Kalle's Musik-Corner live im KKL: Die legendären «The Manhattan Transfer» auf Abschiedstournee
«The Manhattan Transfer», die wohl legendärste und vielseitigste Gesangsformation auf Erden, die sagenhafte 10 Grammys gewann, machte innerhalb ihrer «World Farewell Tour» Station im KKL Luzern. Manhattan oder nöd... Und sie haben alles und spielen nur in den besten Konzertsälen! Sie verabschiedeten sich mit ihrem allerletzten, praktisch ausverkauften Konzert in der Schweiz von ihren vielen Fans.
Sie bestehen aus den Sängerinnen Janis Siegel (71) und Cheryl Bentyne (69) sowie den Sängern Alan Paul (74) und Trist Curless (51), der den 2014 verstorbenen Bandgründer Tim Hauser ersetzte. Alle vier sind sie begnadete Vokalisten. Dazu der seit 1979 als Musical Director der Band amtende Yaron Gershovsky am Piano und Keyboard, Boris Kozlov am Bass und Ross Pederson an den Drums. Ihr Name verweist auf den bis 1937 bestehenden Umsteigebahnhof Manhattan Transfer in New Jersey, von dem aus man mit Elektrozügen durch einen Tunnel nach Manhattan gelangte.
Eine Liebeserklärung an Luzern
Zu Beginn des Konzerts begrüssen sie ihr Publikum herzlich: «Luzern ist einer unserer liebsten Orte auf der Welt, wir haben wunderbare Erinnerungen an die Stadt», sagen sie. Sie wechseln sich in der Anmoderation der Songs ab, jeder weiss schöne Geschichten dazu spannend zu erzählen.
Ob Jazz, R&B, Pop, Rock'n'Roll, Salsa oder Swing, sie fühlen sich in jedem Stil zu Hause. Ihr Markenzeichen sind die raffinierten vierstimmigen Arrangements. Sie beherrschen die ganze Kunst des mehrstimmigen Gesangs. Ihr grösster Hit ist vielen heute noch im Ohr und brachte alle im KKL zum Tanzen: «Boy From New York City», geschrieben 1964, 1981 von The Manhattan Transfer ganz gross herausgebracht.
Musikgeschichte geschrieben im Pop und im Jazz
Das Quartett, einmal umbesetzt, schrieb 1981 Musikgeschichte, als es sowohl einen Grammy für Jazz als auch einen für Pop bekam: Pop für «Boy From New York City», Jazz für «Until I Meet You». Sie fanden ein Millionenpublikum und sind im besten Sinne «Old School», ohne sich neuen Einflüssen zu verschliessen. Ihr Repertoire reicht von bekannten Stücken aus der Swing-Ära über Doo-Wop und Jive bis zu Pop-Welthits, mit denen sie die Hitparaden stürmten. Besonders spektakulär ist ihre Vocalese-Technik: In geradezu halsbrecherischer Manier werden instrumentale Jazzsoli mit unglaublicher Präzision und unüberbietbarer Intonationssicherheit nachgesungen. Besonders gut an kam beim Publikum das Stück «Cantaloop» , 1964 vom Jazzpianisten Herbie Hancock geschrieben und 1992 von der Band US3 genial gecovert: Blue Note meets Hiphop, ein Meilenstein der Musikgeschichte. The Manhattan Transfer werden ihm voll gerecht, das Publikum ist aus dem Häuschen. «Groovy, groovy, jazzy, funky...», wie es in dem Song heisst, so ist es hier wirklich...
Chanson d' Amour...
Viele kennen noch den Song «Chanson d’Amour», ein Remake des Lieds, das zuerst 1958 von Art and Dotty Todd gesungen wurde, das 1977 in Grossbritannien und Australien die Nr. 1 wurde und ebenfalls die Top Ten in Deutschland, Norwegen, den Niederlanden und der Schweiz erreichte. Sie spielten es als letzte Zugabe, als die Stimmung überkochte, was im KKL immer wieder schön zu erleben ist. Der Spannungsbogen des Konzerts ist grossartig, es bleibt immer spannend und abwechslungsreich. Auch die zwei Ausflüge in die brasilianische Musik, besonders das Stück «Bahia», aber auch ihr Hit «Tequila», gelingen exzellent. So auch «Birdland», ein weiterer ihrer Hits. Sie gedenken auch der Legende Ella Fitzgerald, mit der sie zusammen gespielt haben, die beim ersten Zusammentreffen nach ihrer Gesangseinlage bescheiden gefragt haben soll: «Ist das ok so?»
Gute Musik geht nie in Rente
Nach dem Konzert kann der «Michelsämter» sogar noch kurz mit dem Musical Director Yaron Gershovsky sprechen: «Ich bin überwältigt vom warmen Empfang, den uns Luzern einmal mehr bereitet hat. Als Nächstes spielen wir in Linz (Austria), bevor es über Italien, Finnland, Ungarn nach Kanada und in die USA geht.» Man hat das Gefühl, sie seien noch voll im Saft, doch sie sagen, dass das viele Reisen einer langen Tournee an ihren Kräften zehre und nicht mehr so einfach gehe wie früher. Dennoch haben sie 2018 mit «The Junction» und 2022 mit «Fifty» noch gut beachtete neue Alben rausgebracht. Gute, echte, leidenschaftlich gemachte Musik geht sowieso nie in Rente...
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt