«Sie warn dat beste Publikum vom janzen Abend!»
Selten ist Tiefgründigkeit so erfrischend wie bei Judith Bach: Der Wirbelwind mit Windkanalfrisur und breitem Berliner Dialekt nimmt von der ersten Sekunde an das Publikum mit seinem unschlagbarem Lachen in Beschlag. So auch in Rickenbach am letzten Freitagabend.
Einmal mehr herrschte full house im Dachstock vom Gweyhuus in Rickenbach, als das Rickenbacher Kulturforum den Culture Club ansagte. Kulturperlen vom Feinsten, entdeckt an diversen Kleinkunstbörsen, erstrahlen da jeweils als Geheimtipp unter dunklen Dachbalken zu Hochglanz. So auch am Freitagabend, 15. November, als Präsident Thomas Wyss sagte: «Wir sind sehr stolz, dass sie da ist. Begrüssen und geniessen Sie: Claire!» Wer ist Claire?
Ein herzerfrischender Wirbelwind mit Windkanalfrisur und Stöckelschuhen trat auf die Bühne und nahm den Saal von Anfang an in Beschlag. Ein helles, unschlagbares Lachen aus einem rotem Breitmund, zwei sperroffene Augen in einem Gesicht, das Geschichten erzählt ... das ist Claire. «Ik begrüsse Sie im berühmtesten Theater von Rickenbach!», verkündete die energiegeladene Komödiantin und schoss los mit Unterhaltung in bestem Berliner Dialekt. «Die ist ja voll der Hammer», gings einem sprachlos durch den Kopf.
Allgegenwärtig: Oma Fritz
Und ehe man sichs versah, war man mit «Claire» mitten drin in den Geschichten, machte Bekanntschaft mit Oma Fritz, die zwar längst unterm Boden lag, sich aber immer noch bestens mit «Clairchen» unterhielt. Mit Harry, dem Motorradmechaniker und Angebeteten der Claire, der sie dann aber mit einem Heiratsantrag schockierte. Mit Frau Battke vom Friedhof, mit Ludwig, von dem man lange nicht wusste, wer er eigentlich war. Kabarett vom Feinsten.
Die Berlinerin Judith Bach singt, philosophiert und spielt am Klavier und drum herum, so dass auch ernste Themen zur wahren Freude werden. Leben und Tod, Freiheit, Sehnsucht und Liebe – selten ist Tiefgründigkeit so erfrischend wie bei Judith Bach. «Wenn ich ein Grab wäre, würde ich Claire-Grube heissen!» «Wir passen zusammen. Er ist die Schraube und ich bin locker!» «Können eigentlich Glatzköpfe Glückssträhnen haben?» «Wat fürn Puublikum heute Abend!» Unglaublich berührend dann der Abschluss der Vorstellung, der von der wahren Liebesgeschichte der Grossmutter erzählt, der Kriegszeit, dem Besuch des Liebsten auf dem Friedhof, dem weissen Flieder. Und dann haut sie wieder einen drauf: «Sie warn dat allerbeste Publikum vom janzen Abend!»
Die Berlinerin Judith Bach, die ihre Ausbildung an der Scuola Dimitri im Tessin gemacht hat, wohnt im Tösstal und beschenkt zahlreiche kleine Bühnen der Schweiz mit ihrer grossen Kunst. Wer sie einmal erlebt hat, vergisst sie nicht mehr so schnell. Das Rickenbacher Publikum jedenfalls war der Meinung, dass sie die beste Künstlerin des Abends war.
Ursula Koch-Egli
Judith Bach alias «Claire» gastierte mit ihrem Programm «Endlich» im Gweyhuus Rickenbach.
Bilder: uke