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Niklaus von Flüe und Dorothea Wyss – was haben sie uns heute zu sagen?

Am vergangenen Mittwoch fand im Pfarreiheim St. Stephan in Beromünster der jährliche Besinnungstag der Sakristanenvereinigung Luzern mit 40 Teilnehmenden in Workshop-Form statt. Die Sakristan:innen beehren jährlich Beromünster und haben immer spannende Gastreferenten. Diesmal Prof. Dr. theol. Markus Ries aus Rain. Sein Thema: «Bruder Klaus von Flüe und Dorothea Wyss – nimm mich mit!».

Markus Ries als begnadeter Referent und Rhetoriker in seinem Element.

Für den Obwaldner Kulturschaffenden Luke Gasser ist Bruder Klaus «der interessanteste Schweizer überhaupt», das war auch an diesem inspirierenden Anlass spürbar. Nach einer kurzen Einleitung durch Präsident Markus Hermann aus Rothenburg, Sakristan der Jesuitenkirche in Luzern, übernahm der gebürtige Thurgauer Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte und Prorektor Universitätsentwicklung an der Universität Luzern. Er startete fulminant ins Thema. 40 Sakristan:innen folgten seinen Ausführungen gebannt und machten auch bei der Gruppenarbeit engagiert mit, obwohl es Markus Ries als «Härtetest» ankündigte: «Es geht nun darum, ein Domino zum Leben von Bruder Klaus (1417–87) gemeinsam zu ­lösen», was mit Bravour gemeistert wurde. Markus Ries scheute sich nicht, auch wunde Punkte der Schweizer Religionsgeschichte anzusprechen. Man war im letzten Konfessionskrieg der Schweiz 1712: Das Gefecht bei Sins am 20. Juli 1712 ging zugunsten der Katholiken aus. Sie zogen unglaublicherweise mit Bruder Klaus auf dem Bannerin den Krieg und verstiessen grob ­gegen die Genfer Konvention. Die Evangelischen gewannen den «2. Villmerger Krieg» insgesamt, weil sie die Entscheidungsschlacht bei Villmergen am 25. Juli 1712 gewannen. Interessanterweise wurden weder in der Geschichte noch im Religionsunterricht unsere Religionskriege, die noch gar nicht so lange zurückliegen, gross thematisiert.

Eine Lebensregel zu mehr Bescheidenheit

Bruder Klaus war weit mehr als ein frommer Heiliger – und seiner Zeit spirituell weit voraus. Sein Entscheid, das Leben eines wohlhabenden Bauern, Richters, Ehepartners und Familienvaters mit 10 Kindern aufzugeben, soll keinesfalls romantisiert werden: Es war ein brutal schwieriger, dornenvoller Weg – heute würde man von Depression oder Burnout sprechen. Sein Ratschlag «Machet den zun nit zuo wit», eine Lebensregel zu mehr Bescheidenheit, strahlt bis heute aus, wurde und wird jedoch auch vereinnahmt und instrumentalisiert. Der Satz wurde dem Eremiten erst 50 Jahre nach seinem Tod zugeschrieben, er trifft jedoch die Essenz seines Wirkens. Andererseits wurde von der reformierten Kirche moniert, dass Bruder Klaus als Heiliger von der katholischen Kirche «vereinnahmt» wurde, wo sein Wirken doch eigentlich überkonfessionell war.

Dorothea Wyss als eigene, spannende Persönlichkeit

Nach einem stärkenden und teambildenden Mittagessen im traditionsreichen «Hirschen» Beromünster ging es am Nachmittag weiter. Markus Ries las mit den Teilnehmenden den Reisebericht von 1474, in dem sowohl Bruder Klaus als auch Dorothea beschrieben sind. Die nächste Vortragssequenz stand unter dem Titel «Dorothea Wyss: nahe stehend und unsichtbar». Markus Ries stellte den neusten Stand der Forschung zu Dorothea vor. Im zweiten Schritt ging er auf den traditionellen Vorwurf ein, dass Niklaus von Flüe seine Familie im Stich gelassen hat. Wie ist man damit umgegangen? Im dritten Schritt hat Markus Ries die Dorothea-Verehrung geschildert, den gescheiterten Versuch zur Heiligsprechung nach 1984, die aktuelle Sicht aus der neuen Publikation von Roland Gröbli, drei neue Bücher vorgestellt, auf visuelle Umsetzungen hingewiesen und schliesslich noch zwei Ausschnitte aus neuen Filmen gezeigt. Neben Roland Gröbli erwähnte er auch Fachbücher von Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr, die «Fernnahe Liebe. Niklaus und Dorothea von Flüe» verfasst hat: Endlich hat sich eine Frau vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie ist eine Studentin von Referent Markus Ries, womit sich der Kreis schliesst.

Nachdem im Vorjahr der Anlass abgesagt werden musste, freute man sich umso mehr aufs Wiedersehen und spannende Inputs. 2020 wäre mit dem Theologen, Philosophen und Ethiker Prof. Dr. theol. lic. phil. Peter G. Kirchschläger ebenfalls ein spannender Referent bereitgestanden, wenn nicht das Virus die Veranstaltung ausgebremst hätte. Dies wird 2022 nachgeholt.

Es lohnt sich, völlig unabhängig von seinem Glauben, wieder mal nach Flüeli-Ranft OW zu fahren, die Landschaft auf sich wirken zu lassen, im Jugendstilhaus «Paxmontana» einzukehren und dem Leben und Wirken von Bruder Klaus und seinen Zeitgenossen nachzuspüren.

Domino zum Leben von Bruder Klaus: Lehrreich und faszinierend.




Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt




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