Skip to main content Skip to page footer

«Spielen, Arbeiten, Ausruhen. Und nie Stress haben!»

Frau Leu heisst: Spielzeug, Frau Leu heisst: Geschenke, Frau Leu heisst: Weihnachten. Annemarie Leu-­Furrer aus Beromünster hat fast ihr Leben lang Kinder beschenkt.
20 Jahre lang als Kindergärtnerin in Neudorf mit ihrer herzlichen und fortschrittlichen Erziehungsart, 60 Jahre lang als Geschäftsfrau in Beromünster mit einem grossen Herz für Kinder und gutes Spielzeug.

Zu Kindern und Gärten Sorge tragen: Annemarie Leu, wie man sie kennt beim Jäten vor dem Geschäft. 

Das Spielwarengeschäft, das Annemarie Leu in Beromünster aufgebaut hatte in Kombination mit dem Möbelverkauf, war weit herum einzigartig. Tausende Geschenke sind seit Anfang der 1980er Jahre im grossen Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse über den Ladentisch gegangen, um heimlich vorbei an aufgeregten Kindern unter ein Christbäumchen gelegt zu werden, an Weihnachten voller Aufregung ausgepackt zu werden und Herzen zum Hüpfen zu bringen.

Annemarie Leu, 93, ist schlichtweg die Expertin für Spielwaren und Geschenke. An Weihnachten, so sagt sie, wäre sie am liebsten eine Stubenfliege, die das Leuchten in den Augen aller Kinder sähe, welche ihre Geschenke bekommen. Seit jeher war die Weihnachtszeit für Annemarie Leu Hochsaison pur, und ihre Präsenz im «grössten Spielparadies der Region» war auch weit nach ihrer Pensionierung vor 30 Jahren stets ungebrochen. Dieses Jahr jedoch leuchten die goldenen Sterne in den Fenstern nicht mehr, denn «Leu Möbel und Spielwaren» stellte ihren Betrieb ein. Zeit, mit Annemarie Leu zurückzuschauen auf die Anfänge ihrer umtriebigen Tätigkeit in Neudorf und Beromünster und sich zu unterhalten über Kinder und Kindergärten, und über den Sinn vom Spielen und Schenken.

Annemarie Leu, Sie haben als junge Frau die Ausbildung als Kindergärtnerin gemacht und später mit viel Engagement Kinderspielsachen verkauft. Was bedeuten Ihnen Kinder?

Alles! Man muss Kinder lieben und sie mit Freude behandeln.

Spielen und Arbeiten waren für Sie stets verbunden. Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Mein Leitsatz im Leben ist: Spielen, Arbeiten, Ausruhen. Und nie Stress haben.

Vor Weihnachten war bei Ihnen immer Hochbetrieb. Gab es Weihnachtsstress?

Nein, nie! Klar, hatte man in dieser Zeit viel mehr Arbeit. Aber es war eine schöne Zeit, und wir hatten eine treue Kundschaft.

Wenn andere schenken, verdienten Sie Geld. Ist das nicht ein Widerspruch?

Ja, Geld und Geschenke gehörte bei uns zusammen. Aber durch dieses Geld wurde ja immer etwas Gutes getan. Und wir haben immer mit fairen Preisen gearbeitet.

Sie sind 1931 in Sarmenstorf geboren. 1956 wurden Sie Kindergärtnerin in Neudorf. Erzählen Sie von Ihrem Werdegang.

Nach der Schule machte ich eine Ausbildung in Fribourg und danach das Kindergärtnerinnenseminar in Cham. Wir waren die ersten eidgenössisch diplomierten Kindergärtnerinnen! Danach bekam ich in Zürich eine Stelle als Privatkindergärtnerin im «Baur au Lac», einem Fünfstern-Hotel. Die Besitzerfamilie hatte vier Kinder.

Für die waren Sie dann so eine richtige Mary Poppins?

Ja, Spielen, Lernen, Aufräumen, Spazieren… alles gehörte dazu. Es war eine ganz liebe, einfache und nicht eingebildete Familie. Die Frau sagte immer: Fräulein Furrer, streichen Sie auf keinen Fall viel Butter aufs Brot! Die Kinder müssen lernen, wie normale Menschen zu leben. Ich bekam auch einen guten Lohn: 260 Franken im Monat.

«Ein Kind kann sich beim Spielen geistig und körperlich stärken.» Als eine der ersten ausgebildeten Kindergärtnerinnen weiss Annemarie Leu, warum Spielen für Kinder wichtig ist.

Und wie kamen Sie dann nach Neudorf?

Meine Mutter starb unerwartet 1955. Also musste ich nach Hause, ich fühlte mich verpflichtet, meinem Vater und Bruder zu helfen. Es waren dann zwei Stellen für Kindergärtnerin ausgeschrieben, eine in Dottikon und eine in Neudorf. In Dottikon hätte ich Wohnsitz nehmen müssen, also bewarb ich mich in Neudorf und bekam die Stelle sofort.

Sie sind 1956 von Sarmenstorf nach Neudorf gependelt?

Genau. Mit dem Bus nach Wohlen, dann mit dem Zug über Lenzburg und Beinwil nach Beromünster und dann nochmals mit dem Bus nach Neudorf. Eine Fahrt dauerte drei Stunden. Später kaufte mir mein Vater ein Auto, da hatte ich noch 30 Minuten.

Wie gefiel es Ihnen in Neudorf als Kindergärtnerin?

Sehr gut! Ich war so gerne dort. Es gab nie Konflikte mit den Eltern. Ich hatte alles zur Verfügung, bekam die besten Möbelchen für die Einrichtung. Ich habe mit den Kindern auch Weihnachtstheater vorgeführt, im Restaurant Pöstli. Sie konnten alles auswendig. Ich habe sie so weit gebracht, dass sie keine Angst mehr hatten.

Am Anfang waren es 45 Kinder in einer Klasse. «Muesch eifach konsequent sii, de god das guet», sagte ich mir. Die Kinder durften damals noch spielen und basteln, ein Zahlengefühl bekamen sie spielerisch. Heute macht man ja viel zu viel! Früher konnten die Kinder im Kindergarten noch spielen und glücklich sein.

Es gab aber sicher auch mal schwierige Fälle.

Ja. Da war einmal ein Bub, der hat beim Eintritt richtig getobt. Ich sagte zur Mutter: «Losed Sie, gönd sie hei, ech werde mit ihm scho fertig.» Dann stellte ich ihn in die Mitte und sagte: «Du besch genau glich lieb wie die andere.» Danach lief alles gut. Ja, du musstest die Linie haben. Die Eltern wussten, ich war lieb und freundlich, aber konsequent. Ich glaube, wenn man dies heute noch mehr durchziehen würde, wäre vieles besser.

Aufgeweckte Kinderschar im Kindergarten Neudorf Ende der 50er Jahre mit der jungen Kindergärtnerin Annemarie Furrer (hinten rechts).    Bild: Dorfchronik Neudorf

Was bedeuten Ihnen Kinder?

Kinder sind mir einfach ans Herz gewachsen. Ich habe alle Menschen gern, aber die Kinder habe ich im Herzen! Und man muss Freude haben an der Arbeit mit ihnen, sonst soll man sie nicht machen. Ich war für alle Kinder eine wichtige Person, ich habe niemanden bevorzugt. Alle waren bei mir gleich.

Wie haben Sie Ihren Mann Jules Leu kennengelernt?

Beim Mittagessen im Pöstli! Er war 24 Jahre älter als ich und Schreinermeister in Beromünster. Er hatte 1938 eine erste Werkstatt und baute 1947 den grossen Neubau, der noch heute Möbel Leu repräsentiert. Wir haben 1961 geheiratet, 1962 wurde unsere Tochter Astrid geboren.

Mit der Heirat wurden Sie auch Geschäftsfrau.

Ja, das wurde man damals automatisch. Ich blieb aber bis 1976 Kindergärtnerin. Jeden Sonntag habe ich im Kindergarten die Woche vorbereitet, einen ganzen Tag lang. «Wenns richtig wotsch mache, muesches ganz schön vorbereite», sagte ich mir. Für das Geschäft hatte ich dann abends Zeit. Ich ging nie vor 24 Uhr ins Bett.

Wie kamen zur Schreinerei die Spielwaren ins Spiel?

Ich stellte gerne dekorative Sachen auf, da sagten mir die Leute: Mach doch einen Spielwarenladen auf.

… der zur Erfolgsgeschichte wurde, zum reinsten Spielparadies für Hunderte von Kindern! Warum ist Spielen wichtig?

Spielen fördert den Geist und die Sinne. Ein Kind kann sich beim Spielen geistig und körperlich stärken. Es kann alles um sich herum vergessen und ganz für sich sein, ganz in Ruhe. Heute spielt man viel zu wenig mit den Kindern. Man hat zu wenig Zeit.

Spielen Sie selber auch gerne?

Ja, ich spiele sehr gerne. Am liebsten Jassen und Gesellschaftsspiele.

Was waren die ersten Spielsachen, die Sie verkauften?

Puppenhäuser und Holzställe mit handgefertigten Holzfiguren und «Chüeli». Und Wägeli von Visa Gloria. Später kamen Karten- und Brettspiele dazu. Danach die Spielsachen aus Plastik und mit Elektronik.

«Schenken bedeutet Freude und Glückseligkeit. Man sollte viel Gutes tun und einander Freude machen!» Für Annemarie Leu ist Schenken mehr als Geschäft.

Gab es etwas, das Sie nicht ins Sortiment nahmen?

Ja, so «Krimi-Sachen» wollte ich nie. Sowas macht den Kindern nur Angst!

Was brauchen Kinder denn zum Spielen?

Zeit, Geduld und Freude. Das Material Holz ist sehr wichtig. Die Kinder spüren, wie die Sachen von Hand gemacht wurden, und bekommen sie gerne. Wir achteten ja immer darauf, dass wir gutes Spielzeug verkauften. Nicht solches, das beim Auspacken schon kaputt geht. Anderes habe ich gar nicht angenommen. Ich achtete immer auf Qualität.

Ist Schenken überhaupt wichtig?

Ja! Schenken bedeutet Freude und Glückseligkeit. Es bedeutet Frieden, wenn ich jemandem etwas Gutes tun kann. Man sollte im Leben viel Gutes tun und einander Freude machen.

Es geht ja darum, dass man beim Schenken an den Menschen denkt, den man beschenkt.

Nützt das denn noch etwas in der heutigen Welt?

Ja, das nützt. Auch wenn man es nur im Kleinen tut. Jeder muss an sich arbeiten.

Warum verpackt man eigentlich die Geschenke? In Ihrem Geschäft gingen kilometerweise Geschenkpapier von der Rolle und eine Unmenge von Zeit wurde investiert, um die hübschesten Päcklein herzustellen – nur damit sie innert weniger Sekunden aufgerissen werden. Macht das Sinn?

Verpacken ist etwas Gutes. Man hat Freude, wenn etwas schön verpackt ist. Klar, reissen die Kinder das alles sofort weg. Aber zum Schenken ist es wunderbar, wenn ein Geschenk schön ist. Schön ist wichtig.

Es gab übrigens nichts, was wir nicht eingepackt hätten! Einmal haben wir einen ganzen Töggelikasten verpackt. Das Dumme war nur, bei der Lieferung ging er nicht zur Tür rein. Sie mussten ihn eilends auspacken, durch den Türrahmen schieben und wieder einpacken.

So gäbe es sicher noch unzählige Geschichten rund um Ihre Geschenke. Das Haus von Möbel Leu sah jeweils zur Weihnachtszeit mit den vielen leuchtenden Sternen selber aus wie ein Geschenk. Wie viele waren das eigentlich?

180 Sterne hatte ich in den 90er Jahren einmal dafür gekauft. Ringsherum im ganzen Haus für jedes Fenster einen. Dieses Jahr leuchten sie erstmals nicht mehr. Wir tun das bewusst, denn die Ära Möbel Leu ist vorbei.

Ihr erstes Geschenk?

Oh, das weiss ich noch ganz genau. Es war vom «Christkind», ein Wägelchen mit einem Bäbi drin. Ich fuhr damit herum, stolperte, es fiel hinaus und der Kopf war kaputt!

Und welches ist ihr Lieblingsgeschenk?

Mein grösstes Geschenk ist der Frieden in der Familie! Ich habe so eine liebe Familie.

Lebensfroh und die Sonne im Herzen: Annemarie Leu am Dreikönigsbot 2023 im Hirschen Beromünster.
Kindergartenklasse beim Theaterspielen im Restaurant Pöstli Neudorf.
Kindergartenklasse von Frau Leu beim Schlitteln in Neudorf.


Interview: Ursula Koch-Egli, Bilder: uke / Dorfchronik Neudorf




Das könnte Sie auch interessieren