Mountainbike: Anja Grossmann wieder Jugend-Europameisterin im Cross Country und Short Track
Am vergangenen Wochenende hat Anja Grossmann (16) aus Rickenbach wieder zugeschlagen und im schwedischen Jönköping an den MTB-Jugend-Europameisterschaften wie letztes Jahr in der Toskana (Lucca) den Titel als Jugend-Europameisterin im Cross Country (XCO) und Short Track (XCC) verteidigt, nachdem sie letztes Jahr im slowenischen Maribor auch Jugend-Olympiasiegerin geworden war und auch mehrfache Schweizer Meisterin ist. Der Anzeiger Michelsamt konnte sich kurz nach der Rückkunft der Familie Grossmann aus Jönköping mit der schlicht unglaublichen Erfolgs-Bikerin unterhalten.
Anja Grossmann, herzliche Gratulation zu den einmal mehr tollen Erfolgen an den MTB Youth European Championships in Huskvarna/Jönköping. Was war anspruchsvoller, den Titel letztes Jahr zu holen oder ihn dieses Jahr zu verteidigen?
Ich glaube, es war beides gleich schwer von der Ausgangslage her vor dem Rennen. Der Druck, die Nervosität und die Erwartungen waren schon letztes Jahr nach dem EYOF-Titel (European Youth Olympic Festival) hoch.
Du konntest die gleiche Medaillenausbeute wie letztes Jahr erringen. Bitte erzähle uns, wie es dir in den einzelnen Disziplinen ergangen ist.
Am ersten Tag, am Dienstag 6. August, war das Time Trial. Es war eine Runde über 2.5 Minuten, bei dem es darum ging, eine gute Zeit zu haben, ohne zu stürzen. Die Zeit zählt dann für den Startplatz des Team Relay und für die Qualifikation des Short Track Rennens. Beim Short Track Rennen können nämlich nur die ersten 45 starten. Ich konnte das Time Trial gewinnen und es gab mir sehr viel Selbstvertrauen und ein unglaublich gutes Gefühl für die ganze Woche.
Am Mittwoch, 7. August, war das Team Relay Rennen. Da wir alle eine sehr gute Zeit im Short Track Rennen fuhren, hatten wir als Team den 1. Startplatz. Es gab drei Runden und jeder Fahrer fuhr eine Runde. Wir konnten alle eine sehr gute Runde fahren. Ich wurde zusammen mit Gian Sidler und Noé Forlin Vize-Europameister im Team Relay. Ich bin sehr stolz auf uns alle. Ich hatte die schnellste Rundenzeit, welche den 1. Startplatz für das Cross Country Rennen am Samstag, 10. August, ergab.
Am 8. August war das Short Track Rennen an der Reihe, es war Zeit, um den Titel zu verteidigen. Es hat sehr viel geregnet an diesem Tag, darum war die Strecke nass und matschig, aber mir macht das nichts aus. Ich hatte den schlechtesten Start meines Lebens und obwohl ich den Startplatz 1 hatte, war ich nach dem Start Letzte. Ich konnte dann aber ruhig bleiben und war vor Ende der ersten Runde wieder an der Spitze. Ich konnte mich dann in der zweiten Runde absetzen und dann das Rennen solo gewinnen. Ein unglaublich emotionaler Moment wieder. Ich bin mehr als glücklich und stolz über diesen weiteren Titel.
Am 10. August war das Cross Country Rennen, eine nächste Titelverteidigung war an der Reihe. Ich hatte vor dem Start nicht das beste Gefühl, hatte dann aber einen super Start. Ich hatte als Taktik, das Rennen in der ersten Runde langsam anzugehen, was ich dann auch gemacht habe. Die Einzige, die mir folgen konnte war die Tschechin. Ich konnte mich immer wieder absetzen, doch sie kam wieder zurück. In der zweiten Runde konnte ich mich ganz von ihr absetzen und konnte meinen Titel nach Hause fahren. Ich hatte sehr schlechte Beine während dem Rennen. Nach dem Rennen jetzt fühle ich mich krank, das erklärt auch das schlechte Gefühl vor dem Start und die schlechten Beine. Aber ich bin unheimlich glücklich und stolz, diesen Titel wieder zu holen. Es war wieder ein unbeschreiblich emotionaler Moment und ich bin mehr als dankbar dafür.
Was bedeutet dir persönlich die Titelverteidigung?
Das kann man gar nicht in Worte fassen oder beschreiben, was diese Titel mir bedeuten. Ich lebe für diesen Sport und mache alles dafür, dass ich solche Momente und Erfolge erleben und feiern darf. Das bedeutet mir alles. Es ist auch immer wieder sehr emotional, so einen Titel zu holen. Die Verteidigung der Titel zeigt, dass ich seit vielen Jahren die Konstanz habe und immer ganz vorne sein kann, und das macht mich unglaublich stolz und glücklich. Ich konnte wieder alle meine Träume und Ziele erreichen in dieser Woche und das ist unbeschreiblich und unglaublich schön.
Wie verlief die Vorbereitung auf den Grosserfolg?
Die Vorbereitungen im Winter liefen perfekt, ich habe eine sehr gute Trainingswoche in Davos verbracht auf den Langlaufskis. Konnte dann am 14. Januar meinen Swiss Champion Titel auf dem Radquer verteidigen. Danach konnte ich mit der Elite, U 23 und den Juniorinnen als einzige U 17 Athletin in die Toskana mit ins Trainingslager, welches sehr cool war. Ich konnte dann meine Saison mit einem Sieg in Gränichen starten. Doch leider habe ich während diesem Rennen den kleinen Finger zwischen der Metallbrücke und dem Lenker eingeklemmt. Und es hat sich herausgestellt, dass dieser dann gebrochen war. Ich hatte dann aber die beste Unterstützung von den Menschen um mich herum und vom Verband und konnte drei Wochen nach Fingerbruch meinen nächsten Sieg feiern. Danach konnte ich weitere Siege und die zwei Swiss Champion Titel auf der Strasse und auf dem Bike verteidigen.
Wie schaffst du es, dich immer wieder und wieder neu zu motivieren und zu fokussieren?
Ich brauche mich nicht wirklich immer wieder zu motivieren, meine Motivation ist immer da. Ich freue mich auf jedes einzelne Rennen und Training. Ich weiss, was ich will und habe meine Träume und Ziele in meinem Kopf. Das hilft mir unglaublich. Ich darf das machen, was meine grösste Leidenschaft ist und für das ich lebe.
Wie kannst du nach all den intensiven Emotionen abschalten?
Ich geniesse einfach jeden einzelnen Moment und nehme all die Emotionen mit. Ich feiere und geniesse den Erfolg mit der Familie und meinen Liebsten, das hilft mir abzuschalten und alles zu verarbeiten.
Wie ist der Austausch untereinander bei solchen mehrtägigen Wettkämpfen?
Ich bin mit meiner Familie, meinem Trainer und den zwei Teamkollegen, die das Team Relay mit mir gefahren sind, in Schweden gewesen. Die Kommunikation und der Austausch untereinander ist enorm wichtig. Als Team haben wir alle sehr gut funktioniert und hatten eine unvergessliche Zeit zusammen.
Wie wichtig ist es für dich, dass deine ganze Familie jeweils bei den Rennen dabei ist? Und ist dein Bruder Iouri jeweils auch dabei?
Das bedeutet mir so unglaublich viel. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Sie helfen mir in jeder Situation, sie fiebern mit und sie freuen sich unglaublich für mich. Es hilft mir, Menschen bei solchen Grossanlässen um mich zu haben, die mich kennen und wissen, wie ich bin und was ich denke. Sie probieren mir die Nervosität zu nehmen und machen alles für mich, sodass ich mich einfach voll auf die Rennen konzentrieren kann.
Ja, mein Bruder Iouri war auch dabei. Er fuhr seine ersten Jugend Europameisterschaften und erreichte beim Cross-Country Rennen den sehr starken 5. Rang. Ich bin sehr stolz auf ihn und wie er das Rennen gefahren ist.
Wie bringst du all deine Aktivitäten unter einen Hut?
Ich bin eine sehr ehrgeizige, fokussierte und sehr gut organisierte Person. Darum kann ich Sport und Schule sehr gut zusammen vereinbaren. Ich habe aber auch immer die perfekte Unterstützung der Schule Rickenbach bekommen, die mir geholfen haben, das zusammen zu schaffen. Ich werde diesen Mittwoch meine Lehre als Kauffrau EFZ bei der Sebastian Müller AG starten. Es wird eine neue Challenge. Ich habe aber einen perfekten Lehrbetrieb gefunden, bei welchem ich den Leistungssport und die Lehre optimal vereinbaren kann. Das hilft mir, dies unter einen Hut zu bringen.
Wie geht es sportlich nun weiter? Was sind deine nächsten Ziele?
Meine nächsten grossen Ziele und Träume sind die Europameisterschaften und die Weltmeisterschaften im Radquer. Wie auch die drei Schweizer-Meister-Titel, die ich wieder verteidigen möchte. Dann mein grösstes Ziel im nächsten Jahr, das wird die Heimweltmeisterschaft in Crans Montana sein. Da ist mein Ziel, den Titel zu holen, und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um dies zu erreichen.
Was möchtest du noch sagen?
An die Jugendeuropameisterschaft geht man in der Schweiz mit der Familie und nicht mit der Nationalmannschaft. Das heisst, man organisiert die ganze Rennwoche selber. Ich möchte allen danken, die mich auf meinem Weg unterstützen und alles für mich geben!
Interview: Karl Heinz Odermatt, Bilder: zvg