Kalle's Musik-Corner: Jaël live mit «Lieblingslieder» - Musikalische Lebensreise
Eine der berührendsten Stimmen der Schweiz, Jaël, die Leadsängerin bei Lunik war, live on stage und nach dem erfolgreichen Konzert noch für den «Michelsämter» zu sprechen. Nachdem sie im Januar anlässlich des Lilu Lichtfestivals Luzern in der Jesuitenkirche gespielt hatte, war es diesmal ein komplett anderes Programm und eine andere Band.
Im Format «Lieblingslieder» des Casinotheaters Winterthur kommen nationale Musikgrössen ans Mikrofon, die Songs präsentieren, die sie auf ihrem musikalischen Weg geprägt haben. Fast fünfzehn Jahre sang Jaël als Frontsängerin in der Band Lunik. Seither ist sie erfolgreich als Solokünstlerin unterwegs. Die London Times schrieb über die Sängerin: «Hervorragende Stimme, grossartige Bühnenpräsenz». 2021 stellte sie in der TV-Show «Sing meinen Song» ihre musikalische Vielfältigkeit unter Beweis. Am vergangenen Freitag spielte sie in Winterthur mit der Casino-Hausband.
Von Mani Matter bis Metallica
Jaël eröffnete den Abend mit ihrem bekannten Mani-Matter-Cover «Warum syt Dir so truurig?». Sie hatte 20 Songs entlang ihrer bisherigen Lebensgeschichte ausgewählt und erzählte zu jedem eine Geschichte. Über Musik lernt man Menschen besser kennen, Vorlieben sagen viel aus über jemanden. Und wenn er selber komponiert und singt, ist dies noch interessanter. Ein Highlight war ihr erstes Lied, das sie je auf einer Bühne interpretierte, «Nothing else matters» von Metallica. In der Kindheit hörte sie Reinhard Mey, Howard Carpendale und Nino de Angelo, später waren grosse Inspirationen Elton John, Suzanne Vega, Queen und Sting, dessen «Fields of Gold» sie à la Eva Cassidy zusätzlich stimmlich vergoldete. Auch «Fast Car» von Tracy Chapman und «Hungry Eyes» aus Dirty Dancing kamen überzeugend rüber und weckten viele Erinnerungen.
Trip-Hop als grosse Prägung für Lunik
Nach einem Ausflug in den Reggae war Trip-Hop aus Bristol von Morcheeba, Massive Attack und Portishead stilbildend für die frühen Lunik. Ein weiteres emotionales Highlight waren Coldplays «Fix you» und «Here with me» von Dido, wo sowohl Jaëls Stimme als auch die gesamte Band grossartig zur Geltung kamen. Glen Hansards Song «When Your Mind’s Made Up» berührte ebenfalls, diese «Geistes-Klärung» regte Jaël an und wünschte sie sich gleichzeitig. Nach Lunik inspirierte sich Jaël ausgiebig in den Nordländern, etwa mit den Cardigans oder mit Tina Dico, einer bei uns wenig bekannten Sängerin aus Dänemark. Schliesslich präsentierte sie ihre neuste Vorliebe für Country mit der Tochter von Hank Williams, mit Holly Williams' «Drinkin'», um in den Zugaben noch auf Johnny Cash zu kommen. Das allerletzte Stück war dann passend Reinhard Meys «Gute Nacht, Freunde». Nach dem Konzert sah man viele glückliche, begeisterte Konzertbesucher:innen in die Polarlicht-Nacht entschweben...
Jaël, was ist dir nach dem Konzert durch den Kopf und durchs Herz gegangen?
Ich war glücklich beseelt und sehr ergriffen und noch eine Weile «etwas neben den Schuhen», einfach weil schon die ganze Vorbereitung für diese «Reise durch mein Leben» sehr aufwühlend gewesen war. Zudem war ich positiv überrascht, wie wohl ich mich stehend auf der Bühne fühlte mit wiedermal etwas mehr «Wumms», da ich ja seit Jahren an meinen akustischen Konzerten sitze.
Wie ist es zur Affiche «Lieblingslieder» im Casinotheater Winterthur gekommen?
Da mein Gitarrist Domi Schreiber Bandleader der Casinotheater Hausband ist, wusste ich schon seit einer Weile, dass es diese Reihe gibt und hatte mein Interesse bekundet. Umso schöner, hat es dann auch geklappt! Den Ort finde ich eh grossartig und die Idee sehr toll!
Bestimmt hast du in der einmonatigen Vorbereitungsphase viele Lieder ausgewählt und wieder verworfen. Wie lief der Prozess der Songauswahl für dich?
Die Auswahl der Lieder lief über ein halbes Jahr… ich schrieb immer wieder Songs auf, verwarf dann, hatte etwa 50 Songs auf der Liste und musste recht «büschele» bis ich das Set stimmig empfand und für jede wichtige Lebensphase den richtigen «Stellvertreter». Wenn man mal anfängt zu suchen, findet man so viele Erinnerungen und alle Lieder scheinen wichtig, aber dann muss es ja irgendwie auch zu meiner Stimme passen. Am Ende war ich aber sehr zufrieden und mit einigen Tonhöhe-Anpassungen war das prima singbar für mich.
Was sind deine nächsten musikalischen Pläne?
Ich singe dieses Jahr noch etliche akustische Jaël-Konzerte im Trio oder Quartett und auch Sensibelikonzerte, mein Familienmusikprojekt, das ebenfalls nun in Deutschland rauskam, weswegen wir auch einige Auftritte in Deutschland damit geben werden. Zudem singe ich über Pfingsten zweimal mit Gus MacGregor in Bern seine wunderschönen folkigen Singer-Songwriterlieder im Duo und am 8. Juni mit dem Ensemble Paul Klee am Klangantrischfestival schöne Versionen ausgewählter Lunik- und MiNa-Lieder. Mir wird somit grad nicht langweilig. Zudem arbeite ich an zwei weiteren schönen Projekten, die aber beide noch nicht spruchreif sind, mir aber sehr am Herzen liegen.
Wann bist du wieder mal in der Zentralschweiz?
Mmh… das nächste in eurer Gegend wäre wohl momentan das Boanda Openair in Gunzgen am 30. Juni. Ich muss wohl mal mit meinem Booker über die Bücher!? Was wären denn schöne Venues in der Zentralschweiz für ein bestuhltes akustisches Konzert für Geniesserpublikum? Ich komme immer gerne in die Zentralschweiz.
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt