Kino TaB Reinach: Volle Pulle Leben - auf der Zielgerade zum Tod
Reinach: «Die Tabubrecherin» - ein Film von Silvia Haselbeck und Erich Langjahr im Kino TaB, nur in der Matinee am Sonntag, 8. Dezember, um 10 Uhr. Ein Film über Krankheit, Sterben und die «volle Pulle Leben».
Mit Michèle Bowley und den Stationen auf ihrem Weg zum Tod wird man vertraut im Film «Die Tabubrecherin» von Silvia Haselbeck und Erich Langjahr. Bild: langjahr-film.ch
Das Filmer- und Regisseurenpaar Silvia Haselbeck und Erich Langjahr wagt sich mit seinem Werk «Die Tabubrecherin» aus der Komfortzone heraus. Beleuchtet Momente, die wehtun und Vergänglichkeit in Grossaufnahme zeigen. Mit berührender Nähe und respektvoller Distanz begegnet man Michèle Bowley, Diagnose: Krebs, noch drei Monate Leben. Aus drei Monaten werden drei Jahre.
Der Film beginnt mit einer Kopfrasur. Hautnah ist man von Anfang an dabei. Michèle Bowley, eine Frau Mitte Fünfzig, bekommt die Diagnose Krebs mit Aussicht auf noch drei verbleibende Monate zum Leben.
Nähe
Von dem Moment an wird sie filmisch begleitet durch das Zuger Regisseurenpaar Silvia Haselbeck und Erich Langjahr. So wie die beiden einst mit dem Film «Geburt» den Beginn des Lebens beleuchteten, richten sie nun mit «Die Tabubrecherin» den Fokus auf das dessen Ende.
Alle Stationen auf diesem Weg, von Brustamputation über Chemotherapie, über Energieheilung und Abdankungsvorbereitung bis zum Sterbebett, bekommt man in diesem Film im Detail auf Grossleinwand mit. Sachlich dokumentiert, emotionslos beobachtend, berührend nahe und dennoch respektvoll distanziert. Wer sich diesen Film anschaut, muss bereit sein, Unangenehmes zu sehen, dem Thema Tod in die Augen zu blicken und einer charakterstarken Frau zu begegnen.
Wende
Die Dramaturgie des Lebens nimmt eine unerwartete Wende. Im Zielschuss Richtung Tod wird Michelle Bowley, die sich der Herausforderung voller Tatkraft stellt, mit ihrer Heilung konfrontiert. Auf einmal nicht mehr todkrank. Damit umzugehen, und sich wieder dem Leben zu stellen, ist ebenso eine Herausforderung.
Aus den anfänglich diagnostizierten drei Monaten werden schliesslich drei Jahre. Die geschenkte Lebenszeit nutzt Michèle Bowley, um ihre Biografie zu schreiben: «Volle Pulle Leben – lebe Deins, jetzt». Dann kommt die Krankheit zurück und fordert ihren Tribut. Eine scheinbar um Jahrzehnte gealterte, gezeichnete Frau hält mit beeinträchtigter Motorik und immer noch strahlenden Augen Lesungen, gibt Einblicke in ihren Weg, der nun nicht mehr Kampf ist, sondern Loslassen.
Ende
Der Film endet mit einer whatsapp-Nachricht aus dem Spital von Michèle an Silvia: «Kommt schnell, es geht nicht mehr lange ...», die Kamera gerichtet auf ihre letzten Atemzüge. Aber auch danach ist mit Naheinstellung noch nicht Schluss. Die Zuschauer werden dokumentarisch weitergeführt durch die Stationen Aufbahrung, Kremation, Urne.
Bereicherung
Die Tabubrecherin: Ein schöner Film, ein unangenehmer Film – voll von Leben in all seinen Facetten. «Von kaum einer Frau habe ich mehr gelernt als von Michèle Bowley», sagt Erich Langjahr dazu. «Die Zuversicht und das Vertrauen, das sie ausstrahlt, und ihre Botschaft, das Leben zu leben und zu geniessen, ist eine grosse Bereicherung.»
Wer bereit ist, sich diesem Reichtum zu öffnen, kann von diesem Film profitieren. Wer mit dem Sterben vertraut ist, wird vieles wiedererkennen und wer mit dem Leben vertraut ist, wird danach vor allem eines wollen: Volle Pulle Leben.
Ursula Koch-Egli
Die Tabubrecherin
Reinach, Atelierkino TaB, Theater am Bahnhof, Tunaustrasse 5, 5734 Reinach AG
Sonntag, Matinee, 8. Dezember 2024 um 10 Uhr