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Michael Aeschimann wurde Schmied auf dem dritten Bildungsweg

Das schweizerische Bildungswesen zeichnet sich durch seine hohe Durchlässigkeit aus: Es gibt verschiedene Wege, die man beschreiten kann den gewünschten Beruf zu erlernen. Das ist nicht nur Theorie, das stimmt auch in der Praxis, dennoch gibt es Tücken, zum Beispiel wenn es den Wunschberuf gar nicht mehr gibt und er dann unverhofft trotzdem auftaucht, so wie das der Schmied Michael Aeschimann erlebt hat.

Schmied aus Leidenschaft: Michael Aeschimann lernte nach der Matura erst auch Metallbauer.

Das Mittelalter, Ritter und Schwerter, das fasziniert manch einen Jungen und das war auch bei Michael Aeschimann nicht anders. Er besuchte entsprechend den Werkunterricht in der Schule in Reinach mit Freude und Elan. Dort liess ihn der Lehrer gewähren und ein Schwert herstellen. «Ich bekam richtig Freude an Metall und fand Schmied einen coolen Beruf», sagt er heute.

Dämpfer

Der Dämpfer kam dann bei der Berufswahl. «Schmied als Beruf gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Metallbauer», so der Bescheid der Berufsinformation. Aeschimann musste also umschwenken. Er schnupperte halt als Metallbauer und bewarb sich für eine solche Lehrstelle. Er erntete eine Absage. «Mir fiel das Lernen immer leicht, deshalb gab es parallel dazu auch die Option, dass ich die Kantonsschule besuche», schildert Aeschimann. Diese kam dann auch zum Tragen. «Ich ging in die Kanti Beromünster. Die war näher, sympathischer, familiärer als die in Aarau und dauert im Gegensatz zu dieser bloss drei Jahre», so der Reinacher. Er legte den Schwerpunkt auf die Naturwissenschaften, den Typus «Physik und angewandte Mathematik».

Ein eigener Amboss

Seine Freude am Schmieden erlosch dabei nie. Im Gegenteil, schon längst hatte er sich zu Hause im Ziegenstall eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dafür erstand er einen Amboss. «Die 600 Franken, die er kostete, waren für mich damals ein Vermögen.» Auf Ricardo ersteigerte er sich ausserdem eine günstige Klappesse. Eine, wie sie Hufschmiede im Militär beim Train verwenden. In seiner Freizeit probierte er vieles selber aus, er schnupperte aber in einer Waffenschmiede, wo Waffen für Mittelalterfreaks hergestellt werden und er besuchte Kunstschmiede. All dies waren kurze Einblicke, aber es reichte, um Werkzeuge und Kniffe der Fachleute zu sehen und sie zu Hause nachzubauen bzw. umzusetzen.

Metallbauer

Mit der Matura in der Tasche, bewarb er sich erneut und trat die Lehre als Metallbauer bei Metallbau Ottiger in Rickenbach an. Damit fasste er zumindest in der Branche Fuss, wenn er auch kaum an der Esse arbeiten oder den Lufthammer bedienen konnte. Seine vorhandenen Fähigkeiten im Schmieden hatte sich Aeschimann bis dahin, wie beschrieben, autodidaktisch beigebracht. Jetzt erst stellte er fest, dass es seinen Traumberuf doch gibt. «Er versteckt sich hinter der Bezeichnung «Metallbauer Fachrichtung Schmiedearbeiten», fand er heraus, «das wusste man damals offenbar nicht einmal bei der Berufsinformation», blickt Aeschimann zurück.

Schmied

Dass er nun nach der Lehre als Metallbauer noch eine «Zusatzstifti» in der Fachrichtung Schmiedearbeiten absolviert, verstand sich von selbst. Allerdings gibt es die klassischen Dorfschmieden von früher tatsächlich praktisch kaum noch. In der Schmiede von Matthias Wickli im Toggenburg fand er jedoch den idealen Lehrbetrieb, wo er seiner Passion endlich beinahe nach Belieben frönen konnte. In der einjährigen Lehre besuchte er sämtliche vier erforderlichen «überbetrieblichen Kurse» und parallel dazu auch die Werkstattleiterschule. Denn bereits zu dieser Zeit zeichnete sich ab, dass er die «Obere Schmitte» im Flecken übernehmen würde. Deren Besitzerin, die Korporation Beromünster, welche seit Längerem nach Möglichkeiten suchte diese wieder zum Leben zu erwecken, bezeichnete Aeschimann angesichts seines Werdegangs begreiflicherweise als «Glücksfall». Er wurde bereits in die Restaurierungsarbeiten involviert und nahm die Triage vor: Die Trennung von Werkzeugen und erhaltenswerten Werkstatteinrichtungen und von Gerümpel. «Das war genial, ich liebe altes Werkzeug, weil ich so arbeite, wie man das vor hundert Jahren tat», berichtet er. Dabei verschliesst er sich allerdings modernen Techniken nicht, sofern sie besser sind. Nach abgeschlossener Ausbildung betrieb er die Schmitte vorerst in Teilzeit. Die restliche Zeit arbeitete er für die Metallbaufirma von Moritz Felix. Mit der Schmitte machte er sich schnell einen Namen unter Handwerkern, welche historische Mobilien oder Immobilen restaurieren. Er reparierte antike Metallteile, Türschlösser, Scharniere oder auch Ofentüren oder bildete sie nach, wie auch andere Objekte der Denkmalpflege. Ein zweites, kleineres Standbein sind besondere Gestaltungselemente, die Innenarchitekten in Auftrag geben. Gerade hat er eine Kleinserie exklusiver Türgriffe in Arbeit. Zur Fertigung solcher Werkstücke gehört oft auch die Herstellung von Werkzeugen, vor allem Zangen, aber auch andere Hilfsmittel, womit er den Teilen die gewünschte Form geben kann. «Natürlich schweisse ich auch mal defekte Gartenstühle, die jemand herbringt», führt er weiter aus. Inzwischen ist die «Schmiede Aeschimann» bestens etabliert und er hat seit Neuestem sogar einen Mitarbeiter.

Blick voraus

Gerne würde er auch Lernende ausbilden, die Platzverhältnisse in der kleinen Schmitte lassen das aber nicht zu. Er freut sich deshalb, dass er bald eine grössere Werkstatt im Beromünsterer Industriegebiet beziehen kann. Dann wird eine solche Lehrstelle möglich sein. Zurzeit bespricht er mit der Korporation, wie es mit der «Oberen Schmitte» weitergehen könnte. Er hat einige Ideen für deren zukünftige Nutzung. Die Werkstatt soll wieder in ihre ursprüngliche Form zurückversetzt werden, die modernen Werkzeuge wieder verschwinden. Dann könnte ein Atelier entstehen, beispielsweise für Kurse in der Metallbearbeitung oder für andere Handwerke. «Mir schwebt eine Art lebendigen Museums vor», erklärt er. Seinem Beruf möchte er auch in der Welt der Berufsbildung wieder zu jenem Status verhelfen, den er seiner Ansicht nach verdient, «denn Arbeit gibt es genug», hält er fest. Trotzdem ist die Tendenz umgekehrt, pro Jahr werden in der Schweiz bloss fünf Lernende ausgebildet. Ausserdem haben die Schmieden im Fachverband des Metallbaus kein grosses Gewicht. Es drängt also folgende Frage auf: Denkt Aeschimann denkt daran eine eigenständige Schmiede-Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) anzubieten? «Das wäre natürlich der Idealfall», antwortet Aeschimann, «aber gleichzeitig auch ein Kraftakt, der angesichts der Situation kaum möglich ist.» Zurzeit geht es also darum, den Beruf mit seinen teilweise bereits vergessenen Arbeitstechniken wenigstens zu erhalten.

Er selber ist mit seinem Berufsweg, der mit der Kanti begann, im Reinen. «Die naturwissenschaftlichen Fächer und der Chemieunterricht haben mir beim Verständnis der Materie sehr geholfen», blickt er zurück.

«In Zukunft möchte ich mich gestalterisch weiterentwickeln und auch eigene Produkte auf den Markt bringen. Zum Beispiel ein geschmiedetes Tor», blickt Aeschimann voraus. Wer mit dabei ist, wie er in Kürze aus einem profanen Eisenstab ein filigranes Lindenblatt formt, hat keine Zweifel, dass sich die Erfolgsstory fortsetzt – und dass Schmied ein erfüllender Beruf ist.

Martin Sommerhalder




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