Schalttag? Ja, Schalttag!
An einem Schalttag geboren zu sein ist, früher wie heute, mehrheitlich Zufall – geheiratet wird an dem Tag aber gerne absichtlich. Besonderes und Unbesonderes um einen speziellen Tag: Was Schalttagskinder und Schalttagspaare erzählen.
«Am Anfang sind wir noch mitten in der Nacht aufgestanden!»
32 Jahre verheiratet, 8. Hochzeitstag: Rosmarie (77) und Daniele (70) Fischer aus Beromünster heirateten am 29. Februar 1992:
«Ja, es war gezielt und gewollt, dass wir am Schalttag heirateten!», sagt Daniele Fischer, und seine Frau Rosmarie ergänzt: «Es war aber ein Samstag.» Eine zivile Trauung an einem Samstag? Eben, das war nicht so einfach. Für das Hochzeitspaar aber nicht unmöglich. Aus der Region Zürich nach Beromünster gezogen, hatten sie eigentlich die Fasnacht nicht im Blut. Und eben dieser Schalttag, den sie zu ihrem Hochzeitstag erkoren hatten, war der Fasnachtssamstag. «Geheiratet werde nur von Montag bis Freitag!», erklärte der Standesbeamte von Sursee entschieden, «aber... kommt doch mal vorbei.» Gesagt, getan – und ganz angetan von der Begegnung mit dem charmanten, nicht mehr ganz jungen Brautpaar, sagte der Standesbeamte schliesslich: «Für euch mache ich eine Ausnahme.»
«Es war ein super Tag!» schwärmt Rosmarie noch heute, «einer der lustigsten Tage überhaupt!» Daniele holt ein kleines Faltalbum mit Farbfotos. Ein schöner Saal im Rathaus Sursee, drinnen zivile Hochzeit und draussen Fasnacht im Hochbetrieb! Die Gäste warteten schon – die Luzerner verkleidet, die Zürcher nicht – und dann gings im Konfettiregen nach Hause ins Schützenfeld Beromünster, zur heiteren Spaghettata. «Ein Riesenfest!»
Wunderbare Erinnerungen. Nur, warum musste es unbedingt dieser Tag sein? «Die Symmetrie dieses Datums hat uns gefallen: 29.2.92. Wir entschieden uns relativ spontan», erklärt Daniele, von Berufes wegen Bauingenieur, von Freunden aber nur «der Professor» genannt, und Rosmarie, gewiefte Kauf- und Gastrofrau, ergänzt: «Bei uns läuft alles spontan!»
32 Jahre verheiratet und nur alle vier Jahre Hochzeitstag – wie feiern sie das? An ihrem «richtigen» Hochzeitstag gehen die beiden gerne zusammen gross und gediegen essen, «zu zweit alleine», wie sie sagen. Und die andern drei Jahre? Sie lachen laut: «Ja, früher sind wir noch mitten in der Nacht aufgestanden, vom 28. Februar auf den 1. März, und haben die Null-Sekunde gefeiert!» Mit der Zeit habe sich das dann aber etwas erübrigt, meinen sie lächelnd, und blättern weiter in ihren schönen Fotoalben.
«Damit ich den Hochzeitstag nicht so leicht vergesse!»
16 Jahre verheiratet, 4. Hochzeitstag: Erwin Herzog (57) und Luzia Zemp Herzog (53) heirateten am 29. Februar 2008.
Auch Erwin Herzog und Luzia Zemp Herzog aus Beromünster können dieses Jahr am 29. Februar einen «echten» Hochzeitstag feiern. Wieso haben sie dieses Datum gewählt? Erwin sagt geradeheraus: «Damit ich den Hochzeitstag nicht so leicht vergesse!» Das war jetzt aber nicht ernst, oder? Die beiden lachen und beweisen schon von Anfang des Gesprächs viel Humor. «Ja, warum eigentlich?» «Es geschah im gegenseitigen Einverständnis!», scherzen sie weiter. «Ich sagte immer, wir heiraten an einem speziellen Datum. Es musste einfach etwas Verrücktes sein», meint Luzia mit leuchtenden Augen. «Der 31. Dezember oder der 8. August (8.8.08) wären auch noch eine Option gewesen», erinnert sich Erwin, «aber es musste ja ein Freitag sein.» «Ich wollte am liebsten nach Las Vegas!», schwärmt Luzia weiter. Erwin wollte aber nicht. So hatten sie also am Schalttag 2008 im edlen Rittersaal in Sempach ihre Ziviltrauung, ihr neun Monate altes Töchterchen war auch schon dabei. An die 50 Gäste waren dann zum Fest im Hirschen Beromünster eingeladen. «Typisch!», hatten diese gemeint, so ein verrücktes Datum passe doch zu ihnen. «Ja, und wir hatten eine gute Musik und richtig viel getanzt!»
Und wie verrückt feiern Erwin, beruflich Chemiker und Bereichsleiter beim Bund in Bern, und Luzia, Betreuerin Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigung, ihren seltenen Hochzeitstag? «Alle vier Jahre machen wir eine riesen Reise!», platzt Luzia wieder heraus mit funkelnden Augen. War das jetzt ernst oder nicht? Es war nicht ernst, und das macht auch nichts. Ihre Hochzeitstage feiern die beiden meistens eher unspektakulär, wenn kein Schaltjahr ist, am 1. März. «Dann gibt’s nur ein kleines Geschenk!», meint Erwin augenzwinkernd. Ausser er vergisst das Datum, dann gibts wohl gar keines.
Sie holen die «Beweisstücke», die Heiratsanzeige mit rotem Herzchen und Datum «29. Februar» hervor, sowie ein stattliches Fotoalbum mit grossen Bildern des Hochzeitspaars. «Schau, wir haben uns ja gar nicht verändert!», lacht Luzia. Klar doch, wenns doch erst der vierte Hochzeitstag ist.
Weil sich die Erde pro Sonnenjahr nicht 365 Mal um die eigene Achse dreht, sondern 365 ¼ Mal, werden diese vier Vierteltage aufgerechnet und dem Kalender alle vier Jahre ein ganzer Tag zugefügt – der Schalttag eben. Dies schon seit dem Jahr 45 vor Christus, dank des vom römischen Kaiser Julius Cäsar eingeführten «Julianischen Kalenders», der alle vier Jahre ein Schaltjahr zählt. Ein Schaltjahr, wie eben 2024 auch wieder eines ist, zählt dann 366 Tage – und die Rechnung mit der Sonne, der Erde und ihrer Drehung geht wieder auf.
Der Gregorianische Kalender aus dem Jahr 1582, eingeführt von Papst Gregor XIII, hat dann die Zeitrechnung noch etwas verfeinert, so dass folglich auf 400 Jahre drei Schaltjahre entfallen konnten und das Kalenderjahr mit dem Sonnenjahr noch besser synchronisiert wurde.
«Hehe, du bist ja erst drei! Du musst ja mega schlau sein, dass du schon in der 5. Klasse bist!»
Die Zwillinge Sarah und Svenja Müller aus Hundgellen, Eich, sind am 29. Februar 2012 geboren und feiern dieses Jahr ihren dritten Geburtstag.
«Sicher nicht am Schalttag!», erklärte die junge Mutter den Ärzten entschieden. Am Schalttag wolle sie nicht gebären! Claudia Müller aus Hundgellen, Eich, stand Ende Februar 2012 kurz vor der Geburt ihrer Zwillinge, und als sich eine Einleitung der Geburt abzeichnete, stemmte sie sich gegen den offiziellen Organisationsplan des Spitals und sagte: «Nicht am Mittwoch, nicht am Schalttag.» Das Personal willigte schliesslich schmunzelnd ein – auf Dienstag. Nach grosser Anstrengung und einigen Turbulenzen war die glückliche Geburt schliesslich geschafft – kurz nach Mitternacht. Claudias Zwillinge Sarah und Svenja kamen exakt am Schalttag zur Welt. Gleichentags flatterte auch schon die Anfrage einer Tageszeitung für eine Reportage ans Spitalbett ... welche die erschöpfte Mutter dankend ablehnte.
Zwölf Jahre später lehnt Claudia eine erneute Anfrage für eine Schalttagsreportage aber nicht mehr ab. Lachend und umrahmt von zwei hübschen Mädchen mit langen Haaren öffnet sie die Tür. Am grossen Esstisch gibts dann für die Zwillinge Sarah und Svenja einiges zu berichten. «Es ist lustig!», findet Sarah, in der Schule gebe ihr Geburtsdatum immer viel zu Lachen. «Hehe, du bist ja erst drei! Du musst ja mega schlau sein, dass du mit drei schon in der 5. Klasse bist!», heisse es dann immer. Svenja erklärt weiter: «Wenn wir sagen, dass wir am 29. Februar Geburtstag haben, glauben es die Leute anfänglich nicht. Erst wenn wir es nochmals sagen, glauben sie es!» Das bestätigt auch ihr Mami: «Egal wo, ob es um Ausweise geht oder andere Formalitäten, es heisst immer: Schaltjahr? Ja, Schaltjahr!»
Svenja und Sarah finden ihr Geburtsdatum schön. Gefeiert werde jeweils mit der Familie und den vier Gotte und Götti im grossen Stil sowieso immer am nachfolgenden Samstag.
«Aber diesmal, am 12. Geburtstag, wollen wir unbedingt am Schalttag feiern!», sagen die beiden Mädchen vorfreudig aufgeregt. Und das ist dieses Jahr ein Donnerstag. «Wir werden dann am Freitag in der Schule halt ein bisschen müde sein, wir haben es der Lehrerin bereits gesagt, und sie ist einverstanden.» Auch sonst verstehen sich Sarah, die sehr gerne kocht, backt und tanzt, und Svenja, die am liebsten zeichnet und Fussball spielt, bestens. Sind unzertrennlich und sorgen füreinander. Als Zwillinge und dazu ungeplant an einem Schalttag geboren – eindeutig ein doppelter Glückstreffer!
«Ich kann auf fünf zählen: Der Ablauf der Reaktionen ist immer gleich»
Was haben Lara Willimann (16), Madlen Schaffhauser (44) und Katharina Bossart (92) gemeinsam? Richtig, sie sind alles Schalttagskinder. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass sie daran nichts Besonderes finden.
«Ich bin damit aufgewachsen, kenne ja nichts anderes», meint Lara Willimann aus Eich schulterzuckend. Am Schalttag geboren zu sein, sei nichts Besonderes. «Die Leute im Umfeld finden das spezieller als man selber.» Worauf sich die 16-jährige Kantischülerin aber verlassen kann, ist der immer gleiche Ablauf der Reaktionen, wenn sie ihr Geburtsdatum nennt. «Ich kann auf fünf zählen. Erstens: sie warten ein wenig. Zweitens: ein verwirrter Blick folgt, dann drittens: ein erstaunter Blick, viertens die Nachfrage: Wirklich? Und fünftens, nach meiner Bestätigung: ein Lachen.» Ihr ist es angenehmer, wenn aus dem Datum nicht viel gemacht wird. Aber ein bisschen Profit hat sie schon daraus geschlagen: Sie feiert nämlich immer zweimal. Am 28. Februar und am 1. März.
Wie wurde ihr als Kind dies alles erklärt? «Ein Jahr hat 365 Tage, aber die Erde dreht sich pro Jahr nicht 365 Mal um ihre eigene Achse, sondern 365 ¼ Mal.» Da die kleine Lara schon früh ein Flair für Naturwissenschaften hatte, fand sie das ganz plausibel und war damit zufrieden.
Auch Madlen Schaffhauser aus Pfeffikon findet ihr Geburtsdatum nicht speziell. «Ist halt», meint sie knapp. «Die Leute aussenrum machen das grössere Theater deswegen.» Gratulationen bekommt sie an zwei Tagen, wenn kein Schaltjahr ist, und feiern kann sie dann einmal mit Freunden und am andern Tag mit der Familie. Sie ist am 29. Februar 1980 geboren und feiert folglich ihren 11. Geburtstag. «Mein Sohn findet es lustig, dass er jetzt älter ist als ich!»
Mit 92 den 23. Geburtstag feiern!
Und Katharina Bossart aus Rickenbach wurde am 29. Februar 1932 geboren, feiert also dieses Jahr ihren 23. Geburtstag. «Ich möchte nicht mehr so jung sein!», lacht die 92-Jährige. Sie habe ja viel Gutes erlebt in all den Jahren, aber auch viel durchgemacht. «Früher hat man sowieso nicht viel gefeiert», sagt die rüstige Rentnerin munter, «und sich aus diesem Datum nicht viel gemacht.» Aber sie weiss dann doch gleich einige aus ihrem Dorf, die mit ihr Geburtstag haben. Mit einem Mädchen habe sie auch noch lange regelmässig Gratulationen ausgetauscht. Schalttagskinder haben eben doch etwas Besonderes, was sie verbindet.
Ursula Koch-Egli