Sie überzeugte mit Herzlichkeit!
Der Weg von Nataly Schneebeli verläuft nicht auf geraden Bahnen und das löste zahlreiche positive Reaktionen aus. Viele wollen nun wissen, wie es der aufgestellten Kambodschanerin seit ihrem Lehrbeginn im August 2021 als Kauffrau EFZ bei Hotel und Gastro Union in Luzern ergangen ist. Gleich vorweg: Sie überzeugt nicht nur schulisch.
Das erste Lehrjahr verging wie im Flug. «Es war mega, einfach unglaublich», blickt Nataly Schneebeli auf das erste Ausbildungsjahr zurück. An zwei Tagen in der Woche stand bei ihr Schule auf dem Programm und an den anderen drei war sie am Arbeiten. «Ich habe mir die Berufslehre anders vorgestellt. Es ist noch viel spannender als gedacht», sagt sie und strahlt. Sie schätze die Abwechslung, die ihr der Beruf biete. Alle sechs Monate kann sie während ihrer dreijährigen Ausbildung bei der Hotel und Gastro Union in eine andere Abteilung reinschnuppern. Angefangen hat sie bei «Post und Verlag». Dort habe sie viel Neues gelernt und konnte bereits viele Erfahrungen sammeln.
Bewerbung machte Eindruck
Nataly kam vor zwei Jahren in die Schweiz und musste gleich einen schweren Schicksalsschlag einstecken. Im April 2020 kam sie mit ihrem Vater in die Schweiz, zwei Tage später starb er. Seither lebt sie bei der Familie ihrer Cousine in Beromünster. Das Schuljahr 2020/2021 besuchte Nataly an der Kanti Beromünster. Rund 60 Bewerbungen schrieb sie in der Zeit an verschiedene Firmen zu Berufen wie Köchin, Polygrafin und Kauffrau. Ein Drittel der Schreiben blieben unbeantwortet. «Ich habe kein Schweizer Zeugnis zum Vorweisen, keine Schulnoten. Die Noten der High School in Kambodscha nützen mir hier nichts», sagt sie.
«Noten sind nicht alles»
Doch bei der Hotel und Gastro Union machte ihr Auftritt Eindruck. «Die Bewerbung von Nataly war sehr beeindruckend und weckte mein Interesse», sagt Nora Ganziani, die Berufsbildnerin von Hotel Gastro Union Luzern. «Die Noten sind nicht alles. Klar braucht es einen gewissen Durchschnitt, damit man mithalten kann, aber genauso wichtig sind die Sozialkompetenzen. Gute Schulnoten können einen gewissen Grad an Fleiss oder Lernbereitschaft des Bewerbenden aussagen, dennoch sagen die Noten nichts über dessen Persönlichkeit aus», erzählt sie weiter. Schnell war Nataly im Bewerbungsverfahren eine Runde weiter. «Beim Schnuppertag war die Entscheidung schnell klar – Nataly überzeugte mit ihrer herzlichen und offenen Art», so die Berufsbildnerin weiter. Nach dem ersten Lehrjahr zieht auch Nora Ganziani ein positives Fazit: «Sie hat sich sehr gut eingelebt. Schulisch bewegt sie sich bei den Noten zwischen gut und sehr gut», lobt die Berufsbildnerin.
Keine Angst vor Sprache
Nataly Schneebeli hat viele Talente. Eines ist sicher ihr Sprachgefühl. Dass sie erst seit 2020 hier in der Schweiz lebt, hört man der 21-jährigen Kambodschanerin nicht an. Unglaublich schnell hat sie in den vergangenen zwei Jahren fliessendes Schweizerdeutsch gelernt, nur ein leichter Akzent ist noch hörbar. «Ich mag Sprachen», sagt sie. Eine Herausforderung sei manchmal noch die Rechtschreibung. Wie hat sie so schnell Deutsch gelernt? «Ich spreche jeden Tag Deutsch bei meiner Familie, man darf keine Angst vor der Sprache haben und soll einfach reden», sagt Nataly.
«Die Noten sind nicht alles. Klar braucht es einen gewissen Durchschnitt, damit man mithalten kann, aber genauso wichtig sind die Sozialkompetenzen.»
Nora Ganziani,
Berufsbildnerin
Listen schaffen Überblick
Ihren Arbeitstag startete sie meist am Computer, wenn sie sich einen Überblick über die eingegangenen E-Mails verschafft. Es werden Mails beantwortet, Termine abgemacht und Aufgaben erledigt. Um nicht den Überblick zu verlieren, hilft es, sich gut zu organisieren. «Ich liebe To-Do-Listen, sie helfen mir sehr, mich zu organisieren», erzählt Nataly. Übrigens: Eine Berufslehre gibt es in Kambodscha nicht. Der Weg ins Berufsleben setzt meist die Highschool voraus und dann den Besuch einer Uni.
Viele Möglichkeiten
Welchen Rat gibt sie an Schüler weiter, die vor der Berufslehre stehen? «Viel schnuppern, nicht nur einmal. Und man muss seine Fähigkeiten realistisch einschätzen können. Es brauche Durchhaltewillen. Man muss dranbleiben und darf nicht aufgeben», sagt sie. Wie es nach der Lehre für sie weitergehen soll, lässt sie noch offen. «Das kann ich noch nicht sagen. Nach der Lehre gibts viele Möglichkeiten, zum Beispiel die Matura. Ich bin offen für vieles», sagt sie selbstbewusst. Das Ziel ist klar: Die Lehre erfolgreich abschliessen und sich danach weiterzubilden.
Text und Fotos: Sandro Portmann