Offen und im Gleichtakt auf Weihnachten eingestimmt
Mozart, Gospel und Zimetstärn: Der Verein Lebensweise 60plus organisierte am dritten Adventssonntag in der Kirche Rickenbach ein Offenes Singen, und dies in grandioser Aufmachung. Ein Projektchor gab zusammen mit Begleitband Klangvolumen und 550 Singfreudige stimmten ein.
Wer am 15. Dezember zum Offenen Singen in die Kirche von Rickenbach ging, musste sich erst mal ein bisschen locker machen, «dm-dm-dm» summen und die Arme schön strecken, durchatmen. Dann Schulterstand und Oktavensprung mit «dü-dü-dü». Klar wurde: Singen ist Körpereinsatz, Singen ist Kunst. Chorleiterin Silvia Estermann animierte warm und sympathisch zum Mitmachen, zum Aufmachen.
«Mache dich auf und werde licht», so auch gleich der Titel des ersten Liedes auf dem Programm. Sich öffnen beim Offenen Singen mit Herz und Mund ... nicht ganz so einfach, wie es klingt. Aber wohltuend. Der Liedtext stammt nicht aus einem Wellness-Ratgeber, sondern aus dem Alten Testament.
Volles Haus
Die Kirche war um 16 Uhr pumpenvoll. Die Bänke von vorne bis hinten besetzt, auch zusätzliche Stühle im Gang und die Plätze auf der Empore. Das vom Rickenbacher Verein Lebensweise 60plus organisierte Offene Singen zur Weihnachtszeit lockte an die 550 Personen herbei. Altersmässig zumeist dem Etikett des Vereins entsprechend, aber auch junge Familien und einige Jugendliche waren dabei. Alle in Erwartung, was jetzt wohl kommen möge.
Die Situation war ungewohnt. War man aufgefordert zum besinnlichen Zuhören, oder zum aktiven Mitmachen? Musste man schon singen? Das Bläserquintett der Brass Band machte den wohlklingenden Auftakt. Ah, jetzt wurde erst mal zugehört. Die vollen Klänge vibrierten im Brustkorb.
Draussen setzte langsam die Dämmerung ein und während das Licht draussen allmählich verschwand, wurde es im hohen Raum unter dem hölzernen Giebeldach zunehmend kompakter, wärmer. Mach dich auf und werde licht. Es hatte herrlich Luft nach oben. Nun wurde das Lied im Kanon gesungen: Erst Chor, dann linke Seite, dann rechte Seite, alle dirigiert von Priska Stalder.
Ein heller Glockenklang signalisierte einen Wechsel. Vorne links war eine Ecke mit Sofa, Möbeln und Laternen eingerichtet. Von da aus moderierte Daniela Dommen zusammen mit ihrer Tochter und Enkelin durch den Anlass. Sie nahm das Publikum mit auf eine sehr persönliche, erzählte Lebensgeschichte, die zur Weihnachtsgeschichte wurde durch Stationen von Verzweiflung und Hoffnung, Trauer und Freude.
Gerade in dieser Zeit
«Es ist eine Reise, die die Herzen erfreuen soll. Wie gelänge das besser, als durch das Singen?», sagte Daniela Dommen. «Gerade in dieser Zeit, wo Krieg und Hass auf der Welt ...» Gerade in dieser Zeit. Hiess es das nicht schon vor 50, vor hundert Jahren? Gesang und Klang breiteten sich aus, sprudelnd wie Wasser den Raum erfüllend, mit Peter Rebers «Chumm mier wei es Liecht azünte». Dass es hell wird... ja, alle haben wohl etwas irgendwo im Dunkel, das nach Licht und Leichtigkeit sich sehnt. Gerade in dieser Zeit. Das ist Weihnachten. Jedes Jahr wieder. Irgendwas ist immer.
Der Kinderchor sang, ein Baby brabbelte. Das Mädchen auf dem Sofa las: «Gott hilft uns nicht am Leid vorbei, aber durch das Leid hindurch.» Die wahre Geschichte der Moderatorin von ihrem krebskranken Kind war ergreifend und stand hart im Kontrast zu den fröhlichen Weihnachtsliedern. Licht und Dunkel, Gegensätze, die zum Leben gehören. Nie sind sie ausgeprägter spürbar wie an Weihnachten. «Oh du Fröhliche» wurde angestimmt, «Drummer Boy» und «Süsser die Glocken nie klingen». Würde das Kind sterben? «Go, tell it on the mountain» sang der Projektchor schwungvoll und wohlklingend auf der Bühne, kräftig begleitet von Keyboard, Schlagzeug und Bassgitarre. Die Menge sang mit, las die Noten und den Text aus dem grossformatigen, eigens zu diesem Anlass gedruckten Liederheft. Manche sangen laut, manche leise oder gar nicht – man ist sich das gemeinsame Singen nicht mehr gewohnt. Gerade in Zeiten wie diesen. Das elektronische Tingeln hat das Offene Singen ersetzt. Aber, war es davor besser? Waren die Herzen offener?
Tannenbaum und Zimtstern
Mit einem seidenfeinen Instrumentalstück des Bläserquintetts wurde dem Publikum darauf ein weiteres musikalisches Geschenk beschert. Draussen setzte nun definitiv die Dunkelheit ein, die Kerzen in den Laternen leuchteten warm. «Bin ich geheilt?», hatte das Kind die Mutter gefragt. «Du bist gesund», hatte sie liebevoll geantwortet, «aber geheilt sind wir alle nie. Leben ist immer ein Fallen. Doch wir sind nicht allein.»
Von der Tiefgründigkeit zur Fröhlichkeit führten die beliebten Weihnachtshits wie der unvermeidliche «O Tannenbaum», das südlich temperierte «Feliz Navidad» und die lustig-gluschtigen «Zimetstärn». Sie führten die gemeinsame musikalische Reise in ein stimmungsvolles Finale, die klingenden Zimtsterne wurden sogar als Zugabe genascht. «Gesegnete Weihnachten!» schloss Moderatorin Daniela Dommen die Gesangsfeier und ein schier unaufhaltbarer Strom aus rauschendem Applaus erfüllte die Kirche.
«Musik lässt Herzen im Gleichtakt schlagen», sagte schliesslich Kilian Wigger vom Verein Lebensweise in seiner Schlussrede. «Wir hoffen, es ist uns gelungen, viele schöne Kindheitserinnerungen wachzurufen.» Das war es zweifelsohne. Dem Verein Lebensweise 60plus war es erneut gelungen, etwas Grossartiges für die Bevölkerung auf die Beine zu stellen.
Kommt es noch?
Nur aber fragte man sich, bevor es Zeit wurde, wieder in die Stille der Nacht hinauszugehen: Kommt es noch? Kommt es noch, das unverzichtbarste, das feierlichste, das weihnächtlichste aller Weihnachtslieder? Der Chor stimmte das Schlusslied an: «We wish you a merry Christmas…». Beschwingt konnte man nun singend frohe Festtage wünschen. Die Stimmbänder waren warm, die Herzen offen, Weihnachten konnte kommen.
Doch das eine Lied, das heimlich ersehnte, ultimative Weihnachtslied – es kam nicht. Aber macht nichts. Es war ja auch noch nicht Weihnachten. Unter dem klaren Nachthimmel standen die Leute noch lange bei Punsch und Speckzopf am Feuer beisammen, während der Abendstern über dem Buttenberg mit dem Christbaum vor der Kirche und den vielen Laternen auf der Mauer um die Wette leuchtete.
Ursula Koch-Egli, Bilder: Albert Schaffhauser / uke
Weitere Impressionen vom Offenen Singen in Rickenbach am 15. Dezember 2024:
Bilder: uke
Bilder: Albert Schaffhauser