Kommentar zur Abstimmung am 8. März
Ganze Leistung darf uns nicht bloss die Hälfte wert sein
Bist du über 18 Jahre alt? Dann hast du kürzlich ein Couvert mit deinem Stimmrechtsausweis erhalten. Leg es nicht weg. Öffne es und fülle den Stimmzettel 2 gleich aus. Und vor allem: Stimme «NEIN» zur SRG-Initiative am 8. März.
So deutlich falle ich sonst nicht mit der Tür ins Haus. Aber in diesem Fall muss es sein. Die Volksinitiative mit dem Titel «200 Franken sind genug» – auch «Halbierungsinitiative» genannt – verlangt, dass die Gebühren für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, die alle Haushalte und Unternehmen in der Schweiz entrichten müssen, um die Hälfte reduziert werden sollen.
Die Befürworter argumentieren mit immens hohen Geldbeträgen, welche Haushalte und Unternehmen dadurch einsparen könnten. Tatsache ist aber, dass vor allem eines eingespart würde: Qualität. Nämlich die Qualität einer breit abgestützten Berichterstattung des grössten Schweizer Medienunternehmens.
Wer möchte so etwas?
Ein Vergleich: Auf unsere Lokalzeitung, den «Michelsämter» bezogen, wäre das, wie wenn die Gemeinden im Michelsamt darüber abstimmen würden, dass das Abonnement für ihre Wochenzeitung mit Onlineportal nur noch 80 Franken statt 160 Franken pro Jahr kosten dürfe.
Natürlich liessen sich jede Woche 24 Seiten «Michelsämter» auch mit der Hälfte der Mittel produzieren. Aber wie? Mit weniger Personal, aus mehrheitlich zugesandten Pressemitteilungen, ergänzt mit KI-generierten Inhalten und Adobe-Stock-Bildern plus dem einen oder anderen pflichtgerechten, redaktionellen Beitrag. Hand aufs Herz: Wer möchte so etwas?
Der Vergleich ist zwar nicht akkurat, selbstverständlich wird hier niemand über den Michelsämter abstimmen – denn anders als die SRG ist er privat geführt. Aber dennoch:
Ob kleine Lokalzeitung oder grösstes Schweizer Medienunternehmen: Guter Journalismus lebt von der Nähe zu den Menschen, vom Gespür ihrer Nöte, Sorgen und Leidenschaften und gründet auf sorgfältiger und aufwendiger Recherche. Und das kostet.
Niemand soll sagen, mit weniger Mitteln könnten bessere Beiträge produziert werden.
Die Menschen wollen sich sehen
Ein Argument der Initianten heisst, die SRG produziere zu viele unnütze Formate wie etwa Reality-Shows. Natürlich gibt es vieles auf dem Sender, was die Menschheit nicht braucht. Aber es gibt die Formate deswegen, weil sie den Menschen etwas bieten, was sie brauchen: Sie wollen sich sehen. Sie wollen sich gespiegelt sehen.
Werden solche Formate bei der SRG infolge Sparmassnahmen gestrichen, werden die Menschen genauso gleich weiterhin in den Spiegel schauen wollen – nur tun sie es dann anderswo, konsumieren solche «unnützen Sendungen» auf anderen Kanälen, billigeren, auch fragwürdigeren, deren Geldfluss gewiss nicht die Schweizer Wirtschaft unterstützt.
Um einer Hunderternote Willen?
Wir geniessen in der Schweiz einen hochstehenden Journalismus und eine – allen Links- oder Rechtslastigkeits-Buhrufen zum Trotz – ungehinderte Meinungs- und Pressefreiheit. Mit den Serafe-Gebühren unterstützen wir das grösste Schweizer Medienunternehmen, das alle Winkel unseres Landes und weit darüber hinaus mit Präsenz, Information und Unterhaltung abdeckt – wie kann man ein solches Wirkungsfeld halbieren wollen? Um einer Hunderternote Willen?
In allen Pro- und Kontradiskussionen läuft es früher oder später auf diese eine Hunderternote hinaus, die jährlich eingespart werden soll bei der Annahme der Initiative. Hundert Franken sind viel, ja. Aber ehrlich: Wofür würdest du diese Hunderternote dann ausgegeben? Oder anders gefragt: Was ist dir guter Journalismus wert?
Für Vera, die junge Erwachsene in Ausbildung, sind hundert Franken viel. Aber sie plant sie in ihr Budget ein und kann sie verkraften: pro Monat sind es Fr. 8.35.–. Für Gaby, die ausgesteuerte IV-Bezügerin, sind hundert Franken zu viel. Für sie ist jedoch alles zu viel, weswegen sie ohnehin Unterstützung braucht. Der Durchschnittslohnbezüger Marko winkt die Serafe-Gebühr mit allen anderen Zahlungen halt einfach durch und Dieter, Gion und sehr viele weitere, so vermute ich, werden diesen Hunderter jährlich nicht einmal bemerken.
Die Medienschaffenden aber werden diesen hochgerechneten, fehlenden Hunderter sehr wohl bemerken.
Für den freien Platz deiner Geschichte
Dass «Inhalte nicht interessieren und man deshalb nicht dafür zahlen will», kann auf den ersten Blick plausibel sein. Aber das ist reines Konsumdenken.
Denn eines darfst du nicht vergessen: Mit deinem Abonnement bezahlst du nicht nur für das, was auf dem Blatt steht. Du bezahlst auch für den für dich frei gehaltenen Platz, für deine Geschichte, wenn bei dir einmal etwas Wichtiges passiert. Mit der SRF-Gebühr bezahlen wir nicht nur für das, was wir an Sendungen konsumieren oder nicht, sondern auch dafür, dass Medienschaffende jederzeit und überall zur Stelle sind, wenn bei uns, in unserem Umfeld, etwas «brennt».
Und das ist ganze Leistung. So etwas darf uns nicht bloss die Hälfte wert sein.
Ursula Koch-Egli
Die AZM-Redaktorin äussert sich zur bevorstehenden Abstimmung über die SRG-Initiative vom 8. März 2026.
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«Wie kann man ein solches Wirkungsfeld halbieren wollen?»