Skip to main content Skip to page footer

Taurus – die Magie eines Geheimnisses

Ein Haus in Beromünster mit fast vierhundertjähriger Geschichte: Vor einem Jahr verkauft und denkmalgeschützt, wird es demnächst sorgfältig renoviert. Noch ist es Brachland und in seinem Innern entsteht jetzt zeitgenössische Kunst. Das Haus heisst Taurus und warum, das bleibt ein Geheimnis.

Sie haben Ausblick und geben Einblick: Elvira Bättig und Jack Pryce.

Die Schauplätze: ein Haus an der Chilegass 11/13 in Beromünster sowie eine Galerie an der Mariahilfgasse in Luzern. Die Akteure: Ludwig Suter, verstorbener Künstler aus Beromünster; Jo Ottiger, Landschaftsarchitekt aus Adligenswil; Elvira Bättig und Jack Pryce, ein junges Künstler- und Kuratorenpaar. Weitere Akteure: Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland.

Was geht hier ab? Man kann Taurus nicht recht fassen. Das beginnt schon beim Wort: Taurus, lateinisch: «Stier», das ist der Name des stattlichen Gebäudes bei der Pfarrkirche, welches das enge Gässlein zur Don Boscostrasse hart abgrenzt. Im Frühjahr 2022 wurde es aus der Erbengemeinschaft Kottmann an Jo Ottiger verkauft. Der neue Besitzer vernahm alsbald von Ludwig Suter, dass das Gebäude zu früheren Zeiten «Taurus» genannt worden sei. Weshalb, das versprach er ihm bald zu erzählen. Doch Ludwig starb unerwartet und nahm die Geschichte als Geheimnis mit ins Grab. Nun, der Künstler ging, der Name bleibt: Taurus.

Ort des Geschehens: Das denkmalgeschützte Haus an der Chilegass.

Von der Metropole in die Provinz

Man kann Taurus besuchen. In ihm herumlaufen, hinauf-, herum- und hinabsteigen und dabei schon fast die Orientierung verlieren. Stockwerke, Kammern, Winkel, Renovationen verschiedenster Etappen, Spuren von Handwerk, Haushalt, Arbeit, Wohnen und Spielen über Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg. Die Riegelkonstruktion der Wohngeschosse datiert von 1655.

«Kunst ist eine Art, das Leben versuchen zu leben.»   Elvira Bättig, Künstlerin und Kuratorin.

Ein eigener Kosmos scheint Taurus zu sein, ein Organismus voller Geschichte und Geschichten, ein bulliges Bauwerk aus Stein und Holz im Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wieso sind wir überhaupt da drin? Elvira Bättig und Jack Pryce schauen zum Fenster hinaus. Sie blinzeln in die Sonne. Die drei einzigen, momentan bewohnbaren Zimmer haben sie mit dem Holzofen aufgeheizt. Die beiden Galeristen stellen während eines Jahres dieses Haus verschiedenen Künstler:innen aus dem In- und Ausland zum Wohnen und Arbeiten zur Verfügung. Ein alter, verlassener Ort, wo sich Strukturen auflösen, wird zum Nährboden für neue, zeitgenössische Kunst. Kunstschaffende kommen von New York in die Chilegass, von London zum Landessender, von Berlin an die Badgass... von der Metropole in die Provinz.

Elvira Bättig im Kunstraum «marytwo» in Luzern.


Essenz im «marytwo»

Eine Essenz dieses Schaffens wird zurzeit ausgestellt in Jacks und Elviras Galerie «marytwo» in Luzern. Es sind Bilder und Objekte, die in und um Taurus entstanden sind, auch Ludwig ist mit zwei Werken präsent. «marytwo» ist ein Nonprofit-Kunstraum und wird von Stiftungen unterstützt. Kunst um der Kunst willen. Wozu denn eigentlich? «Kunst ist die beste Art, etwas zu verstehen und kennenzulernen», ist Jack Pryce überzeugt, der selber multimediale, installative Kunst betreibt. Elvira Bättig, sie bespielt Räume mit Malerei und Zeichnung, ergänzt: «Kunst ist eine Art, das Leben versuchen zu leben.» Und genau dazu bietet Taurus jetzt Raum. Der Künstler Mathis Pfäffli etwa, der 2022 im Kunstmuseum Luzern ausgestellt hatte, liess sich von Taurus‘ Räumen, Geheimnissen und Geschichten inspirieren und schuf ein Werk aus Glas, Wespennestern und Steinen, die er auf dem Dachstock gefunden hatte.

Kochbuch und Performance

Als nächstes Projekt wird im Innern von Taurus ein «künstlerisches Kochbuch» zusammengebraut. Bald darauf wird ein junges Performance-Künstler-Kollektiv der Kunsthochschule Luzern in den Räumen pulsieren. Kunst, um das Leben zu verstehen. Und dann? Mit der Renovation, die im Sommer 2023 beginnen soll, wird das Schauspiel zu Ende sein. Taurus und seine uralte, schützenswerte Substanz werden an den Zaum genommen, gehegt und gepflegt. Wie aber kommt ein Landschaftsarchitekt aus Adligenswil darauf, ein solches Objekt zu erwerben? «Ich habe schon länger nach einer alten Liegenschaft gesucht, die ich zusammen mit meinem Sohn renovieren kann», erklärt Jo Ottiger. «Ich wollte etwas mit einer guten Substanz, in einem Zentrum, nahe des Dorflebens.» Mit Taurus, einem «Haus, das eine Seele hat», hat der gebürtige Rothenburger gefunden, was er suchte. Er will Taurus sanft sanieren und auf aktuellem Standard wieder bewohnbar machen. Bis dahin besuchen wir seine Schauplätze und Akteure in loser Folge. Als Nächstes gehts ins Innenleben des Gebäudes.

Entdeckungen durch Raum und Zeit: Die Riegelkonstruktion von Taurus datiert von 1655.



Ausstellung «Taurus», noch bis 15. April 2023
Kunstraum «marytwo», Mariahilfgasse 2a, 6004 Luzern.
Geöffnet samstags von 13 bis 18 Uhr, oder auf Anfrage. office@marytwo.one
Denkmaltage 2023 am 9. und 10 September
Das Haus Taurus an der Chilegass 11/13 wird an den Denkmaltagen im kommenden September öffentlich zugänglich sein.


Text und Bilder: Ursula Koch-Egli



Einblicke in die aktuelle Ausstellung «Taurus» im «marytwo» Luzern:

«Also A Complicated Burrow», 2023, von Mathis Pfäffli.
Fotografie von Simon Baumberger und John Walder.
Ludwig Suter ist mit seinem mystischen Nachtwächterbild im «marytwo» präsent.
«Stucco Cornuto» von Andrea Gwerder.
Eingang zum Kunstraum an der Mariahilfgasse 2a.
Geöffnet an Samstagen oder auf Anfrage. Elvira und Jack freuen sich.



Bilder: Ursula Koch-Egli




Das könnte Sie auch interessieren