Keine Fasnacht für die Fleckenzunft
Mottolos, ohne Zunftrat und ohne Aktivitäten: so geht die Fleckenzunft Beromünster in das kommende Jahr. So wurde es am Katharinenbot vom letzten Samstag nach langer und teils hitziger Diskussion beschlossen. Dies als radikale Zäsur infolge der unmissverständlich verfahrenen Situation, in der die traditionsreiche Fasnachtsgesellschaft schon seit Längerem steckt. Dass es diese Saison keinen Zunftmeister geben würde, war schon vor dem Bot klar.
Nach dem Hoch die Ernüchterung: Genau vor einem Jahr berichtete der Anzeiger Michelsamt über die freudige Aufnahme von sage und schreibe 14 Neumitgliedern in der Fleckenzunft. Sie wolle mit neuem Schwung in die Zukunft starten, der frischmotivierte Zuwachs solle neu aufmischen. Doch die Realität zeigte ein anderes Gesicht. Alle Neumitglieder bis auf zwei gaben nun wieder ihren Austritt. Dem vorangegangen war ein eher ungenüsslicher Mix aus Missstimmung, Fehlkommunikation und unterschlagenen Informationen mit einem daraus resultierenden, ausserordentlich einberufenen Bot im September, der zu keiner Klärung führte.
Insignien nicht weitergegeben
Für Zunftweibel Roland Zeidler stand eine herausfordernde Versammlung bevor. Er eröffnete sie um 19 Uhr im Fläckekafi Beromünster. Zwei schriftliche Anträge waren fristgerecht eingegangen. Das Zunftrodel wurde genehmigt, der Jahresbericht der Zunftmeisterin ebenfalls. Dann folgte eine für dieses Bot ungewöhnlichen Handlung, die Verabschiedung der amtierenden Zunftmeisterin. Dass es für Heidi II., die das Amt infolge Mangels bereits zweimal bekleidet hatte, auch diesmal keine Nachfolge gab, hatte sich bereits im Herbst herauskristallisiert. «Ich danke dir im Namen der Zunft für deinen Einsatz. Es ist ein schmerzlicher Moment, die Insignien nicht weitergeben zu dürfen», sagte Zeidler bewegt und überreichte Heidi II. die ruhmesträchtige Altzunftmeistermedaille. Die Verabschiedung von Säckelmeister Richard Joos wurde vorgezogen, da dieser zu einer Geburtstagsfeier eingeladen war und die Versammlung zusammen mit seiner Frau Claire frühzeitig verliess. Er wurde gebührend verdankt.
Antrag mit Sprengkraft
Vor 42 Anwesenden folgte nun der mit Sprengkraft behaftete «Antrag von Claudio Leitgeb». Dieser erklärte: «Viele Neuzünftler zu gewinnen, ist nicht gelungen. Von jetzt an schauen wir vorwärts.» Er begründete: «Erstens: Es gibt einen erheblichen Klärungsbedarf von beiden Seiten her. Zweitens bin ich der Meinung, dass die Zunft nicht bereit ist, als Gesellschaft dieses Jahr an der Fasnacht teilzunehmen. Wenn wir eine Zukunft haben sollen, sind wir jetzt an einem Punkt, wo wir in die Retraite gehen müssen. Die verfahrene Situation ist für die Reputation belastend. Deshalb beantrage ich: Keine Fasnachtsaktivitäten dieses Jahr.» Brisantester Punkt seines Antrags war, dass die Zunft in dieser Übergangszeit unter einer kommissarischen Führung stehen würde und bei Annahme der gesamte Zunftrat per sofort seines Amtes enthoben würde.
«Wenn wir auf die Aktivitäten verzichten, können wir in einer Arbeitsgruppe die neuen Schritte erarbeiten und diese spätestens am Bot 2024 präsentieren.» Leitgeb hielt eine selbstsichere, solide Rede in sachlichem, ruhigem Ton und man spürte, dass er von seiner Sache überzeugt war. Man müsse alle abholen, mit dem Fokus auf jenen, die den Blick nach vorne ausrichten. Mit der Konsequenz, dass dies auch nach aussen kommuniziert werden müsse. Er schloss mit den Worten: «Es ist nichts kaputt, aber man soll nicht so tun, als wäre alles im grünen Bereich. Denn meiner Ansicht nach ist es das nicht. Deshalb beantrage ich, den Antrag anzunehmen.»
Diskussion beginnt
Nun begann die Diskussion. «Fadm» Stephan Meyer fragte: «Was, wenn in einem Jahr kein Zunftrat nachkommt?» Leitgeb antwortete, Zusagen seien bereits da, Aufgaben zu übernehmen. Dann folgte das kräftige Votum von Zunftweibel Roland Zeidler: «Stand heute hat es bereits drei Personen, welche Aufgaben übernehmen. Wir sind nicht im absoluten Krisenmodus. Der Zunftrat hat wesentliche Punkte des Antrags bereits aufgenommen.» Und sehr deutlich: «Wir vom Zunftrat würden es schade finden, die Fasnacht auszulassen! Es wäre ein Risiko, dass viele sich noch stärker zurückziehen. Wir wollen auch dafür schauen, dass die Bändeli im Flecken hängen. Der Zunftrat beantragt die Ablehnung des Antrags. Die Entscheidung liegt bei euch.»
Diskussion nimmt Fahrt auf
Die Diskussion begann nun Fahrt aufzunehmen. Gregor Ineichen: «Wir verlieren ein riesiges Potenzial! Wir brauchen junge Leute.» Er legte ein deutliches Pro für den Antrag Leitgeb ein. Bea Bernets Votum war emotional: «Es stinkt mir, was ich höre heute Abend!» Sie sei nicht bereit, sich erpressen zu lassen. Man sei doch ein ‘Miteinander’. Sie stellte sich klar gegen den Antrag. Worauf Antoinette Huser ihr Statement platzierte: «Wenn wir unsere Absicht, ein Jahr Pause zu machen, richtig kommunizieren, verstehen das alle. Ich habe volles Vertrauen!» Dani Notz setzte dagegen: «Wo ist denn die Garantie? Ich habe das Vertrauen in den Zunftrat!» Nun meldete sich Claudio Zanatta engagiert zu Wort. «Ich unterstütze den Antrag. Es ist das einzig Richtige. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass über uns gelacht wird, und dies schon seit zehn Jahren. Wir müssen ehrlich sein: es braucht eine Zäsur.»
Steigerung
Die Intensität der Versammlung im Fläckekafi war nun deutlich gesteigert. So veranlasste der Weibel, das Nachtessen zeitlich vorzuziehen und erst danach abzustimmen. Zunftrat Adrian Bläuenstein ermahnte: «Man muss sich bewusst sein: ‘Nichts’ ist dann auch wirklich ‘Nichts’. Keine Bändeli, kein Gregorifüür...» Zeidler pflichtete bei: «Die Zäsur findet in jedem Fall statt. Fraglich ist nur: Chirurgisch oder mit der Axt?»
Heidi Huser darauf im Klartext: «Es ist die Überheblichkeit! Wir bekommen keine Neumitglieder, wenn wir so weitermachen!» Es entwickelte sich ein längerer, zunehmend emotionaler Schlagabtausch unter vielen und die Szene begann Züge eines Volkstheaters anzunehmen. Bis der Zunftweibel ans Glas klingelte und die Sitzung unterbrach. Während des Essens – sehr lecker übrigens – wurde an allen Tischen rege ausgetauscht und die erhitzten Gemüter beruhigten sich wieder etwas.
Verwirrung um die Kasse
Bei Weiterführung der Versammlung stellte Ingrid Oehen einen Antrag in Richtung versöhnlicher «Sowohl-als-auch-Variante», bei der sie eine Art Zusammenschluss von Zunftrat und kommissionarischer Führung vorsah. Eine weitere Erklärung kam von Leitgeb: «Ich habe gemerkt, dass Unsicherheit besteht wegen der Kasse.» Zu Aufregung und Verwirrung geführt hatte zuvor folgender Punkt in den Statuten: « (...) Bei einer allfälligen Auflösung der Zunft ist das Zunftvermögen (...) der Gemeindeverwaltung zu überlassen, bis sich die Zunft einer Neugründung unterzogen hat.» Leitgebs Antrag fühlte sich wohl bei vielen an, als würde die Zunft aufgelöst. Was aber nicht der Fall war, denn sie würde lediglich interimsweise anders geführt. Leitgeb beantragte, dass Monika Bucher diese Kasse führen soll. «Die Arbeitsgruppe definiert die Methodik und den Zeitplan, innerhalb dem die Resultate vorliegen müssen. Ansonsten bestimmen wir nichts!», bekräftigte er.
Damit war der Disput aber immer noch nicht belegt. Simona Eggenberger fragte: «Wieso geht es denn nicht, eine Gruppe zu bilden und trotzdem mit Fasnacht weiterzumachen?» Leitgeb prompt: «Eine ‘Fasnacht light’ ist für die Reputation nicht gut.» Roland Zeidler: «Die neue Arbeitsgruppe ist unbestritten. Aber Kernelement ist, dass bei einer kommissionarischen Führung der Zunftrat abgewählt wird. Drei Personen werden dann für die Aufgaben nicht mehr zur Verfügung stehen.» Ja zum Antrag heisse, es brauche zwei Personen als Führung, damit die Zunft handlungsfähig bleibt. Bei «Nein» bleibe der Zunftrat im Amt und führe das statuarische Geschäft weiter. Klug überlegt fragte Cornelia Küng: «Also müssen wir bei einem Ja diese zwei Zünftler gerade jetzt haben?» Richtig, das sei so, sagte Leitgeb und nannte auch konkret die Namen: Claudio Leitgeb und Monika Bucher. Dann ging es um die Abstimmung über den Antrag von Ingrid Oehen. Er wurde abgelehnt.
Entscheidung und Ernüchterung
Dann also kam man endlich zur entscheidenden Abstimmung «Antrag Claudio Leitgeb». Die Nerven vieler waren strapaziert, und doch waren alle Dispute des ganzen Abends offen und fair ausgetragen worden. 42 Anwesende hatten nun zu entscheiden und der Ausgang dieser Abstimmung war bei Weitem nicht absehbar.
Leitgebs Antrag wurde deutlich angenommen. Ab diesem Moment, 18. November 2023, 21.50 Uhr, stand die «Fleckenzunft zu Beromünster» erstmals in ihrer 123-jährigen Geschichte ohne Zunftrat da, erstmals wird sie dem Hauptzweck ihres Bestehens – dem Fasnachtstreiben – nicht nachkommen. Die Stimmung flachte total ab, Ernüchterung machte sich breit.
Traktanden durchgewinkt
Von da an konnte der Zunftweibel, der nun keiner mehr war, die Traktanden nur noch durchwinken. «Traktandum Budget: entfällt. Die Vereinsfinanzen werden an Leitgeb und Bucher übergeben. Traktandum Wahlen: entfällt.» Leitgeb und Bucher wurden als Mitglieder der kommissionarischen Führung gewählt. Die Stimmung begann sich zu zerstreuen. Entspannung und leises Reden da, Kopfschütteln und versteinerte Mienen dort.
Nicht gerade ein glorreicher Moment, den langjährigen Statthalter Adrian Bläuenstein zu verabschieden, der auf dieses Bot demissioniert hatte. Dennoch fand Roland Zeidler zu einer wertschätzenden Ansprache und sagte, auf Adrian sei immer Verlass gewesen. «Adrian war derjenige, der das Holster als sicheren Ort für den Zunfthammer eingeführt hat!»
Zweiter Antrag
Damit war aber der Diskussion noch immer nicht genug, denn der zweite, schriftlich eingereichte Antrag musste auch noch behandelt werden. Es war ein Antrag auf Satzungsänderung von Bea Bernet. Sie sagte: «Bei einer Auflösung der Zunft das Geld auf der Gemeindeverwaltung zu horten, ist zu gefährlich. Die Altzunftmeister haben das Zunftvermögen erschaffen, deshalb soll eine Kommission aus Altzunftmeistern das Geld verwalten.» Zanatta plädierte auf Ablehnung («Wir sind ja nicht aufgelöst!»), hingegen Fadm auf Annahme («Was geregelt ist, ist geregelt!») Und Gregor Ineichen: «Es ist nicht sinnvoll, jetzt noch einen Punkt der Satzung zu korrigieren.» Es kam wieder zur Abstimmung, der Antrag wurde abgelehnt.
Um 22.30 Uhr erklärte der Versammlungsleiter das Bot als geschlossen – nicht aber ohne vorher noch Zeugherr Sven Willimann zu verabschieden, der sichtlich um Fassung rang. Zum Schluss sprach Zeidler noch seine besten Wünsche aus für die Fleckenzunft und ihr internes Einvernehmen. Auch Claudio Leitgeb schloss: «Von mir aus gesehen ist heute kein Unglück passiert. Es ist das Bejahen vom Vorwärtsgehen.» Seine Wünsche an die Zunft deckten sich exakt mit denen von Roland Zeidler.
Abspann
Weshalb genau die 14 Neumitglieder so schnell wieder ihren Austritt gegeben hatten, wollten sie auf Anfrage nicht kommunizieren. Sie verwiesen auf einen gewichtigen Brief, den sie im Herbst an den Zunftrat geschickt hatten. Daraus sei hier aber nichts mehr zitiert – es geht schliesslich darum, vorwärtszuschauen.
Zur Person Claudio Leitgeb: Er ist 2001 der Fleckenzunft beigetreten und war sechs Jahre lang als Kanzler im Zunftrat. Seinen Antrag habe er aus eigener Überzeugung gestellt und diesen zuvor auch mit niemandem besprochen, sagt er auf Anfrage. Erst nach Eingabe seines Antrages zum Bot ‘23 sei eine Gruppe von «besorgten Zünftlern» auf ihn zugekommen mit dem Anliegen, eine Arbeitsgruppe zu leiten. Leitgeb wohnte rund 17 Jahre in Beromünster, beruflich leitet er die Unternehmenssicherheit des Universitätsspitals Zürich.
Und die Fleckenfasnacht?
Übrigens: Wer sich infolge dieses Tumults um die Fleckenfasnacht fürchtet: Keine Sorge, diese wird auch ohne Fleckenzunft im 2024 brausend vonstatten gehen. Sie wird seit einigen Jahren schon von einem «OK Fasnacht» organisiert.
Festgehalten sei also, die Fleckenzunft hat sich nicht aufgelöst, sie wird nur vorübergehend anders geführt, arbeitet an ihrer Zukunft und verzichtet auf den Spass. Auch erübrigen sich die Bedenken um das Zunftvermögen, welches auf die Gemeinde hätte gebracht werden sollen. Dies wäre nur bei einer Auflösung nötig gewesen.
Ende gut, alles gut? Nein, da ist noch die brennendste Frage: Die Bändeli? Werden kommende Fasnacht wirklich keine Bändeli in den Zunftfarben über dem Flecken flattern? «Wir bemühen uns, die Bändeli aufzuhängen, da dies ja auch ganz allgemein zum Bild des Fleckens in der Fasnachtszeit gehört und sich alle Fasnächtler daran erfreuen können!», erklärt Claudio Leitgeb wohlgemut. Bändel gut, alles gut.
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli