Nachgefragt bei Silvia Estermann, Oberstufenlehrerin: «Bei uns hat sich das ‹Gotti/Götti›-System bewährt»
In immer mehr Gemeinden und in immer mehr Schulklassen sind sehr viele Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Das bringt grosse Herausforderungen mit sich. Der Anzeiger Michelsamt wollte von der erfahrenen Oberstufenlehrerin Silvia Estermann wissen, wie diese Integrationsleistung bestmöglich gelingt.
Fremdsprachige Kinder werden in die Regelklasse integriert. Oft fehlen teilweise oder ganz die sprachlichen Kenntnisse. Wie gelingt es Ihnen, diese Kinder in die Klasse zu integrieren?
Dies gelingt, indem wir uns diesen Kindern als ganze Klasse annehmen, ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie dazugehören und sie beim Spracherwerb bestmöglich unterstützen. So verwenden wir bei unseren Unterhaltungen die Standardsprache, unterstützen diese mit Mimik und Gestik oder zeigen nach Möglichkeit Bilder und Gegenstände. Als Klassenlehrerin achte ich darauf, dass diese Kinder auch in der Pause mit ihren Kolleginnen und Kollegen unterwegs sind. In diesem Fall hat sich das «Gotti/Götti»-System bewährt: Ein Kind kümmert sich besonders um das fremdsprachige Kind.
Welches sind dabei die grössten Herausforderungen?
Die grösste Herausforderung stellt das noch nicht vorhandene Sprachverständnis dar. Die fremdsprachigen Kinder können dem Unterrichtsgeschehen aufgrund des für sie zu hohen Tempos nicht folgen. Aus diesem Grund werde ich von einer IF-Lehrperson unterstützt.
Sie unterrichten eine 3. Oberstufenklasse. Dabei ist die Berufsfindung eine grosse Aufgabe für Sie und auch für die ausländischen Schüler. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Die fremdsprachigen Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern sind auf meine Unterstützung angewiesen. Ich helfe gerne beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen, begleite die Jugendlichen in die Betriebe, um eine Schnupperlehre zu vereinbaren, weise sie auf Lehrstelleninserate hin, kontaktiere Lehrbetriebe und frage nach, ob sie meinen Schülerinnen und Schülern eine Chance geben würden.
Welche Empfehlungen geben Sie den ausländischen Schülerinnen und Schülern für ihre Zukunft?
Sie sollten trotz der erschwerten Bedingungen immer an sich glauben und den Schwerpunkt vor allem auf die überfachlichen Kompetenzen legen, zum Beispiel respektvoll mit anderen umgehen, Regeln einhalten und selbständig arbeiten. Zudem beauftrage ich sie, jeden Tag mindestens 30 Minuten zusätzlich der deutschen Sprache zu widmen, indem sie im aktuellen Bibliotheksbuch lesen oder deutschsprachige Radio- und Fernsehsendungen hören bzw. schauen.
Interview: Karl Heinz Odermatt, Bild: Katharina Kocherhans