Schnelle Reaktionen entschieden innert Minuten über Leben und Tod
Eine Woche nach dem Wohnhausbrand in Beromünster bietet sich vor Ort ein trostloses Bild. Doch es hätte viel schlimmer sein können. Nachgefragt bei der Feuerwehr, beim Sozialvorsteher der Gemeinde und einer Person, die genau im richtigen Moment am richtigen Ort war.
Nassschnee fällt auf die Brandruine in Under Brugg. Alles ist still. Trümmer liegen am Boden, verkohlte Balken ragen in die Luft und noch immer hängt ein beissender Geruch in der Luft. Selber Ort, wenige Tage zuvor, 20. November, 5.33 Uhr: Aus den Fenstern des bewohnten Hauses schiessen Flammen lichterloh empor. Personen irren im Dunkeln herum, sie rufen, husten, ein Mann sitzt am Boden und weint. Ein Grossaufgebot von 101 Angehörigen der Feuerwehr Michelsamt, 6 der Regio Feuerwehr Sursee, 3 der Feuerwehr Stadt Luzern, 4 Ambulanzen, 1 Notarzt und 3 Polizeipatrouillen rücken aus, der Brand wird unter Kontrolle gebracht, ein Ausbreiten verhindert. Der Verkehr wird gesichert, Passanten geschützt und die zwölf Geretteten versorgt und betreut. Vier Stunden später kann definitiv festgestellt werden, dass sich keine weiteren Personen im Gebäude befanden.
Auf dem Weg zur Arbeit
Etwas Entscheidendes spielt sich aber ganz zu Beginn ab, kurz vor halb sechs. Der Unternehmer Fabian Dominé fährt wie jeden Morgen im Auto vom Flecken her in sein Büro, als er links im Augenwinkel bei einem Haus aus den Fenstern zweimeterhohe Flammen schiessen sieht. Sofort alarmiert er noch auf der Fahrt den Notruf 118, biegt dann links ab, um zum brennenden Haus zu gelangen. Telefonisch in Kontakt mit der Alarmzentrale, holt er drei Personen heraus. Als Helfer immer noch alleine vor Ort und wissend, dass weitere Menschen im Haus sind, befiehlt er den Leuten, Steine an die Fenster zu werfen, um sie zu wecken. Mehrere Personen kommen heraus, einer vor Husten nur noch kriechend. Eine Frau mit einem Kind befindet sich im Treppenhaus. Das Kind wird gerettet, doch die Frau zieht sich vor Schreck ins Innere zurück. Bereits bersten die Fensterscheiben vor Hitze. Selber ins Haus einzudringen wird für Dominé zu gefährlich. Der eben eintreffende Feuerwehrkommandant schlägt die Tür ein und kann die Frau rechtzeitig retten.
Steine an Fenster geworfen
«Vom Erblicken der Flammen bis zu diesem Moment vergingen bloss drei bis vier Minuten», sagt Fabian Dominé einige Tage später. Was ihm in dieser kurzen Zeit durch den Kopf ging? «Von dem Moment an, als ich die Flammen sah, konnte ich mich nicht mehr steuern. Ich habe nur funktioniert.» Offenbar richtig. «So etwas kannst du nicht steuern», fährt er fort. «Auch das mit den Steinen, es war keine Überlegung. Es war einfach ein Funktionieren.» Schnelle Reaktionen innert Minuten, die über Leben und Tod entschieden. «Er hat das sensationell gemacht», kommentiert Armin Dörig, Kommandant der Feuerwehr Michelsamt. «Als Erstes hat er alarmiert und dann unter Wahrung der eigenen Sicherheit geholfen.»
Höchste Prio: Sicherheit
Seit 2021 Kommandant der Feuerwehr Michelsamt, konstatiert Dörig diesen Einsatz als einen der herausforderndsten: Ein komplexes Gebäude mit einer hohen Anzahl Bewohner, dazu an schwer zugänglicher Lage. Die wichtigste Verantwortung für ihn als Einsatzleiter war, wie weit er die Feuerwehrleute noch ins Gebäudeinnere schicken durfte. «Höchste Prio ist, die Leute gesund retour zu bringen. Ein einsturzgefährdetes Gebäude bei 800 Grad Hitze – da darf niemand mehr rein!», sagt er. Bei diesen Entscheidungen konnte er sich komplett auf seinen Vize Thomas Bussmann verlassen. «Wir verstehen uns blind!»
Bis zum Folgetag hielt die Feuerwehr Brandwache und sicherte das Haus. Ebenfalls holte man möglichst schnell persönliche Gegenstände der Bewohner, sofern das noch möglich war, wie Medikamente, Dokumente oder Erinnerungsstücke. Branddetektive der Kripo Luzern waren drei Tage lang im Einsatz, um in Sisyphusarbeit alles aufzunehmen, was Hinweise auf die Brandursache geben konnte. Die Auswertung ist derzeit im Gange.
Personen unter Schock
Eher per Zufall schon vor Ort war an jenem Morgen auch Luca Boog, Sozialvorsteher der Gemeinde Beromünster, der schon früh im Büro war. «Wir öffneten das Gemeindehaus, damit die Betroffenen fürs Erste unterkamen und sich die Blaulichtorganisationen installieren konnten. Es war noch dunkel draussen und bei Schneefall ein Gewusel von Leuten, die nur leicht bekleidet und teilweise ohne Schuhe waren und unter Schock standen», beschreibt er die angetroffene Situation. Auf unkomplizierte Weise hätten dann die Gastgeber vom Fläcke Kafi sofort das Restaurant geöffnet und den Raum zur Verfügung gestellt, damit die Betroffenen abgeschirmt waren und wegen Verdachts auf Rauchvergiftung medizinisch betreut werden konnten.
Ein Dach über dem Kopf
Bei den betroffenen Hausbewohnern handelt sich um Privatpersonen sowie Menschen im Asylverfahren, darunter ein Kind. «Menschen, die hier wohnen, zur Arbeit oder in die Sprachschule gehen», wie Luca Boog erklärt. Als Erstes ging es für ihn darum, für alle bis am Abend ein Dach über dem Kopf zu finden. «Die Gemeinde wäre theoretisch nicht für die Unterbringung verpflichtet, aber es ist ja logisch, dass man hilft und schaut!», so Luca Boog. Ein Teil der Personen konnte im Don Bosco untergebracht werden, wo seit Kurzem ein Minimalzentrum der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen besteht. Auch viele Spendenangebote an Kleidern und Material aus der Bevölkerung hat die Gemeinde gleichentags erhalten. Mittlerweile sei der grösste Teil des Bedarfs aber gedeckt. «Wir möchten allen Leuten Danke sagen, die couragiert geholfen haben», schliesst er, «so wurde Schlimmeres verhindert!»
Noch eine Rettung
Zwölf Personen ohne grösseren Schaden davongekommen – eine glückliche Bilanz nach einem verheerenden Unglück. Und es gibt noch eine Rettung: Bei der Innenbrandbekämpfung war unter einem Bett noch ein Haustier entdeckt worden. In der nahegelegenen Kleintierpraxis staunte man nicht schlecht, als frühmorgens ein Feuerwehrmann mit einer «pflotschnassen» Katze auf dem Arm unter der Tür stand. «Abgesehen davon, dass sie gotterbärmlich nach Rauch roch und etwas hüstelte, war sie unversehrt», heisst es dort auf Anfrage. «Kater Leo» wurde in Obhut genommen und medizinisch versorgt, und über die Tage, bis er wieder zu seinem Besitzer zurückkehren konnte, bekam er in der Tierarztpraxis Asyl – und eine gründliche Trockenschaumreinigung. Eine schöne und emotionale Geschichte am Rande des Geschehens, sinnbildlich für ein Ereignis, bei dem im Unglück auch viel Glück im Spiel war.
Ursula Koch-Egli