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Spektakuläre Arbeit am Seil für 87000 unvergessene Soldaten 

153 Jahre ist es her, heute eine unglaubliche Szenerie: Tiefer Winter, Tausende erschöpfte Menschen, daneben halbtote Pferde im Schnee und haufenweise deponierte Waffen. So wird die Internierung der Bourbaki-Armee in der Schweiz im Jahr 1871 dargestellt auf dem anschaulichen 360-Grad-Rundbild, dem Bourbaki Panorama in Luzern. Sein Baldachin sowie das Beleuchtungssystem wurden Anfang dieses Jahres restauriert. Industriekletterer Laurent Lavignac war mit seinem Team beteiligt und gelangte an Orte, wo sonst keiner hinkommt.

Die Industriekletterer Fosco Jorio und Alex Ruggiu von der Nordwand Arbeit am Seil GmbH bei Installierungsarbeiten im Zuge der Restauration des Bourbaki Panoramas Luzern.

87 847 ausgemergelte, französische Soldaten werden innert 72 Stunden in Les Verrières im Val de Travers über die Grenze befördert, in die Schweiz – und in die Sicherheit. Das ist das Ereignis, das unter «Internierung der Bourbaki-Armee» in die Geschichte einging. Es war der Deutsch-Französische Krieg im Winter 1870/71: Die sogenannte Ostarmee, eine Provinzarmee unter General Charles Denis Bourbaki, sollte die deutschen Truppen bei Belfort angreifen, sie wurde jedoch zurückgeschlagen und bei Pontarlier eingekesselt.

In hoffnungsloser Situation fehlte es Tausenden von französischen Soldaten im tiefen Winter an jeglicher Versorgung, worauf ihr General Bourbaki versuchte, per Selbstmord aus der Tragödie zu entschwinden, was aber nicht gelang. So wurde er seines Amtes enthoben und General Clinchant führte darauf die dahinsterbende Truppe Richtung Schweizer Grenze, wo er den Bundesrat um militärisches Asyl bat. Über 87 000 entkräftete Soldaten und 12 000 Pferde wurden unmittelbar durch die Schweiz aufgenommen. Die Bevölkerung leistete Nothilfe, ein humanitärer Einsatz sondergleichen, der auch als erster Grosseinsatz des Schweizerischen Roten Kreuzes gilt und als die grösste Flüchtlingsaufnahme in der Schweizer Geschichte.

Szenerie in Les Verrières, Val de Travers anno 1871. Die französischen Truppen deponieren ihre Waffen. Edouard Castres, gemalt 1881, Oel auf Leinwand.


Von der Kriegstragödie zum Kulturzentrum

Die Soldaten wurden folglich über die Kantone verteilt, interniert, bewacht und gepflegt. Dennoch starben viele von ihnen. Der Deutsch-Französische Krieg endete, Frankreich verlor das Elsass und Lothringen. «Bourbakis Soldaten», die ja dann «General Clinchants Soldaten» waren, wurden wieder nach Frankreich zurückgeschickt. Als Bourbaki-Armee gingen sie aber durch diese Tragödie in die Geschichte ein. Zehn Jahre später malte Edouard Castres in Genf die Szenerie auf ein imposantes, 112 mal 14 Meter grosses Rundbild, ein Panorama. Später wurde dieses nach Luzern gebracht, wo 1889 eigens dafür ein rundes Gebäude mit Kuppeldach gebaut wurde am Löwenplatz, heute bestens bekannt als Bourbaki Panorama.

«Gehen wir ins Bourbaki?» heisst es landläufig, wenn man beabsichtigt, die inspirierende Kulturinstitution in Luzern zu besuchen. Klein, fein, mit Restaurant, Kino und Bibliothek ausgerüstet ist das Bourbaki ein Treffpunkt für Kulturfreunde. Zentrum davon ist sein frisch für 800 000 Franken restauriertes Panorama, das von der grossen Plattform aus mittels digitaler Mittel noch näher erfahrbar gemacht werden kann.

General Bourbaki, als Verlierer eines grässlichen Krieges tragisch in die Geschichte eingegangen, gab dem Luzerner Kulturort seinen schillernden Namen. Obwohl derjenige, dem die Internierung und die Rettung der 87 000 Soldaten zu verdanken ist, eigentlich General Clinchant war. Aber wie wäre die Welt doch anders, würde das Kulturzentrum am Löwenplatz «Clinchant-Panorama» genannt.

Wie dem auch sei, ein Besuch im «Bourbaki» und ein Abtauchen in die Zeit der Internierung vor 153 Jahren ist lohnenswert. Das Panorama ist nicht nur eine der wenigen historischen Darstellungen, die sich kriegskritisch zeigen, sondern auch eines der letzten dieser 360-Grad-Gemälde, die überhaupt noch existieren.

Die Besichtigung des Panoramas wird zum dreidimensionalen Erlebnis.
Luftiger Arbeitsweg und top Ausrüstung, vor historischer Kulisse.


Arbeiten am Seil, wo sonst keiner hinkommt

Ganz nah dran bei der Restaurierung des Baldachins sowie des Beleuchtungssystems vom Bourbaki Panorama war Laurent Lavignac aus Beromünster. Mit seiner Nordwand Arbeit am Seil GmbH gelangte er mit einem Team von ausgebildeten Industriekletterern in die höchsten Höhen des textilen Himmels und an Orte, wo kein Kran und kein Gerüst hinkommt. «Technisch war das schon spannend», sagt Laurent Lavignac, der die Firma für Arbeiten am Seil seit 26 Jahren betreibt. An Seilen kletterten seine Mitarbeiter unter der runden Stahlkonstruktion empor, wo sie ganz in der Höhe eine kreisrunde Metallschiene von 90 Metern Umfang zu ersetzen hatten, die «Vorhangschiene» für den riesigen, weissen Stoffzylinder, der daran hängt und den Baldachin umfängt.

«Wir wurden Anfang 2023 von der Schärli Architekten AG angefragt für diesen Auftrag. Ob es möglich sei, die Arbeit am Seil auszuführen, da vom Boden aus über ein Gerüst kaum möglich», erklärt Laurent Lavignac. In vielen Sitzungen wurde dann ein Konzept erstellt. Die Statik, die Metallstrukturen waren alt. Würden sie die Lasten tragen, wäre die Sicherheit gewährleistet? Das grösste Problem, so Lavignac, wäre eine zusätzliche Belastung auf dem Dach durch Schnee gewesen. «Das hätte die Konstruktion während der Arbeit wahrscheinlich nicht ertragen, deshalb planten wir eine Vorrichtung, um für diese Eventualität gerüstet zu sein.» Industriekletterer müssen sich eben zu helfen wissen. Zwar war auch dieser Winter ein schneearmer, bei der Arbeit am Seil muss man dennoch mit allem rechnen.

Für jeden Hand- und Fussgriff hoch unter der Dach die richtige Hilfskonstruktion.


Spannender Werdegang

Vom 10. bis 31. Januar waren insgesamt fünf Nordwand-Profis im Bourbaki Panorama am Werk, zwei an Klettergurt und Seil jeweils in der Höhe und einer am Boden, der koordinierte und sicherte. «Es war super schön», schwärmt Laurent Lavignac über diesen speziellen Arbeitsort. Und mit dem vielen Schnee hatte er nur auf dem riesigen Rundumgemälde zu tun. «Es war eine andere Welt, mit dieser Malerei und Szenerie rundherum!»

Laurent Lavignac (1959) hat 22-jährig in Paris mit Sportklettern begonnen. Der gelernte Informatiker arbeitete später in verschiedenen Handwerksjobs, auch als Kameramann fürs TV und machte danach die Ausbildung zum Baumpfleger, und arbeitete seither immer am Seil, zog mit einem Freund das erste Geschäft für Seilarbeit am Gebäude auf, sieben Jahre davon in Paris. «Es gab noch keine Normen und Vorschriften damals. Es war abenteuerlich!», lacht er heute.

Die Liebe führte ihn in die Schweiz. Mit Lotti Sigrist gründete er dann die Nordwand Arbeit am Seil GmbH. Pionierarbeit war das. «Die ersten fünf Jahre waren sehr schwierig. Es war ein neuer Job, und die Schweizer waren skeptisch», blickt er zurück. Es brauchte viel Überzeugungskraft. Mittlerweile gibt es für seine Tätigkeit offizielle, obligatorische und Suva-konforme Ausbildungen.

«Bis 50 habe ich fast täglich am Seil gearbeitet», sagt Lavignac. Heute bleibt er bei der Arbeit aber vermehrt am Boden. «Industriekletterer ist ein Beruf, den man nicht das ganze Leben lang macht, denn er ist körperlich sehr intensiv und anstrengend.» Auf dem grossen Terminkalender im kleinen Büro seines Wohnhauses im Stiftsbezirk von Beromünster sind die Daten belegt. Verschiedenste, zum Teil illustre Abkürzungen wie KKL Luzern, ZNI Luzerner Kantonsspital, Syngenta Basel oder Uni-Bibliothek Zürich prägen das Auftragsbild der Firma. Nordwand und ihre Mitarbeiter malen, mauern, reinigen und revidieren in luftiger Höhe und dort, wo kein anderer hinkommt. Eine nicht gerade leichte Herausforderung, wo extreme Vielseitigkeit gefragt ist. Wie kriegt man das hin? Lavignac: «Wir sind ausgebildet als Industriekletterer – den Rest lernen wir vor Ort!»

Industriekletterer der ersten Stunde: Laurent Lavignac aus Beromünster.


Text: Ursula Koch-Egli, Bilder: zvg



Die Stiftung Bourbaki Panorama Luzern hat ihr aktuelles Restaurierungsprojekt erfolgreich abgeschlossen. Nun erstrahlt das Rundbild unter erneuertem «Himmel» in besten Lichtverhältnissen und beeindruckt mit perfektionierter 3D-Wirkung.

(pd) Hinter verschlossenen Türen war im Europäischen Kulturdenkmal Bourbaki Panorama während sechs Wochen Spektakuläres in Gang: Der Baldachin – der künstliche «Himmel» über dem Riesenrundbild – wurde erneuert, das technisch überholte Beleuchtungssystem mit moderner LED-Technik ersetzt und die denkmalgeschützten Elemente auf der Aussichtsplattform restauriert – so entsprechen die lederbezogenen Sitzbänke und das Metallgeländer wieder ihrem Urzustand aus dem Eröffnungsjahr 1889.
Mit der Erneuerung des «Optischen Apparats» realisierte die Stiftung Bourbaki Panorama Luzern das umfassendste Restaurierungsprojekt seit der Totalsanierung von Rundbild und Gebäude vor fast dreissig Jahren. Die Arbeiten wurden aus logistischen Gründen und zum Schutz des Rundbildes grösstenteils von Industriekletternden ausgeführt. Die Restaurierung erfolgte ohne Zwischenfälle und nach Zeitplan. Beeindruckend sowohl in Leuchtkraft wie Energieeffizienz ist das historische Illusionsmedium wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Die Botschaft des Bourbaki Panorama hat bis heute nichts an Bedeutung verloren.

Museums-Öffnungszeiten:
April bis Oktober täglich 10 – 18 Uhr,
November bis März täglich 10 – 17 Uhr.

Mit etwas Glück gratis ins Bourbaki!

Der Anzeiger Michelsamt verlost zwei Generationen-Tickets fürs Bourbaki Panorama, gültig für je zwei Erwachsene mit bis zu fünf Kindern unter

16 Jahren. Senden Sie eine E-Mail an wettbewerb@anzeigermichelsamt.ch

mit dem Vermerk: BOURBAKI PANORAMA.

Einsendeschluss: Montag, 8. April 2024, 12 Uhr.

Verlosung mitmachen, Tickets gewinnen! Ein Besuch im Bourbaki Panorama ist lohnenswert.


Museumsleiterin Irène Cramm: «Ein spektakuläres und aufwändiges Unterfangen!»

 Irène Cramm.

«Das Bourbaki Panorama ist ein Europäisches Kulturdenkmal und erinnert an die Internierung von 87’000 französischen Soldaten, die im Winter 1871 in der Schweiz Zuflucht finden. Das Museum mit dem immensen Rundbild bietet heute eine Plattform für gesellschaftsrelevante Fragen zu Flucht und Migration, Humanität und Solidarität. Angesichts des Weltgeschehens bleibt die Friedensbotschaft des Bourbaki Panoramas bis heute aktuell und das Museum Bourbaki Panorama als Erinnerungs- und Erlebnisort für Gross und Klein von grosser Bedeutung.» sagt Irène Cramm, Museumsleiterin vom Bourbaki Panorama in Luzern. 

«Mit der Sanierung reagierte die Stiftung auf sichtbare Abnutzungs- und Alterserscheinungen einzelner Komponenten des Gesamtkunstwerks, die im Kontrast stehen zur hohen malerischen Qualität des Rundbildes. Der Umbau wurde zum Schutz des Gemäldes grösstenteils von Industriekletternden vorgenommen – ein genauso spektakuläres wie aufwändiges Unterfangen.»


(Bild: Monique Wittwer)


Optischer Apparat – Bourbaki Panorama

(pd) Neben dem Baldachin, dem von der Plattform aus sichtbaren, weit ausschweifenden «Stoffhimmel»,
besteht der sogenannte «Optische Apparat» weiter aus einem über dem Baldachin angebrachten
Stoffzylinder, dem Velum, und mehreren Sonnensegeln, senkrecht zum Velum gespannte Stofftücher.
Während der Baldachin als künstlicher Himmel denn oberen Bildrand verdeckt und es dadurch
unendlich erscheinen lässt, reflektieren Velum und Sonnensegel das durch Glasscheiben in der Kuppel
des Panoramas einfallende Licht und verhindern dessen direkte Einstrahlung auf die Leinwand. Die
Reflexion des nunmehr gebrochenen Lichts gewährleistet eine ausgewogene Auslichtung des
gesamten Panoramaraums unter Verhinderung dramatischer Schlagschatten. Auch der Baldachin hat
seinen Trick: Je dunkler sein Farbton, desto leuchtender erscheint die Malerei. 


Das gelbe Rohr diente als provisorisches Tragstück für jene Stellen, wo auch die Kletterer nicht hingekommen wären.


Industrieklettern: Ausbildung umfasst drei Levels

Industriekletterer müssen sich ausbilden, denn ohne Ausbildung darf nicht am hängenden Seil gearbeitet werden. Die Ausbildung zum Industriekletterer umfasst drei Levels. Alle zwei Jahre muss zudem ein Auffrischungskurs besucht werden. Die Richtlinien und die Lehrgänge hat der Schweizerische Höhenarbeiten- und Rigging-Verband SHRV zusammen mit der Suva erarbeitet. Neben dem SHRV bieten unter anderem der Schweizer Bergführerverband und der Fachverband Seilarbeit Schweiz Ausbildungen an.

Quelle: Die Alpen, April 2024

Ein alter Beruf: In den 90-er Jahren wurden Arbeiten am hängenden Seil in der Schweiz wieder neu entdeckt. Die Nordwand Arbeit am Seil GmbH gehört dabei zu den Pionieren. Bei der Höhenarbeit handelt es sich aber keineswegs um einen neuen Beruf, wie dieses Bild vom Turm der Stiftskirche von Beromünster um die Jahrhundertwende zeigt.


Weitere Bilder und Impressionen zum Bourbaki Panorama:

Internierte, französische Soldaten der Armée de l'Est aus dem Deutsch-Französischen Krieg anno 1870/71.


Auch im Schloss Heidegg im Kanton Luzern waren Internierte untergebracht.


Heute erlebt man die Geschichte der Internierung multimedial.
Verweilen lässt es sich lange vor dem 112 Meter langen Gemälde.
Das runde Gebäude am Löwenplatz in Luzern wurde 1889 eigens für das grosse Rundgemälde erbaut.



Bilder: Copyright by Bourbaki Panorama / Emanuel Ammon / Julia Leijola / Kathrin Schulthess / Vera Goldsmith / zvg




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