Kalle's Musik-Corner live im Hallenstadion: Hello Again! - «Howie» kann's noch immer!
Wenn ein Rock-, Pop- und Blues-Fan an ein Konzert eines Schlagersängers geht, muss das eine spezielle Geschichte sein… «Ti amo», «Hello Again», «Tür an Tür mit Alice» haben unauslöschliche Spuren hinterlassen, und viele weitere Carpendale-Evergreens haben meine Kindheit und Jugend begleitet.
Er war schon da, als ich mich für Musik zu interessieren begann. 1969 hatte der in Südafrika Geborene mit einer deutschen Coverversion des Beatles-Songs «Ob-La-Di, Ob-La-Da», den ich immer geliebt habe, ja der meine erste musikalische Erinnerung ist, seinen ersten Hit. Ein Jahr später belegte er mit «Das schöne Mädchen von Seite Eins» den ersten Platz beim Deutschen Schlager-Wettbewerb 1970. Und er ist, inzwischen 78, immer noch da (nachdem er sich 2003 mal für einige Jahre zurückgezogen hatte) und steht auf den ganz grossen Bühnen. Wenn man von Legenden in der deutschen Musikszene spricht, kommt man neben den beiden Udos, Udo Lindenberg und Udo Jürgens, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen an seinem Namen nicht vorbei: Howard Carpendale. Seit 57 Jahren ist seine Musik der Soundtrack, den das deutschsprachige Europa seit der ZDF Hitparade nicht mehr aus dem Ohr bekommt und noch heute die Playlisten erobert. Seine neuste Tour, seine 23., und das neuste Album, sein 36., neben vielen Compilations und Live-Alben, sind betitelt mit «Let’s Do It Again».
Doch dahin war es ein weiter Weg, auch Carpendale hatte Durststrecken, hatte nicht von Anfang an Erfolg: Nach erfolglosen Versuchen als Beat-Sänger und Elvis-Presley-Imitator in Südafrika siedelte er 1966 in das Vereinigte Königreich über. Dort arbeitete er unter anderem als Sänger einer Beat-Band. In Deutschland trat er erstmals in einem Wirtshaus in Norddeich auf. Nach dem Erwerb einer Aufenthaltsgenehmigung blieb er in Deutschland und tingelte einige Jahre durch weitere Lokale, bevor 1970 der Durchbruch kam.
Von Konfuzius inspiriert, wer hätte es gedacht...
Mit seinen grössten Hits hat er im deutschsprachigen Raum Musikgeschichte geschrieben. Ganz gleich, ob «Ti Amo» (1977), «Hello Again» (1984), «Nachts, wenn alles schläft» oder «Tür an Tür mit Alice» – vor allem live haben seine Hits und Performances nichts von ihrer mitreissenden und einnehmenden Wirkung verloren. Auch nach über 50 Millionen verkauften Alben und einer jüngst ausverkauften Open-Air-Tournee, kann Carpendale immer noch seine Stärken ausspielen: Er hat eine starke Stimme und viel Charme mit seinem typischen südafrikanischen Akzent, hat viele Titel selber komponiert, andere geschickt adaptiert und später symphonisch oder im Duett neu eingespielt. Er muss sich nicht mehr an den Gesetzmässigkeiten des Marktes orientieren, muss nichts mehr beweisen, er darf sich das erlauben, was ihn als Künstler noch immer beliebt macht. «Ich habe mir in meiner Karriere nie etwas vorschreiben lassen, sondern immer nach meinem Gefühl gehandelt», sagt er. Im Konzert zitiert er mehrmals Konfuzius, so auch sein Lieblingszitat: «Was du liebst, lass' frei.», was ihn 1980 zu «Wie frei willst du sein?» inspiriert hat. Er hat nicht den Tiefgang eines Udo Jürgens, nicht die Coolness eines Udo Lindenberg, doch immer wieder den Ehrgeiz, seine Songs mit einer starken Band in ein neues Kleid zu tauchen, was nicht immer gleich gut gelingt und manchen Nostalgiker eher erschreckt. Doch die noch immer zahlreichen Hardcore-Howie-Fans sind aus dem Häuschen und kennen jede Textzeile und jeden Ton ihres Idols.
«Willkommen auf der Titanic» noch immer aktuell wie 1988, als er es schrieb
Sehr stark gelingen die Titel «Laura Jane», «...dann geh doch», «Eine Nacht in New York City» und das wenig bekannte «Wild Horses», das in Südafrika ein Nr.-1-Hit war. Berührend das vor 35 Jahren zur Geburt seines zweiten Sohnes Cass geschriebene «Willkommen auf der Titanic», mit dem er die erste Hälfte beschliesst, das leider nichts von seiner Aktualität und Dringlichkeit verloren hat.
Fazit: Ja, obwohl ich sonst meist ganz anderen Sound höre, das Konzert hat mir gut gefallen, die Reise nach Zürich hat sich gelohnt. Es hat mich beeindruckt, dass sich Hardcorefans schon vor einem Jahr Karten besorgt haben, um sicher dabei sein zu können. Ich erinnerte mich bei den Songs oft noch an die Originalversionen, wo seine Stimme noch stärker war und nie in der Wucht der Band oder in der teilweisen Überambition der etwas aufgesetzten Trendigkeit unterging. Einige Songs, die ich sehr mag aus der Kindheit, wie «Deine Spuren im Sand» und «Nimm den nächsten Zug...» haben mir gefehlt. Doch für die Gesamtperformance hat Howard Carpendale Höchstnoten verdient und holt mit seinem Konzert Nostalgiker, Fans von tollen Melodien und von starker musikalischer Umsetzung mit einer wuchtigen Band ab.
Fun Fact: Der Titel «Hello Again» sollte 1984 ursprünglich «Alone Again» heissen. So wäre er jedoch kaum ein so grosser Hit und Evergreen geworden...
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Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt