liga... Und in der Agglo-Schweiz ist ja eh vieles ein Vorort von etwas knapp Grösserem...
Ihr Song «I schänke dr mis Härz» kennt wohl jedermann, viele können den Text mitsingen, der Refrain wurde ein geflügeltes Wort.
«I schänke dr mis Härz
Meh han I nid
Du chasch es ha we de wosch
Es isch es guets
U es git no mängi wo's würd näh
Aber dir würd I's gä»
Ihr selbstbetiteltes Album von 1994 ging dank «I schänke dr mis Härz» durch die Decke. Unsere Kids liebten es immer bis heute und hatten auch Freude am Cover der CD. Ich selber habe Patent Ochsner noch lieber, diese habe ich mehrmals live erlebt, während ich Züri West bis heute nie live gesehen habe. Beide Bands haben in der Schweiz alles erreicht, auch ihre neusten Werke sind herausragend, so war «Love» 2017 von Züri West eine Wucht, so auch «Cut Up» 2019 von Patent Ochsner. Büne Huber oder Kuno Lauener, das ist wie Stones oder Beatles, beide sind absolut herausragend.
Ein Loch durch die Zeit, ist ein Blick zurück. Ein Synonym für die voranschreitende Zeit, die immer schneller schreitet, erbarmungslos, dem grossen Knall entgegen...
Der Song wirkt auf manche monoton, er ist jedoch geschickt aufgebaut, steigert sich kontinuierlich und wirkt hypnotisch und unwiderstehlich, wie alles, was Züri West mit Mastermind Kuno Lauener gemacht haben. Man hört «Fingt Ds Glück Eim?» raus, und doch wirkt es frisch und neu. Fast wie Zauberei.
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Text: Karl Heinz Odermatt, Bilder: zvg/kho