Skip to main content Skip to page footer

Kalle’s Platten-Corner – Mehr Nostalgie war nie... / Best of Alben 2021!


In den 70er-Jahren, als ich richtig schön jung und unerfahren war und mich für Pop-Musik zu interessieren begann, gabs in vielen Zeitschriften und Zeitungen neben einer Schachrubrik einen «Platten-Corner», wo Neuerscheinungen besprochen wurden. So entdeckte man manche Perle aufgrund der Empfehlung eines ­guten Musikjournalisten und holte sich die Scheibe im Grammo Studio, im Old Town Store oder Musik Hug in Luzern. Oft ging so das ganze Sackgeld drauf.

Vier Neuentdeckungen im Neuschnee, wobei drei davon alte bis uralte Meister...


Heute, über 40 Jahre später, gebe ich als grosser Musikfan mit Tausenden von LPs und CDs und Zehntausenden von Musikfiles eine Empfehlung ab: Musik funktioniert immer und überall, und auch dieses Jahr gibt es empfehlenswerte Neuerscheinungen, die man kaum mehr für möglich gehalten hätte. Hier sind vier grossartige Beispiele:

1. ABBA – Voyage

Das Comeback des Jahrhunderts nach 40 Jahren Funkstille – nach IKEA der bedeutendste Schweden-Export. Sie wehrten sich immer gegen Comebacks, wollten angeblich ihren Mythos nicht zerstören. Sie haben es nun doch getan, und wie: Voyage ist wie eine Zeitreise, ohne Konzessionen an den Zeitgeist, einfach grandiose, zeitlose Melodien, überragende Harmoniegesänge, wunderschönes Booklet. Klar kann man mäkeln, es fehle die Innovation, sie könnten immer noch nicht rappen oder ihre Show sei weniger provokativ als die von «King Lori» Loredana. Doch halt: Herz, was willst du mehr! Für mich eine der Platten des Jahres und ein Geschenk. Früher gabs übrigens in Musikzeitschriften eine Rubrik «Zurück aus der Gruft» bei Comebacks nach einigen Jahren. Sich nach 40 Jahren in alter Frische zurückzumelden ist wohl einzigartig.

2. Elton John – The Lockdown Sessions

Er ist 74 und «Still Standing»! Sein biografischer Film «Rocket Man» ein Meisterwerk, 300 Millionen verkaufte Tonträger, über fünf Dekaden begeistert er schon um den ganzen Erdball. Er lieferte auch schwächere Platten, doch die neuste ist wieder ein Geniestreich: Er versammelte Künstler zu Duetten und nutzte den Lockdown zum Musizieren. Herausragend: Das Duett mit dem unverwüstlichen Stevie Wonder «Finish Line», das Pet Shop Boys-Cover «It’s A Sin» in neuer Frische und Metallicas unverwüstliches «Nothing Else Matters», wo Miley Cyrus über sich hinauswächst. Die ganze CD ist eine Wucht. Elton John kann Rockfetzer und Balladen, eigentlich alles, und seine Stimme ist immer noch der «Gold-Standard» in der Branche. Gehört unter jeden Christbaum! Wenn der Lockdown was Gutes hatte, dann ist es dieses Album.

3. Prince – Welcome 2 America

Er war Komponist, Instrumentalist, Sänger, Schauspieler und Songwriter: Prince, der am 21. April 2016 im Alter von 57 Jahren viel zu früh starb. Er hat so viele Meisterwerke rausgehauen, besonders in den 80ern mit «Sign o’ The Times», «1999», «Purple Rain» und «Parade», um nur die herausragendsten vier Werke zu nennen. Nach seinem Tod kamen aus seinem Nachlass noch mehrere Alben raus. Dieses Jahr überraschenderweise nochmals ein durchgängig starkes, von den Kritikern hochgelobtes Album aus einem Guss, komponiert 2010. Kaum ein Album habe ich dieses Jahr mehr gehört. Prince, das Musikgenie unserer Generation. «Rock and Funk around the Christmas Tree…»

4. The Weeknd – The Highlights

Alles, was der Kanadier mit äthiopischer Abstammung, der eigentlich Abel Makkonen Tesfaye heisst, in den letzten Jahren angefasst hat, hat sich zu Gold verwandelt. Schöne Melodien, die in den besten Momenten an «a-ha» erinnern, also auch «voll Old School». Hier bereits seine erste grosse Compilation, von A bis Z hörenswert. Seine wichtigsten Einflüsse: Michael Jackson, Prince, David Bowie, Daft Punk. In unserer Generation sagte man «einen Tick zu kommerziell», doch viel verkauft ja auch nur, wer vielen gefällt.


PS: Weniger empfehlen kann ich nach mehrmaligem Hören die Neuste von Helene Fischer «Rausch». Man nimmt der schönen Helene den Rausch nicht unbedingt ab. Bleibt an der schönen Oberfläche kleben, zwar gut produziert, doch eher billiger Techno-Schlager. Als Schlagersängerin zu Beginn ihrer Karriere hat sie mir viel besser gefallen. Doch wem genau dieses Genre gefällt, ein Zeitzeugnis ist auch «Rausch». Ich meinte einfach zuerst, es sei ein Sponsoring der gleichnamigen Haartinktur.

Sind Sie ganz anderer Meinung, oder haben Sie dieses Jahr auch spezielle musikalische Entdeckungen gemacht? Die Redaktion freut sich auf jede Reaktion! 


Text und Bild: Karl Heinz Odermatt




Das könnte Sie auch interessieren