Seetaler Poesiesommer zu Gast im KKLB: Das «Europawäldli» gedeiht und wächst weiter...
Ein Kulturprogramm im Zeichen des internationalen Austauschs: Das «Europawäldli». Seit 2014 werden beim ehemaligen Landessender unter der Ägide des «Seetaler Poesiesommers» Bäume für die europäischen Kulturräume gepflanzt. Heuer kamen zu Ehren von Kroatien und Serbien ein wilder Kirschbaum und ein Nussbaum samt ihren Geschichten dazu.
Ist es eigentlich auch ein Zeichen des Klimawandels, dass der Seetaler Poesiesommer noch immer andauert und mit Veranstaltungen verzückt? «Ein Zeichen für den jahrhundertelangen Austausch der Schweiz mit Europa», nennt Europawäldli-Initiant Ulrich Suter dieses Kulturprojekt, das er mit Förster Robi Suter seit 2014 beim Landessender realisiert. Eine Hommage an die Kulturräume Europas, ein Naturdenkmal, kein politisches Manifest. Es waren in den vergangen Europawäldli-Jahren mehrmals Kulturschaffende aus dem Ausland am Programm beteilgt: eine Delegation aus Mulhouse, aus Belgien, Schweden, Italien und weitere Länder-Vertreter:innen
Bisher gehören dazu: Eine Birke für Schweden und eine Eiche für Polen (2014), eine Blutbuche für Belgien und eine Rosskastanie für Frankreich (2015), eine Rottanne für Italien und eine Eiche für Spanien (2016), eine Buche für Dänemark und eine Rotbuche für Liechtenstein (2017), eine Silberweide für Österreich und eine Schwarzpappel für die Niederlande (2018), eine Eibe für Grossbritannien und eine Birke für Finnland (2019), ein Gingko für Deutschland und ein Schlehdorn für Irland (2020), eine Schlangenhautkiefer für Bulgarien und ein Wacholder für Estland (2021), ein Seidelbast für Griechenland und eine Linde für Rumänien (2022). Heuer kamen zu Ehren von Kroatien und Serbien ein wilder Kirschbaum und ein Nussbaum samt ihren Geschichten dazu.
«Premio Masciadri 2023» an die Bündner Verlegerin Mevina Puorger
Mevina Puorger war zugegen und vertrat das Land Kroatien. Sie stammt aus dem Unterengadin, genauer aus Ramosch, lebt heute in Zürich und hat drei erwachsene Kinder. Sie wurde jüngst mit dem Schweizer Kulturpreis «Premio Masciadri 2023» ausgezeichnet, für «die uneigennützige verlegerische Tätigkeit zugunsten der romanischen und italienischsprachigen Literatur der Schweiz sowie für das jahrzehntelange Wirken als Literaturvermittlerin». Sie ist freischaffende Romanistin. Von 2001–2017 war sie Lektorin für romanische Sprache und Kultur an der Uni Zürich. Sie unterrichtet rätoromanische Sprache und Literatur, ist publizistisch und kulturvermittlerisch tätig. Seit 15 Jahren veröffentlicht sie im eigenen Verlag editionmevinapuorger Neuauflagen rätoromanischer Klassiker und zeitgenössischer romanischer oder italienischer Literatur. Mit ihrem Mann verbringt sie immer wieder einige Wochen Abgeschiedenheit in seinem Haus in Pula in Istrien, der herrlichen Ferienecke von Kroatien, wie das Bündnerland die Ferienecke der Schweiz ist. Die Verlegerin stellte zwei ihrer in den vergangenen Monaten erschienen Bücher vor und begeisterte mit ihrer unmittelbaren Art.
Weitere Informationen: http://www.premiomasciadri.ch/
Florica Marian, eine wahre Kosmopolitin
Die in Genf geborene Ethnologin und Künstlerin Florica Marian aus Les Diablerets, die in Wien studierte, las das Gedicht ‘orah’ (Nussbaum) des serbischen Dichters Dragan Kolundzija auf Serbisch und in einer eigenen deutschen Übertragung vor. Ihre Mutter stammte aus Serbien, sie liebte Bäume und diese zu pflanzen. «In Wien fängt der Osten an», meinte Forica Marian, die letztes Jahr - da ihre Vater Rumäne war – ebenfalls im Europawäldchen einen Baum pflanzte. Eine wahre Kosmopolitin war für die Baumpflanzung angereist.
Erwähnung fand auch Anna Felder, die letzte Woche verstorbene Schweizer Schriftstellerin mit Heimatort Willisau. Ihre alltägliche Erfahrung mit Europa formulierte sie so: «Die Lust, hin in die Schweiz und zurück nach Italien zu fahren, mit dem Zahnstocher im Mundwinkel, die kann dir nicht einmal der Herrgott nehmen.»
Früchte sollen sie dereinst abwerfen…
Anschliessend schritten alle zusammen zur Pflanzung der beiden neuen Bäume, nachdem Förster Robi Suter die beiden Baumarten Nussbaum und Kirschbaum treffend charakterisiert hatte. Beide brauchen wenig Wasser und können deshalb mit der Klimaerwärmung gut umgehen. Und beide tragen Früchte, die sich zu leckeren Speisen verarbeiten lassen. Die Engadiner Nusstorte und die Zuger Kirschtorte erschienen schon vor dem geistigen Auge. Gastgeber Heinz Marti ist besonders an den zukünftigen Früchten interessiert.
Die 2015 für Belgien gepflanzte Blutbuche ist zu einem stattlichen Baum angewachsen, und auch die anderen Bäume im artenreichen Wäldchen recken sich, jeder nach seiner Façon, himmelwärts. Bei einem kleinen Apéro gewann der europäische Austausch weiter an Fahrt, mit Anekdoten und Gedanken zum komplexen europäischen Zusammenleben. Man darf gespannt sein, welche zwei Länder im nächsten Jahr dazukommen werden. Erste Ideen wurden bereits gesponnen und Eile mit Weile treibt dieses über Jahrzehnte angelegte internationale Kulturprojekt voran.
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt