Porträt von Thomas Wiederkehr, Gemeinderat und Gastgeber im Huus 74 in Menziken: «Tom? Wo steckt der Bengel schon wieder?»
Zur Jugendzeit gehören die «Sturm- und Drang-Jahre» der Pubertät, die Ausrichtung aufs spätere Berufsleben und die Abnabelung vom Elternhaus. Die grosse Ausstellung «Meine Jugendzeit – Deine Jugendzeit» im Schneggli Reinach vom 25. Oktober bis 17. November 2024 wird dazu einen breiten Einblick bieten. In lockerer Folge berichten deshalb im Vorfeld bis in den Herbst hinein bekannte Persönlichkeiten der Region von ihrer Jugendzeit. Heute ist es Thomas Wiederkehr (61), Gemeinderat in Beinwil am See und Gastgeber im Huus 74 in Menziken.
«Am Montag, 11.11.1963 bin ich im Spital Menziken zur Welt gekommen», lacht Thomas Wiederkehr mit einem Augenzwinkern. Am Martinstag und traditionellen Fasnachtsauftakt begann sein erlebnisreiches und vielseitiges Leben. Seine Mutter Ruth war im Hinterhöfli in «Böju» aufgewachsen. Sein Vater, Maurer, Gipser und Polier, stammte aus Gontenschwil. Im Beinwiler Weingart gründeten die beiden eine Familie und wohnten dort fünf Jahre, bis die Platzverhältnisse zu eng wurden und im Reinacher Heinimoos eine neue Bleibe gefunden wurde.
Beschauliche und umsorgte Kindheit mit Privileg Einzelzimmer
«In meiner Kindheit und Jugendzeit hatte ich zuhause immer das Privileg, ein Einzelzimmer zu haben», schmunzelt Thomas Wiederkehr. Mit den drei jüngeren Schwestern Claudia, Karin und Evelyne verbrachte er eine beschauliche und umsorgte Kindheit. Nach dem Kindergartenjahr in der Breiti bei Frau Lüscher stand für den Stammhalter der erste Schultag bevor. Saubere Hände und ein Taschentuch im Hosensack gehörten zu den Knigge-Regeln, die von der Lehrerin täglich kontrolliert wurden. «Nur zwei Mal musste ich nach Hause rennen, um ein ‹Nastuch› zu holen», erinnert sich der Beinwiler Gemeinderat. Zu seinen Lieblingsfächern gehörten die Heimatkunde und Deutsch. Fürs Leben gern las er in den Märchensammlungen der Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen, Ludwig Bechstein und 1001 Nacht.
Abschliessbares Fernsehgerät
Das abschliessbare Fernsehgerät in der Wohnstube hatte seinen besonderen Reiz. Vater Alfred versteckte wohlweislich den Schlüssel dazu, sodass die Jungmannschaft am Mittwochnachmittag zuerst die Aufgaben lösen musste. Doch, dass er dabei beobachtet wurde, war ihm nicht gewiss. Erst dann, als er bei seiner abendlichen Rückkehr feststellte, dass die Bildröhre auf der Rückseite des Schwarz-Weiss-Fernsehgerätes warm war… Zu verlockend waren die Abenteuer von Flipper, einem pfiffigen Delfin, die zum Kinderfilm-Klassiker wurden oder Lassie mit Jimmy. Familienfilme und Serien, die das Herz berührten und die Zeit samt Aufgaben vergessen liessen.
Die Abenteuer von Tom Sawyer
«Im Reinacher Heinimoos war unter der Kinderhorde immer etwas los», schwärmt Thomas Wiederkehr. Neben dem Fussballspiel, «Räuber und Poli», Quartette spielen oder die Heftli «Silberpfeil» oder «Tarzan» lesen, lockte die nahe Natur mit all den Wiesen und kleinen Bachläufen. Aus Weidenruten wurden Pfeilbogen geformt, Pfeile zurechtgestutzt und luftige Rekorde aufgestellt. Die Abenteuer von Tom Sawyer, die jeden Samstagmorgen vom geschätzten Lehrer Martin Gloor im Schulhaus Baselgasse vorgelesen wurden, spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Lausbubengeschichten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts am Ufer des Mississippi mit dem Waisenbuben Tom Sawyer und seiner Tante Polly fesselten die Primarschüler. Der Klassiker der Jugendliteratur von Mark Twain hallt bis heute bei Thomas Wiederkehr nach. «Tom? Tom??? Wo steckt der Bengel schon wieder?», zitiert er im Stehgreif den Anfang des Buchtextes. Dass er damals Lehrer werden wollte, erstaunt nicht.
Lesen beflügelte die Fantasie
1975 folgte der Wechsel in die Sekundarschule im Centralschulhaus. Geografie und Geschichte waren die Lieblingsfächer bei Lehrer Heinz Fretz. Das Lesen, oftmals auch bei Taschenlampenlicht unter der Bettdecke, beflügelte die Fantasie. Nahtlos ging es mit den Abenteuerromanen von Karl May weiter. «Der Schatz am Silbersee», «Der schwarze Mustang» oder «Winnetou» sind da zu nennen. Der fiktive Häuptling der Apachen, der auf seinem Pferd IItschi für Frieden und Gerechtigkeit kämpft. Und sein weisser Freund und Blutsbruder Old Shatterhand, der ihn oft begleitet. Somit waren auch eigene Jugendstreiche angesagt. Sei es das versteckte Rauchen von Nielen oder Parisienne Super im Stierenbergerwald oder das Herumtollen bei den Sandsteinhöhlen am Homberg. Dass dabei gar einmal ein bisschen Heu an einem steilen Bord in Brand geriet, ist bis heute ungesühnt geblieben. «In panischer Angst rannten wir nach vergeblichen Löschversuchen davon und harrten der Dinge, die da kommen werden», berichtet Thomas Wiederkehr. Doch die Polizei kam nicht… Besser liessen sich aber Lederstrumpfs Abenteuer aus der Bibliothek vor dem inneren Auge erleben und von einer Reise zu den Indianern träumen. Jahre später wurde sie dann in Nevada und Utah Wirklichkeit…
Anekdoten aus der Lehrzeit
Abenteuer hin oder her, die Berufswahl stand nun an. «Berufsberater Peter Schwab empfahl mir nach all den Abklärungen, Koch zu werden», erinnert sich der Beinwiler lebhaft. «Die Schnupperlehre im Spital Menziken gefiel mir am besten. Ich war fasziniert, aus all den Lebensmitteln feine Menüs herzustellen.» Nach der Berufswahlschule begann die dreijährige Lehre. Zuerst als Unterstift, quasi Mädchen für alles, bis zum Oberstift als vollwertiger Mitarbeiter. Unvergessen bleiben einige Anekdoten aus dieser Zeit. War das Allotria, wie das verdeckte Kirschensteinspicken an die Schürze einer Mitarbeiterin, zu gross, rief der Chefkoch Ernst Fischer seine Lernenden ins grosse Magazin. Eine Moralpredigt folgte. Der Bogen blieb längere Zeit nicht mehr überspannt. Einmal sorgte sogar Thomas Vater für Recht und Ordnung mitten in der Spitalküche um 6.30 Uhr: Sein Sohn hatte den Meitlisonntag in Fahrwangen verbracht, beim Kollegen genächtigt und prompt verschlafen. «Bürschtli, das war das letzte Mal!», hielt Alfred Wiederkehr beim verspäteten Eintreffen in der Spitalküche klar fest. Dabei blieb es auch!
Mit 16 einen Sachs 502
«Mit 16 Jahren kaufte ich mir mein erstes Töffli, einen Sachs 502», schwärmt der Beinwiler Gemeinderat. Das nötige Sackgeld dazu verdiente er sich bei samstäglichen Handlangerarbeiten auf Baustellen des Vaters. Dass es bald darauf beim alten Güterschuppen der WSB im Reinacher Unterdorf gestohlen wurde, war ein herber Rückschlag. «Die nötige Töffliprüfung liess ich zwar zwei Mal sausen, bis mein Vater eine grosse Kette um das Töffli wickelte», schmunzelt er. «Wenn du mit 18 Jahren die Auto-Theorieprüfung das erste Mal bestehst, erhältst du 100 Franken», hielt Vater Alfred eines Tages klar fest. Nun lief alles wie geschmiert. Die Motivation versetzte Berge… In Vaters Garage stand ja ein roter Audi 80.
Pro Monat eine neue Platte aus dem Lehrlingslohn
Zuhause füllte sich nach und nach die angeschaffte Musikbox mit Singles. Auch Langspielplatten gehörten zur Sammlung. Die Songs der Pop- und Rockbands «The Beach Boys», «Status Quo» und «Rolling Stones» und die 70er Hits von «Suzi Quatro», «Led Zeppelin», «Uriah Heep» waren Gassenhauer. «Pro Monat konnte ich mir mit dem Lehrlingslohn von anfänglich 150 bis 350 Franken eine Platte kaufen», erzählt der heutige Gastgeber im Huus 74 in Menziken.
Nach dem erfolgreichen Lehrabschluss folgten Sprachaufenthalte in England und Frankreich und mannigfache Ausbildungen bis zum eidg. dipl. Hotelier-Restaurateur HF/SHL an der Schweizerischen Hotelfachschule in Luzern.
Heirat mit Kirsten aus Dänemark
1991 heiratete Thomas Wiederkehr seine Freundin Kirsten aus Dänemark. Kennengelernt hatten sich die beiden auf Rigi-Kaltbad in der Hosti. 1998 und 2001 wurden ihnen die beiden Söhne Nils und Jonas geschenkt. Seit 2014 ist er Beinwiler Gemeinderat. Zusammen mit seiner Frau führt er seit zwei Jahren das Beizli-Hotel-B&B Huus 74 in Menziken.
«Meine Jugendzeit war unbelasteter», hält Thomas Wiederkehr im Rückblick klar fest. «Heute sind den Jugendlichen mit all den Vorschriften die Hände mehr gebunden. Früher kam mit unseren Flausen noch kein Psychologe aufs Tapet. Heute sehe das anders aus», stellt er fest. Oftmals führe der ultimative Handykonsum zur Abhängigkeit, die eine eigene Meinung einschränke. Was andere sagen, werde immer wichtiger. Auch werde die Hemmschwelle übertreten. Man lerne die Anstandsregeln leider zum Teil nicht mehr in der Kinderstube. «Sich selbst beschäftigen zu können, ist ein wichtiger Schritt zur Selbstfindung», rät der weitgereiste und lebenserfahrene Vater von zwei erwachsenen Söhnen.
Und wie sagt es die Schriftstellerin Pearl S. Buck doch so treffend: «Die Jugend soll ihre eigenen Wege gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden.»
Text: René Fuchs, Bilder: zvg