Klassische Musik, nichts für Teenager? Von wegen!
Insgesamt fast hundert Jugendliche und Begleitpersonen der Sekundarschulen Rickenbach und Beromünster sowie der Musikschule Michelsamt besuchten ein Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) mit dem bekannten österreichischen Cellisten Kian Soltani.
Klar, das Angebot, welches Christian Plaschy von der Musikschule Michelsamt-Surental den Jugendlichen unterbreitete, war verlockend: Gratis ein Konzert im KKL zu besuchen, inklusive Backstage-Einführung und Transport nach Luzern ist kein alltägliches Erlebnis. Wie um zu verdeutlichen, dass es sich hierbei um eine wirklich einmalige Gelegenheit handelt, war «Kian Soltani spielt Elgars Cellokonzert» auf den Schalttag des 29. Februar angesetzt.
Stilsicher in Stöckelschuhen und Anzug
Die Jugendlichen konnten sich alle auf freiwilliger Basis für den Anlass anmelden und wurden kurz nach der letzten Schulstunde am Donnerstagnachmittag vom gecharterten Gelenkbus in Rickenbach und Beromünster abgeholt. Stilsicher erschienen einige von ihnen im gutsitzenden Anzug oder in Stöckelschuhen und Abendkleid. Wie vor einem Popkonzert ist der Bus zum Bersten voll, als er während Luzerns Rushhour am Bahnhofplatz eintrifft. Die kurze Wartezeit bis sich die Tore des KKLs öffnen, überbrückt ein märchenhafter Sonnenuntergang an der Luzerner Seepromenade. Eine Stunde vor Konzertbeginn führt Johanna Ludwig (Leiterin Musikvermittlung des LSO) die beachtliche Gruppe schliesslich in den Backstage-Bereich des KKL-Gebäudes, wo sie zusammen mit dem Zürcher Cellisten Joachim Müller-Crepon (seit 2022 beim LSO) eine erstaunlich jugendgerechte Einführung in die Werke des Konzertabends zum Besten gibt. Müller-Crepon gibt den Jugendlichen zudem den Tipp, sich entspannt von der Musik treiben zu lassen und erst am Ende eines Werks zu applaudieren.
Ungewohnte Perspektive
Schon bald können die reservierten Plätze auf der Orgelempore eingenommen werden, welche eine ungewohnte Perspektive bieten: Man sitzt hinter dem Orchester und ein tausendköpfiges Publikum schaut einem entgegen. Weniger als Zuschauer und mehr als Teil des Orchesters ist man fast versucht, die Anweisungen des einem zugewandten Gastdirigenten Fabien Gabel zu befolgen. Bereits bei der Ouvertüre zu Emmanuel Chabriers Oper «Gwendoline» kann dieser die Jugendlichen mit seiner emotionalen Mimik und Gestik in seinen Bann ziehen. Als dann Solist Kian Soltani die Bühne betritt, sind alle Augen auf das mittlerweile 31-jährige Jungtalent gerichtet. Berufskollege Joachim Müller-Crepon hatte bei der Einführung auf die Leichtigkeit von Soltanis Spielweise hingewiesen, welche sein filigranes Cello-Spiel einfach aussehen lässt. Genau das kommt während den vier Sätzen von Elgars Cello-Konzert deutlich zum Vorschein. Unter tosendem Applaus richtet Soltani ein paar launige Worte ans Publikum und gibt als Zugabe Schumanns Abendlied – mit Streichorchesterbegleitung, aber ganz ohne Dirigenten – zum Besten.
... endlich darf geklatscht werden!
Die anschliessende Pause bietet die Gelegenheit, die atemberaubende Aussicht von der KKL-Dachterrasse zu geniessen und nach den Eindrücken der Jugendlichen zu fragen. «Ich bin echt froh, dass ich mitgekommen bin» und «Können wir nächste Woche wieder gehen?» sind nur zwei stellvertretende Aussagen. Weiter geht es nach der Pause mit Ernest Chaussons einziger Sinfonie. Sie hat drei Sätze und… ja, es wird auch zwischen den Sätzen geklatscht. Möglich, dass sich einige Jugendliche nicht mehr an Müller-Crepons gut gemeinten Tipp erinnern konnten; für die meisten war aber wohl einfach die Stille zwischen den längeren Sätzen zu ungewohnt, um auf respektvollen Applaus zu verzichten. Gastdirigent Fabien Gabel nimmt es gelassen und lächelt den Jugendlichen jeweils entgegen oder nutzt die zusätzlichen Sekunden gar als willkommene Gelegenheit, um sich die Schweissperlen auf der Stirn abzutupfen. Fast schon befreiend wirkt dann der Applaus am Schluss des Werks, als endlich laut und ausgiebig geklatscht werden darf.
Mit dem Ende des Konzertabends um halb zehn kehrt für die Jugendlichen auch schnell der Alltag zurück: Sie begeben sich zügig zum Extrabus, es knurrt der Magen, man spricht über die morgige Prüfung oder die ungeliebte Frühstunde. Umso erfreulicher, dass sie sich trotzdem auf dieses besondere musikalische Erlebnis eingelassen haben. Wir applaudieren ihnen!
Text und Bilder: Damian Troxler, Fachlehrperson Musik an der Sekundarschule Rickenbach; Silvia Estermann, Fachlehrperson Musik an der Sekundarschule Beromünster; Christian Plaschy, Co-Schulleiter Musikschule Michelsamt-Surental