Summer Night Concert XI 2024: Das Musical «Jukebox 11» - Eine fulminante Reise durch die Musikgeschichte (mit grosser Fotogalerie)
2021 hat Silvia Estermann während ihrer Langzeit-Weiterbildung «Seitenwechsel» mit dem Schreiben eines Musicals begonnen. Dank der tatkräftigen Unterstützung der Schulleitung, der Lehrerschaft und der eingespielten SNC-Band konnte sie die ambitionierte und vielschichtige Produktion nun am 20. und 21. Juni 2024 mit den 200 Schüler:innen der Sekundarschule Beromünster im Rahmen einer Projektwoche zur Aufführung bringen - und wie!
«Nach der Party zu seinem 16. Geburtstag räumt der grosse Fussballfan Louis den Estrich seiner Grossmutter. Diese ist vor kurzem ins Alters- und Pflegeheim «Bärgmättli» gezogen. Zu seiner grossen Überraschung findet Louis mit seiner Kollegin Dina einen Brief, der sie zur magischen Jukebox seines Ur-Ur-Grossvaters Louis Glass führt. So beginnt der grösste Traum von Louis in Erfüllung zu gehen: Eine Reise in die Vergangenheit zu den grossen Legenden der Musikgeschichte…» Das die Affiche zum Musical mit Lokalbezug und mit viel Bezug zu den Leidenschaften von «Söufi» Estermann: legendäre Musik aller Epochen, Fussball und junge Leute weiterbringen, als sie selber jemals gedacht haben.
An diesem Projekt beteiligen sich alle 12 Klassen, das heisst 200 Schülerinnen und Schüler sowie die ganze Lehrerschaft inklusive Hauswarte der Sekundarschule Beromünster. Auch zahlreiche ehemalige Schüler wirken mit – sei es in der Technik, dem Filmen des Musicals für die DVD und dem Perfektionieren des Bühnenbildes, das aus einer überdimensional grossen Jukebox und einem multifunktionellen Tisch besteht. Lehrerin Daniela Bucher erzählte: «Das Bühnenbild haben wir in den Fächern Zeichnen und Werken entwickelt. Auf die variabel einsetzbare Tischkonstruktion sind wir ein wenig stolz, das mussten wir erst so entwickeln und ausdenken.»
Der Wermutstropfen mit dem «falschen» Champions-League-Sieger
«Ich wollte nach dem 10. Summer Night Concert mit einem eigenen Musical für eine Abwechslung sorgen. Die 11. Ausgabe ist für mich deshalb wirklich speziell. Das erste SNC hatte 2005 stattgefunden. Speziell an der Besetzung des Musicals «Jukebox 11» ist, dass sich die beiden Davies-Zwillinge Ben und Scott die Hauptrolle des Louis teilen. Ben ist im ersten Teil, Scott im zweiten für die Verkörperung zuständig», sagt Silvia Estermann gegenüber dem Anzeiger Michelsamt. Dann noch dies, in typischer «Söufi»-Manier: «Laut meinem Drehbuch wäre der FC Bayern München Champions League-Sieger 2024 geworden, und Louis hätte zu seinem 16. Geburtstag ein Bayern-Trikot erhalten. Nun war es halt eines von Real Madrid. An diesen Gedanken musste ich mich als Hardcore-Bayern-Fan erst etwas gewöhnen…»
Auch Dina wird von zwei Personen verkörpert, von Olivia Weber und Fabienne Brun. Die vier Hauptprotagonisten haben viel Text und meisterten dies hervorragend. Auch die bewährte, eingespielte Band mit Urs Berset und Severin Paffrath am Bass, Mastermind Silvia Estermann am E-Piano, Jesus Gonzalez und Tim Bättig an der Gitarre, Laurenz Müller am Keyboard und Roger Lang am Schlagzeug trägt viel zum starken Gesamtbild der Aufführungen bei.
Schon in der Pause waren viele des Lobes voll vom Gebotenen. «Die Besetzung des Elvis wurde erst diese Woche fix, da gab es noch einen Wechsel», war an Szenengeflüster etwa zu hören.
Wenn Georg Friedrich Händel «seine» Champions-League-Hymne dirigiert
Besonders stimmungsvoll gerieten die Ausflüge in die klassische Musik: Die UEFA-Champions-League-Hymne wurde 1992 von Tony Britten komponiert und basiert auf Georg Friedrich Händels «Zadok The Priest» von 1727. Die letzten beiden Strophen werden vor dem Beginn jedes Champions-League-Spiels im Stadion gespielt und fungieren als Intro und Outro für die Fernsehübertragung. Händel dirigierte sich gleich selber und meinte: «Fantastisch, dass meine Musik in dieser Form weiterlebt!» Mozarts «Alleluja» von 1790 bestach mit starkem Streicherensemble, und Beethovens «Freude schöner Götterfunken» mit der Textzeile «Wir betreten feuertrunken - Himmlische, dein Heiligthum! Deine Zauber binden wieder - Was die Mode streng geteilt - Alle Menschen werden Brüder - Wo dein sanfter Flügel weilt.» hat heute noch grosse Strahlkraft. Bei vielen Songs war eindrücklich, dass sie viel älter sind als gedacht, so etwa «Wellerman», ein traditionelles neuseeländisches Seemannslied von 1850, das auch bei den Jungen dank Nathan Evans Welthit von 2021 wieder sehr populär ist.
Von «Ameno» bis «Houdini», von den Beatles bis zu Elvis Presley
Das älteste Werk war ein gregorianischer Choral von ca. 900, auf dem Ameno des französischen Musikprojekts Era basiert und im Kerzenschein eindrücklich dargeboten wurde. Das neuste Werk war die energetische Hit-Single «Houdini» von Dua Lipa vom Januar 2024. Houdini war ein bekannter US-amerikanische Zauberkünstler, der vor allem für seine Entfesslungs- und Verschwindungszauber bekannt war. Der Name Houdini ist in der US-amerikanischen Alltagssprache zu einem Synonym für «entkommen» geworden («to houdinize»). Der Song handelt davon zu wissen, wo man steht, zu verstehen, wer man ist und zu erkennen, wann man bleiben oder gehen sollte – so wie Houdini.
Zwischen diesen beiden Polen gab es wie zu erwarten war wieder viel sehr gute Musik von ABBA über die Beatles zu Madonna, Michael Jackson, Falco und Stevie Wonder, der mit «Happy Birthday» und «Gangsta's Paradise», das auf einer Melodie von ihm von 1976 («Pastime Paradise») basiert, quasi gleich zweimal vorkam. «Burning Love» von Elvis, vom Konzert «Aloha from Hawaii», das 1973 via Satellit 1.5 Milliarden Menschen weltweit sahen, durfte nicht fehlen.
Und Shakiras «Waka Waka» schlug dann wacker einen von mehreren Bögen zum Fussball, zumal anschliessend noch die zweite Halbzeit der Partie Spanien-Italien im Public Viewing draussen wartete.
Fazit: Wie schlicht nicht anders zu erwarten war, ein vorbildlich umgesetztes, kreatives Projekt, das ermöglicht, sich vertieft mit Musik auseinanderzusetzen und sie zusammen zu leben. Eine geballte Ladung Musik-Corner im Multipack sozusagen. Eine restlos begeisterte Besucherin hat das Schlusswort: «Herzblut von A bis Z und zurück. Die Davies-Zwillinge bestechen mit viel Charme. Gibt es eine Repeat Taste? Bitte sofort drücken.»
Text: Karl Heinz Odermatt, Bilder: Martin Dominik Zemp, kho