Kalle's Musik Corner: Living Legend Elvis Costello live im KKL Luzern
Der britische Rockmusiker Elvis Costello, der sich seit den 70er-Jahren einen Status als begnadeter Songwriter und Chamäleon der Musikszene erarbeitet hat, beehrte diesen Dienstagabend das KKL Luzern. Nur die besten Konzertsäle sind gut genug für seine Tournee: Sie startete in Rom, letzte Stationen waren die Elbphilharmonie in Hamburg, das «Concertgebouw» in Amsterdam, das Théatre du Léman in Genf und nun das KKL.
Ich habe ihn vor Jahren mal am Blue Balls im KKL erlebt und war total begeistert. Er hat 500 starke Songs geschrieben, etwa 15 seiner total 37 Alben habe ich mir angeschafft. Nun ist Elvis Costello also wieder unterwegs, ohne Band, «nur» mit Pianist Steve Nieve, dem langjährigen Weggefährten und Freund, der früher Mitglied der legendären englischen Ska-Band «Madness» war. Im KKL in Luzern spielen sie ihr einziges Deutschschweizer Konzert. Nieve ist klassisch ausgebildeter Pianist. Er allein war schon eine Wucht, und im kongenialen Zusammenspiel mit seinem Freund Elvis Costello entstand Magie. «Wir werden mit einer Reihe von Songs starten, von denen wir denken, dass sie das Publikum hören will», sagten sie vorab an einer Zoom-Konferenz mit 30 Musikjournalisten aus ganz Europa. Costello schöpft für diese Tournee aus einem riesigen Materialfundus von über 400 Songs, eigenen und fremden. Man kann nicht genau wissen, was einen erwartet, keine Show ist gleich, was früher ganz normal war, heute aber selten geworden ist. Doch Costello streute wie versprochen seine Hits ins Set ein: «(What’s So Funny ‘Bout) Peace, Love and Understanding» von 1974, «Alison (My Aim Is True)» von 1978 und «Watching The Detectives» in einer fesselnden Version des New-Wave-Reggae-Stücks. Auch «I Want You» von 1986, der Song über Eifersucht und Obsession, funkelte hell. Herausragend gelang ihm auch die Ballade «Country Darkness» aus meinem Lieblingsalbum «The Delivery Man» von 2004.
Zwischen allen Stühlen bestens aufgehoben
Der 69-jährige Londoner ist als Musiker nie stehen geblieben, war in 40 Jahren für manche Überraschung gut. So hat er etwa 2013 mit der ebenso legendären US-amerikanischen Hip-Hop-Band The Roots um Rapper Black Thought und Schlagzeuger Questlove ein grossartiges Album aufgenommen – «Wise Up Ghost». Zahllose Kollaborationen, z. B. mit Paul McCartney seinen grössten Hit «Veronica», Blues mit Pianist Allen Toussaint, Country-Folk mit T-Bone Burnett, ein Rockalbum mit The Imposters («The Boy Named If», 2022), dazu Punk, Rock ’n’ Roll, Kammermusik – und immer ganz viel Charakter in der Stimme, ob sanft oder rockig. Essenziell war die Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Pianisten und Komponisten Burt Bacharach, der im Frühjahr verstorben ist. Aus dieser Kollaboration hat Elvis Costello besonders viel mitgenommen, u. a. für das Album «Painted from Memory» (1998) . Diesmal spielte er «God Give Me Strenght» und «She» in berührenden Versionen.
Eine Runde durch das KKL
Nach der Zugabe spielte er noch eine, ohne Mikrofon, und drehte eine Runde durch das KKL. Beim Zurückkommen auf die Bühne nahm er einige aus dem Publikum mit, bedankte sich herzlich bei Luzern, bei allen Helfern und umarmte jeden aus dem Publikum, der ihm auf die Bühne gefolgt war. So entstand noch mehr eine Atmosphäre des Miteinanders, wie sie im KKL nicht alle Tage vorkommt. Jede und jeder nahm die tollen Melodien und Momente in die dank der Määs herrlich illuminierte Nacht und in die Leuchtenstadt hinaus.
Unglaublich druckvoll, vielseitig und doch eigenständig
Das Konzert hat begeistert und war auf sehr hohem musikalischem Niveau. Costellos Stimme hat in den letzten Jahren etwas gelitten, doch das macht er mit Reife, Präsenz und Conferencier-Charme wett. Ja, er kann halt mit seiner Stimme sehr viel: flehend, tremolierend, schmeichelnd, brüchig, aber, und das ist das Faszinierendste, trotzdem so unglaublich druckvoll und eigenständig. Auf diesem Singer-/Songwriterniveau sind für mich nur noch Randy Newman, Bob Dylan, Peter Gabriel, Van Morrison und Bruce Springsteen.
Als Nächstes geht Costello wieder in den USA auf Tournee, diesmal wieder mit seiner Band «The Imposters» (deutsch: die Hochstapler). Wenn er wieder mal in die Schweiz kommt – ich bin wieder dabei!
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt