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 Sie legt sich an mit Herkules: Pia Fries im Kunsthaus Baselland

Ihre Farben sind Materie und ihre Formen sprengen Räume: Pia Fries, 1955 in Beromünster geboren, ist eine Künstlerin von internationalem Format. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf und ihre Werke werden von New York über Paris bis zur Biennale in Venedig gezeigt. Nun ist Pia Fries in Reichweite: im Kunsthaus Baselland, noch bis Anfang Juli. 

Wie ein Fries umspielt die Malerei von Pia Fries alle vier Wände dieses Raumes im Kunsthaus Baselland.

Mit den Arbeiten von Pia Fries muss man sich auseinandersetzen. Dieses Wort birgt schon eine Spannung in sich. Man setzt sich mit einem Bild auseinander im Raum, geht ganz nahe ran und dann wieder ganz weit weg. Pia Fries lässt in ihren Werken Zeiten und Räume zusammenkommen in einer ungeheuren Ballung von Kraft, gemalt auf Flächen von mehreren Quadratmetern.

Farbe wird zu plastischer Materie in der Malerei von Pia Fries.


Gewaltig, spannungsvoll, ästhetisch

Direkt vor den Augen sieht man erst mal massive Schichten von Farben, dick aufgetragen, überlagert, verstrichen und wieder zertrennt. Farbkleckereien lustvoll geschmiert, geschoben, modelliert. Aus weiter Distanz betrachtet, wird diese Materie dann plötzlich zum Kopf einer Raupe, zum Teil eines Schmetterlingsflügels. Pia Fries löst mit ihrer Malerei Strukturen auf und komponiert sie neu. Gewaltig, spannungsvoll, ästhetisch und jenseits von jeder Dekorativität. Ihre Werke tragen eine ungeheure Spannung in sich. Spannung in Verläufen und Prozessen, die sie offenbart. Es sind Prozesse des Lebens, die in diesen kraftvollen Arbeiten wiederzuerkennen sind, roh, aufgebrochen, atemberaubend schön gleich einer Naturgewalt.

Eine Auseinandersetzung mit den naturalistischen Zeichnungen von Maria Sibylla Merian aus dem 16. Jahrhundert.

Ebenso spürbar in den Werken von Pia Fries ist das Spannungsfeld der Zeit. Die Strukturen, auf denen sie ihre Bilder aufbaut und die sie darin einwebt, entstammen Kunstwerken, die vor Jahrhunderten, gar Jahrtausenden entstanden sind. Beim Betrachten folgt das Auge etwa den gezeichneten Spuren der Naturforscherin Maria Sibylla Merian ins 16. Jahrhundert, dem niederländischen Maler Hendryck Goltzius ins 15. Jahrhundert oder dem griechischen Bildhauer Lysipp ins 4. Jahrhundert vor Christus. Diese Darstellungen, seien es fein gezeichnete Blumen oder in Kupfer radierte Männerkörper, wirken in Pia Fries› modernen Bildkompositionen wie Verankerungen, die ein Abheben verhindern, die Rückhalt geben in einem gewaltigen Ausbruch von frei werdenden Energien.

Einblick in dreissig Schaffensjahre

Es ist angenehm kühl in den kahlen, hellen Räumlichkeiten des Kunsthauses Baselland in Muttenz. Hier begegnet man der Arbeit von Pia Fries über dreissig Schaffensjahre hinweg. Herzstück ihrer Präsenz bildet das neuste Werk «durch sieben siebe», eine alle Seiten eines Raumes umspielende Wandmalerei, die ausdrucksstark an ein restauriertes Fresko aus der Antike erinnert.

«Schwarze Blumen» - so der Titel dieses vierteiligen Werkes.


Der Halbgott stürzt entgegen

Herkules, der mächtige Halbgott der Antike, stürzt, sein muskulöser Körper in Teilen, wirbelt und fliegt auf den Betrachter ein. Diesen menschlichen Körper fächert die Künstlerin auf, lässt ihn flackernd im Strobo-Effekt durch den Raum und auf den Betrachter zufliegen – damit er ihn selber wieder zusammenfüge? Dabei sind die von Pia Fries gezielt gewählten Farben ein purer Genuss. Leuchtendes Gelb, Orange, klares Hellblau, grelles Pink, sattes Magenta – alles im Siebdruckverfahren grossflächig aufgetragen. «durch sieben siebe» wirkt, im Gegensatz zu den anderen Bildern der Ausstellung, als wäre es noch nicht ganz fertig, als stünde sein Entstehen noch im Prozess. Weil dicke Farbaufträge fehlen, wirkt «durch sieben siebe» transparenter und leichter. Die Papierbahnen sind, gerade wie in einem Atelier, bloss an die Wand genagelt. Pia Fries hat dieses Werk eigens für die Ausstellung in Basel und diesen Raum geschaffen. Das Thema jedoch trug sie mit sich schon seit Jahren.

Fragmente des «Herkules Farnese» von Hendryck Goltzius (15. Jhd.) splittern durch Pia Fries' Werk «durch sieben siebe».


Dem Raum eine neue Dimension

Die Bilder von Pia Fries geben jedem Raum eine neue Dimension. Sie eröffnen dabei ein noch weiteres Spannungsfeld – jenes der Ästhetik. Sie führen ihre Betrachterinnen und Betrachter auf sämtliche Erfahrungsebenen zwischen Grobheit und Harmonie, Gewalt und Sinnlichkeit, düsterer Tiefe und farbiger Lebendigkeit. Es muss eine mutige Frau sein, die es wagt, sich mit einem Halbgott auseinander zu setzen, einen Herkules auseinander zu nehmen. Tut sie es aus Freundschaft oder Furcht? Wie auch, das Ergebnis ist berührend, bewegend, überaus sinnlich und von einzigartiger Schönheit. 

Sattes Orange, klares Blau, kräftiges Gelb und tiefes Magenta: Die Farben sind ein purer Genuss.


«Sehr viel Arbeit»

Pia Fries ist 1955 in Beromünster geboren und als jüngstes Kind der Wirtefamilie Fries im Wirtshaus Ochsen aufgewachsen. Mit der Malerei kam sie erstmals als junge Erwachsene am Töchterinstitut der Klosterschule Baldegg in Berührung. Sie hat das Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Kunst und Gestaltung Luzern gemacht, darauf das Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde als Professorin für Malerei an der Universität der Künste in Berlin und an die Akademie in München berufen. Ihre Werke werden weltweit ausgestellt an Orten wie New York, Berlin, Moskau, Paris oder der Biennale in Venedig und auf Kunstauktionen wie Sotheby’s verkauft. Auf ihren künstlerischen Erfolg angesprochen, meint Pia Fries schlicht: «Es war vor allem sehr viel Arbeit.»

Pia Fries im Austausch mit Gästen anlässlich der Ausstellungseröffnung Anfang Februar.

Inwieweit ist ihr ihre Herkunft eine Inspiration? «Jede Arbeit ist eine neue Herausforderung», antwortet Pia Fries ruhig und überlegt, «Inspirationen nützen da nicht so viel.» Es gehe darum, sich mit den Tatsachen auseinander zu setzen. Doch fügt sie an: «In Beromünster aufzuwachsen ist eine Bereicherung. Es ist ein historischer Ort mit den beiden Kirchen und dem Flecken. Diese ländliche Umgebung mit gleichzeitig kultureller Ausprägung ist einzigartig.»

Die Ausstellung im Kunsthaus Baselland, kuratiert von Ines Goldbach, dauert noch bis zum 9. Juli, mit erweiterten Öffnungszeiten zur Art Basel vom 12. bis 18. Juni.


Pia Fries im Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Strasse 170, 4132 Muttenz/Basel
kunsthausbaselland.ch
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.
Erweiterte Öffnungszeiten zur Art Basel, 12. bis 18. Juni:
täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 14 bis 18 Uhr.
Weitere Informationen: www.piafries.com


Eine Reise wert: Noch bis zum 9. Juli sind die Arbeiten von Pia Fries im Kunsthaus Baselland in Basel/Muttenz zu sehen.


Pia Fries Ausstellungen 

Pia Fries (*1955 in Beromünster, CH) lebt und arbeitet in Düsseldorf, DE. Ihre Werke wurden in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt, u.a. Kunstpalast Düsseldorf (2019), Musée d‘Art moderne de la Ville de Paris (2018), Museum Kurhaus Kleve (2017), Kunstplattform AKKU Luzern (2015), Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (2010), Kunstmuseum Winterthur / Josef Albers Museum Quadrat Bottrop (2007). Wichtige Gruppenausstellungen waren z.B.: La Biennale di Venezia: 48 (1999), Beau Mond - The 4th International Biennial, SITE Santa Fe (2001), Diversity United, Flughafen Tempelhof, Berlin & New Tretyakov Gallery, Moskau (2021). Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen u.a. der Nordmann-Preis Kanton Luzern (1992), Fred-Thieler-Preis, Berlinische Galerie Berlin (2009), Gerhard Altenbourg-Preis, Lindenau-Museum Altenburg, die jeweils mit einer Einzelausstellung verbunden waren. Werke von Pia Fries befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen.    (Quelle: www.piafries.com)



Text: Ursula Koch-Egli, Bilder: Gina Folly / Christian Hartmann / uke




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