Kamingespräch der KSB: «Jetz muesch zuelosa, chunsch s' Zügnis über»
Spannende Affiche am vergangenen Montagabend in der Kantonsschule Beromünster: Ein Gespräch mit Conrad Wagner, Mobilitätsforscher und Ehemaliger der KSB, war angesagt. Oliver Kuhn, Präsident des Vereins der Ehemaligen der KSB, leitete das Gespräch, das vom ehemaligen Rektor der KSB, Felici Curschellas, als «Sternstunde» bezeichnet wurde.
Conrad Wagner ist ein Visionär und Erneuerer, wie sie der Anzeiger Michelsamt kürzlich im Editorial gesucht hat. Er forscht, entwickelt, initiiert und evaluiert neue Mobilitätsdienstleistungen, CarSharing und RideSharing in der Schweiz, der EU, in den USA und Indien. Er lehrt an der HSLU Hochschule Luzern und ZHAW Zürcher Hochschule im Bereich von Erschliessung, Mobilität und Verkehr. Im Kanton Nidwalden nahm er Einsitz in der Legislative und präsidierte das Parlament 2015/2016. In der Schweiz war er 1987 einer der Initianten und Gründer des CarSharing, damals als ATG (Auto-Teilet Genossenschaft), heute operativ als «Mobility CarSharing Schweiz». Er ist in Stans mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen. Sein Vater war Gewerbeschullehrer, seine Mutter Hausfrau, die Auto fahren konnte, damals alles andere als selbstverständlich. Er besuchte im Kloster Engelberg das Untergymnasium. Er hat da einiges geboten, fuhr etwa mit dem Töffli nach Kriens in die Disco «Schnäggehüüsli», was ihm einen Verweis eintrug. Er wurde schliesslich vom Kloster geschasst und kam im Don Bosco unter. Otto Fischer war einer seiner Lehrer im Team von Rektor Felici Curschellas, der ihm Ende der 6. Klasse empfahl, die Klasse zu wiederholen, da er sonst maturagefährdet sei. Er versuchte sich zu wehren, andere hätten doch ähnlich schlechte wenn nicht gar noch schlechtere Leistungen. Klassenkollege Markus Bucher, der auch anwesend war, jedoch wegen einem anderen Termin gleich weiter musste, stand auf und verliess den Saal. Die Situationskomik war perfekt. Auch Markus Bucher genoss sichtlich den Showeffekt des lustigen Moments.
«Er war seiner Zeit oft 20 Jahre voraus»
Damals bewegte auch die Schwangerschaft einer Schülerin, die zuerst der Schule verwiesen wurde. «Man wusste gar nicht recht, wie so etwas passieren konnte», meinte Conrad Wagner lakonisch. Pater Heim hat sich dann eingesetzt, dass sie doch bleiben konnte. Peter Bichsel kam damals regelmässig für Lesungen in die Kanti Beromünster. Beim Lehrer mussten sie ein Jahr kämpfen, dass sie den Taschenrechner bei Mathematikprüfungen benutzen durften. 1980 hat Conrad Wagner dann die Matura gemacht. In Beromüster wurde er politisiert zum Thema Waffenexporte. Damals waren die CVP und die FDP die zwei Polparteien. Wer im Militär Karriere machte, wurde Nationalrat. Conrad Wagner arbeitete nebenbei als Securitaswächter und sparte 16 000 Franken zusammen, mit denen er über ein Jahr auf Weltreise ging. 1983 lebte er in einer Kommune in den USA. Er studierte Psychologie und Pädagogik, besonders auch Verhaltensökonomie nach Skinner, und ging dann in die Marktforschung, zum damals grössten Marktforscher der Schweiz, der IHA in Hergiswil, wo er Fokusgruppen leitete und qualitative Erhebungen etwa zu Pampers machte. 1987 gründete er mit der ATG in Stans mit zwei Kollegen die Mutter aller Carsharing-Unternehmen. Er hatte die Idee des Sammeltaxis Kriens, des Telebus, das es heute noch in adaptierter Form gibt. Er gründete diverse Firmen in den USA. 2006 startete er in Nidwalden mit Politik bei den Grünen, gründete etwa den WWF Unterwalden. «Stans ist auch offen», sagte er überzeugt. «Er war seiner Zeit oft 20 Jahre voraus», sagte Oliver Kuhn. 2015/16 wurde er höchster Nidwaldner, als Grüner eine spezielle Leistung. Er sagte zu den aktuellen technologischen Entwicklungen: «Ohne Skalierung hat man keine Chance. Für vieles sind die neun Millionen Schweizer zu wenig. Wir müssen grösser denken.»
Eine Sternstunde
Nach dem Kaminfeuergespräch ergriff der ehemalige Rektor Felici Curschellas das Wort: «Jetz muesch zuelose, chunsch s' Zügnis über. Es war eine Sternstunde für mich. Du hast dich nie und durch niemanden verbiegen lassen, eine reife Leistung. Die Mutter schenkt dir das Leben. Leben musst du selber.» Auch der Historiker Pirmin Meier war im Publikum und hörte gebannt dem Pingpong von Oliver Kuhn und Conrad Wagner zu. Er fragte belustigt, wieso Conrad immer noch diesen Kommunistenschnauz trage. Beim anschliessenden Apéro konnte noch mancher Gedanke weitergesponnen, manche Erinnerung aufgefrischt werden, sodass der Vernetzungsapéro für fast alle länger dauerte als das einstündige Kaminfeuergespräch.
Frage an Moderator Oliver Kuhn zum Format Kaminfeuergespräch:
Seit wann, wie oft schon, welche herausragenden Persönlichkeiten? Wie soll es nun weitergehen?
«Ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht, wann wir damit begonnen haben. Wir hatten sicher 2016 bereits einen Gast, nämlich Martina Bernasconi. Sie führt in Basel eine philosophische Praxis und sie sass von 2009 bis 2021 im Grossen Rat von Basel (erst glp, später FDP). Weiter auf dem Sitz Platz genommen haben Ivo Kummer, Franziska Villiger-Theiler, Karin Portmann, Xaver Siedler, Felici Curschellas und Marco Stössel. Wer als Nächstes kommt, weiss ich noch nicht. Wir möchten den Anlass etwas überdenken und ihn noch publikumswirksamer gestalten. Das müssen wir aber erst im Vorstand besprechen.»
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt