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Kultur

Rosemarie Keller – Zeitchronistin mit hohem Erzähltalent

Die Seetaler Poesiewochen gedenken der Aargauer Autorin Rosemarie Keller (1937–2024) an einer Nachmittagslesung im Schloss Hallwyl mit Pirmin Meier, Ueli Suter und Horacio Keller. Am Mittwoch, 9. Juli, Schloss Hallwyl, um 15 Uhr.

Rosemarie Keller 2023 bei einer Lesung zu ihrem Buch «Die Wirtin».

«Am Ende des Fusswegs steht die Kapelle. Wir treten ein. Der schmale Raum liegt wie im Morgengrauen. Das angenehme Gefühl von Zeitabgerücktheit ergreift mich: Hier überdauert etwas, das auch dich überdauern wird…» So beginnt Rosemarie Keller (1937–2024) ihren Roman Die Wallfahrt, der von einem Hostienfrevel im 15. Jh. handelt. Die Aargauer Schriftstellerin und Journalistin lässt diesem, ihrem zweiten Buch aus dem Jahr 1989, weitere Romane folgen: Clalüna – die Mittwisserin (1993), Die Wirtin (1996) und Ich bereue nicht einen meiner Schritte: Leben und Prozess der Ärztin Caroline Farner (2001). Historiker und Autor Pirmin Meier erinnert an die unlängst verstorbene Autorin und ihre Bedeutung für die Schweizer Literatur.

Vorzügliche Recherche und erzählerische Durchdringung

Mit «Die Wirtin» schuf Rosemarie Keller ein bleibendes poetisches Dokument über Baden zur Zeit des 2. Weltkrieges. Ihre Frauenporträts, so «Die Wallfahrt» über einen Hexenprozess im Kanton Luzern und ein biographischer Roman über die erst zweite Schweizer Ärztin Caroline Farner, verbinden vorzügliche Recherche mit erzählerischer Durchdringung. Die sprachliche Qualität bewegt sich durchwegs auf einem hohen und zumal eindringlich lesbaren Niveau. Dabei bewegte sich die Autorin indes durchwegs abseits der sogenannten Literatur-Szene, schrieb für ein Publikum, das um ihre Qualität wusste. Dabei stets jenseits von Heimat-Kitsch, dafür kritisch-genau, in der Kunst des historischen Porträts einer Epoche ohne Entlarvungsabsicht. Erkennen, erinnern, gedenken. Kultur als geistiges Machen, Bauen, Pflegen.

Ihr letztes Buch: «Tausend Brunnen» – Kamerun

So auch ihr letztes Buch «Tausend Brunnen»: Die Geschichte des Engelberger Benediktiner-Missionars Urs Egli (gebürtig aus Buttisholz) verweist jenseits der unterdessen umstritten gewordenen Afrika-Mission auf einen Pionier auf dem Gebiet der Wasserversorgung in Kamerun. Mit zu dessen Kulturleistungen gehörten der Bau von nicht weniger als 9 Dorfschulhäusern sowie 1000 Brunnen zur Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser. Rosemarie Keller hat sich diesbezüglich vor Ort kundig gemacht zu einem Zeitpunkt, da sich die Engelberger Mönche Pater Urs Egli und Bruder Gerold Neff aus Kamerun zurückziehen mussten, womit ein bedeutendes Kapitel benediktinischer Missionsgeschichte zu Ende ging. Das Konzept der Benediktiner-Mission in Afrika orientierte sich gemäss dem Missionsstrategen Pater Andreas Amrein (Beromünster) an der Schaffung von auch handwerklich ausgerichteten Kulturzentren, wie dies im frühen Mittelalter zum Beispiel in St. Gallen und auf der Insel Reichenau praktiziert worden war. Diese Epoche fand indes im 20. Jahrhundert ihr Ende zugunsten einer «Entwicklungszusammenarbeit», die etwa von der Schweizer Stiftung St. Martin (Baar) unterstützt wurde, zu deren Stiftungsrat auch der Aargauer Nationalrat Anton Keller gehörte, Ehemann von Rosemarie Keller und Vater der derzeitigen Ständerätin Marianne Binder.

Buchcover Tausend Brunnen.

Das Buch «Tausend Brunnen» erzählt von Sarner Schwestern in Kamerun, auch engagierten Schweizer Hebammen, eindrücklich von einer einheimischen «Maman Christina», einst von ihrem Mann geflohen, genoss sie innerhalb der Missions-Station einen legendären Ruf als Helferin der gebärenden Frauen. Rosemarie Kellers Darstellungskunst enthält sich indes jeglicher missionarischer Propaganda als erzählerischer Schluss-Stein einer Epoche, die später der radikal kritische Immensee-Missionar Al Imfeld unter das Motto «Mission beendet» (2012) gestellt hat. 

Ihr Meisterwerk: «Die Wallfahrt» – Hexengeschichte

Unter Rosemarie Kellers Romanen wurde vor einigen Jahren ihre biografische Studie «Ich bereue nicht einen meiner Schritte» über die Ärztin und Juristin Caroline Farner auch an Kantonsschulen, so Beromünster, gerne gelesen. Ihr Meisterwerk bleibt aber wohl «Die Wallfahrt» (Pendo 1989), welche im Kanton Luzern spielende Hexengeschichte aus dem späten 15. Jahrhundert in exakter kritischer Erzählweise sich vor dem epochalen Hauptwerk von Evelyne Hasler, «Anna Göldi, letzte Hexe» sich keineswegs verstecken muss. Das Gesamtwerk von Rosemarie Keller zeichnet sie als eine Autorin aus, auf deren Werk wohl noch Jahre und Jahrzehnte nach ihrem Tod am 7. Dezember 2024 aufmerksam gemacht werden dürfte.

Brautpaar: Rosemarie und Peter Keller.


Ihr Enkel liest ihre Texte

Im Rahmen der Seetaler Poesie-Wochen wird der historische Autor Pirmin Meier, mit Rosemarie Keller über Jahrzehnte verbunden, auf eine der besten und «nachhaltigsten» Aargauer Autorinnen der letzten hundert Jahre aufmerksam machen. Der Anlass findet am kommenden Mittwoch, 9. Juli, im Schloss Hallwyl bei Seengen statt unter der Leitung von Ulrich Suter, Schongau. Texte der Autorin werden von Horacio Keller, einem Enkel der Autorin, vorgetragen.  



pd / Pirmin Meier, Bilder: zvg




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