Kalle’s Platten-Corner – Best of Philosophie in Titeln und Texten
Oesch’s die Dritten? – Musikkolumne zum Dritten! Die ersten zwei Musikkolumnen haben viel positives Echo ausgelöst, bis zu «Endlich jemand, der mich versteht! Und mit den Bewertungen bin ich voll einverstanden». Deshalb hier die Musikkolumne zum Dritten. Heutiges Thema: Lebensphilosophie schon im Titel des Songs und in den Songtexten. Hier meine Top 15 diesbezüglich – wieder mit einem ernsthaften und einem zwinkernden Auge.
1 Herbert Grönemeyer – «Halt mich» aus dem Album «Ö» (1995)
«Gröni» hat bis heute fast nur grosse Melodien und anspruchsvolle bis kryptische Texte geschrieben. Besser kann man Trost nicht ausdrücken:
«Halt mich nur ein bisschen, damit ich schlafen kann. Will langsam mit dir untergehn. Deck mich zu mit Zärtlichkeiten. Schön, dass es dich gibt.» (Gänsehaut garantiert spätestens beim darauffolgenden Saxophon-Solo)
2 Peter Maffay – «Nessaja» aus «Tabaluga oder die Reise zur Vernunft» (1983)
Maffay hat 50 Jahre deutsche Musikgeschichte geprägt. Sein Ausflug in die Kinderwelt mit dem kleinen Drachen Tabaluga hallt wie vieles von «Du» bis «Über 7 Brücken» bis heute nach: «Ich wollte nie erwachsen sein. Hab immer mich zur Wehr gesetzt. Irgendwo tief in mir, bin ich ein Kind geblieben. Erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann, weiss ich es ist für mich – zu spät.»
3 Wolfgang Petry – «Du bist ein Wunder…» aus der gleichnamigen CD (1994)
«Wolle» mit Wuschelkopf und einem halben Kilo Armbändchen hatte immer ein Händchen für grosse Melodien und prägnante Texte. Sein ironischster Hit, der auf dem Dorffest lief – ziemlich fest aus dem Leben gegriffen: «Du bist ein Wunder, so wie ein Wunder… ein wunder Punkt in meinem Leben. Ich hab versucht, dich zu vergessen, doch ich schaff’ es einfach nicht. Weil man ein Wunder, das man erlebt hat, nie mehr vergisst.»
4 Basis – «Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte» aus «Hier kommt die Basis» (1998)
Die deutsche Hip-Hop Band hatte erstaunlich sinnvolle Texte (so auch «Ich will euer Leben nicht»), mein liebster geht so: Sie zählen auf, was sie alles machen würden, wenn ihr Tod unmittelbar bevorstehen würde, und lösen dann auf: «…All das macht mich froh – warum leb’ ich dann nicht immer so – immer so – immer so?» Im darauffolgenden Trompetensolo ist wieder Zeit zum Nachdenken…
5 Bonnie Tyler – «Loving You Is A Dirty Job, But Somebody’s Gotta Do It» (1985)
Bonnie wurde bekannt mit «It’s A Heartache» und «Lost In France» und hatte mit «Total Eclypse Of The Heart» einen Überhit. Sie ist heute noch aktiv und sieht «dank» Botox alterslos aus. Der Song mit dem überlangen Titel ist so herrlich realitätsnah und geerdet: «Dich zu lieben ist ein Drecksjob, doch irgendwer muss ihn ja tun…»
6 Beatrice Egli – «Alles kann, gar nichts muss» aus «Bunt» (2020)
Ich hab Beatrice an einer Schlagernacht in Luzern schon live gesehen, sie gehört nicht zu meinen Favoriten. Doch: dieser Technoschlager ist schmissig (am besten das Autoradio voll aufdrehen) gut getextet, ja richtig philosophisch. Er gipfelt in der Aussage: «Fessle mich, doch eng’ mich nicht ein». Ja, was denn nun? Grübel und studier… ein ewiges Rätsel für die ganze Männerwelt… Der Titel kann total begeistern, muss aber gar nicht…
7 Aerosmith – «Amazing» aus «Get A Grip» (1993)
Fun Fact: Als die CD der «Luftschmiede» rauskam, meinte ich «Get A Grip» heisse «eine Grippe bekommen», doch es bedeutet «Halt finden». Der Song beschreibt Steven Tylers Loskommen von der Drogensucht. Hier die Zeile, die mich geprägt hat (ohne jemals mit Drogen zu tun gehabt zu haben): «Life is a journey, not a destination» Es geht im Leben ums Unterwegssein, nicht ums Ankommen. Weiter im Text: «Wie hoch kannst du fliegen mit gebrochenen Flügeln? Du kannst eh nicht sagen, was morgen sein wird…»
8 Zucchero Sugar Fornaciari – «Il mare impetuoso…» aus «Oro, Incenso e Birra» (1989)
Meinen italienischen Lieblingssänger entdeckte ich 1987, als ich ein Jahr in Lugano lebte. Zucchero war damals voll im Blues und extrem kreativ. Er machte sich einen Spass daraus, auf jeder CD einen Titel zu komponieren, der einen überlangen Titel hatte. Auf deutsch heisst derjenige auf «Gold, Weihrauch und Bier» hochliterarisch: «Das rauschende Meer bei Sonnenuntergang erhob sich über dem Meer und hinter einem Vorhang aus Sternen».
9 Udo Jürgens – «Immer wieder geht die Sonne auf» aus «Was ich dir sagen will» (1967)
Die zwei grossen Udos gehören für mich zu den Idolen meines Lebens. Ich hörte immer schon von Schlager aus der ZDF-Hitparade bis zu Hardrock à la Deep Purple, Rainbow, AC/DC, querbeet alles. Jürgens hat grosse Texte zu fast klassischen Melodien verfasst und tingelte 10 Jahre, bevor er den Durchbruch am Grand Prix Eurovision mit «Merci Chérie» schaffte. «Und immer immer wieder geht die Sonne auf – und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht.Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht, die…. gibt es nicht.»
10 Monty Python – «Always Look On The Bright Side of Life» aus «Life of Brian» (1979)
Der Song wird sowohl an Fussballmatches als auch an Beerdigungen gespielt – ein wahrer Allround-Klassiker. Die bekanntesten Protagonisten des britischen Humors haben hier einen Song geliefert, der kaum zu toppen ist. Schrägste Zeilen auf deutsch:«Wir kommen von nirgendwoher, wir gehen schliesslich ins Nichts, was können wir also verlieren? – Nichts!»
11 Gebrüder Blattschuss – «Kreuzberger Nächte» aus «Bla Bla Blattschuss» (1978)
Die «inoffizielle Hymne West-Berlins» war ursprünglich der «Rausschmeisser-Song» an den Konzerten der kompletten «Anti-Stars». Er war eigentlich als Parodie auf Stimmungslieder gedacht, entwickelte sich aber versehentlich zum Hitparaden-Futter, wo die Gebrüder nie hinwollten… Höhepunkt des literarischen Schaffens: «Frühmorgens wach ich auf, 16 Uhr 10 – die ganze Welt scheint sich um mich zu drehn. Nur im Magen fühle ich mich nicht so recht – eins von den dreizehn Bierchen gestern war wohl schlecht…»
12 Juliane Werding – «Wenn du denkst du denkst…» aus dem gleichnamigen Album (1975)
Im Lied geht es um eine junge Frau, die sich im Skatspiel in einer Kneipe gegen eine Gruppe Män-ner behauptet. Der Titel ist etwas unlogisch, doch mit jedem Drink wird er besser: «Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst – Ein Mädchen kann das nicht – Schau mir in die Au-gen – Und dann schau in mein Gesicht.» Anspieltipps von Juliane Werding: «Das Würfelspiel» (bester integraler Schlagertext ever) und «Am Tag, als Conny Kramer starb».
13 Unheilig – «Geboren um zu leben» aus «Grosse Freiheit» (2010)
Der «Graf» schrieb grosse Songs, seine tiefe Stimme begeistert besonders die Frauen bis heute. Sein grösster Hit und wohl grösster Text: «Ich denke an so vieles, seitdem du nicht mehr bist. Denn du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist.»
14 SIDO – «Seniorenstatus» aus «Aggro Berlin» (2009)
SIDO steht für Superintelligentes Drogenopfer. Bürgerlich heisst er Paul Hartmut «Siggi» Würdig und hat seit 2004 grossen Erfolg und den Respekt über Generationen hinweg. Seine Riesenhits «Bilder im Kopf», «Sie ist weg», «Hey Du» und «Astronaut» sind intelligent getextet und haben einen unwiderstehlichen Flow. Meine Lieblingspassage aus dem Knaller «Seniorenstatus»: «Ich bin so alt, ich kenn’ sogar die Bee Gees noch» (der ganze Text ist eine Wucht!)
15 The Muppets – «Mah Nà Mah Nà» aus der legendären Sesamstrasse (1969)
Die Muppets beweisen, dass es in Liedtexten nicht immer um Liebe, Herzschmerz und Verlust gehen muss, und dass sie nicht zwingend tiefgründig sein müssen, um beliebt zu sein. «Mah Nà Mah Nà» ist einer der berühmtesten Songs der Muppets, der in aller Welt innig geliebt wird, und er bedeutet … absolut nichts!
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt