Kalle's Musik-Corner auf der Spur von Legenden: Reggae-Party mit UB40 im Volkshaus Zürich (mit Bildergalerie)
Wer kennt sie nicht? UB40 sind eine ikonische Reggae-Band aus Birmingham (GB), die 1978 gegründet wurde. Auf ihrer aktuellen Europatournee spielten sie ein einziges Konzert in der Schweiz. Das 120-jährige, ehrwürdige Volkshaus in Zürich war ausverkauft mit um die 1600 Fans. UB40, die ihr 45-jähriges Bestehen feiern, boten eine Reggae-Party mit ihren grossen Hits und neuem Material.
Mit über 50 Top-Hits allein in England und über 80 Millionen verkauften Alben zählen UB40 zu den erfolgreichsten Reggae-Bands der Musikgeschichte. Kaum eine andere Gruppe hat – Bob Marley natürlich ausgenommen – so viel zur weltweiten Popularisierung der Reggaemusik beigetragen wie die aus Birmingham stammenden und 1978 gegründeten UB40. Anfangs noch vom Ska-Revival der Specials oder Madness profitierend, landeten sie einen Hit nach dem anderen, oft auch mit Coverversionen wie «Red Red Wine», geschrieben 1968 von Neil Diamond, mit dem sie im Mainstream ankamen, oder «(Can’t Help) Falling in Love», das Elvis Presley 1961 interpretierte. Ob sie wohl auch in Zürich wieder mit ihrem unverkennbaren ikonischen Reggae begeistern? Im Gepäck mit dabei: Ihr 2024 eingespieltes einundzwanzigstes Studioalbum «UB45».
Fast ein Weihnachtsmärchen...
Eigentlich ist es fast ein Weihnachtsmärchen: Eine Horde Arbeitsloser macht aus dem Arbeitslosengeld-Antragsformular «Unemployment Benefit Form 40» den Bandnamen, wird entdeckt, montiert aus Reggae, Ska und ein bisschen Punk eingängige Reggae-Songs mit sozialkritischen und antirassistischen Texten, die in den ersten Jahren ein Alleinstellungsmerkmal haben, sie reich machen und die inhaltlich heute noch aktuell und gut gealtert sind, weil sie immer noch die Massen und auch Jüngere begeistern. Ihre ersten Instrumente kauften sie übrigens von dem Schmerzensgeld, das Sänger Ali Campbell nach einer Schlägerei in einer Bar zugesprochen bekam. Das müsste man fast verfilmen, oder ein Musical draus machen.
Start mit Nahrung fürs Hirn oder eben «Food for Thought», dem Weihnachtslied von UB40
Richtung Kultstatus katapultiert wurde die Band 1980, als Chrissie Hynde, die grossartige Sängerin der Pretenders, diese bei einem Clubkonzert zu Gesicht bekam und den Musikern anbot, bei ihrer Tour 1980 als Vorgruppe mitzufahren. Die Band willigte ein und bekam den ersten Plattenvertrag mit einem Indie-Label. Sie konnte sich noch nicht mal ein Studio leisten. Noch während der Tour veröffentlichten sie ihre erste Single, die Eigenkomposition «Food for Thought» (Gedankenanstoss), die bis auf Platz 4 in den englischen Charts kam. Es ist eigentlich ein Weihnachtslied: Die Band wollte mit diesem Lied auf die Ungerechtigkeit in der Welt aufmerksam machen, dass wir im Überfluss leben, ja wohlstandsverwahrlost sind, während andere in bitterster Armut leben. Es gipfelt im Aufruf, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen. Ein Musikkritiker schrieb: «Noch immer der beste Song von ihnen, in jeder Hinsicht. Sie hätten weniger covern und mehr selber schreiben sollen.»
«Sing Our Own Song»
Im selben Jahr erschien das Debüt-Album «Signing Off», welches sich in England sehr gut verkaufte und Platz 2 der Charts erreichte. Mit «Signing Off» schufen UB40 einen auf Reggae basierenden Indie-Underground-Sound, zu dem es bis zu diesem Zeitpunkt nichts Vergleichbares gab. 1988 performte die Band bei einem Konzert zu Ehren des damals noch im Gefängnis sitzenden südafrikanischen Politikers Nelson Mandela ihren grössten Hit «Red Red Wine» und ernteten dafür euphorischen Applaus. «Sing Our Own Song» aus «Rat In The Kitchen» (1986), eine erfolgreiche Eigenkomposition, thematisiert Südafrika, ist ein Anti-Apartheid-Song und wurde in Südafrika zensuriert.
Das Mauerblümchen, das eine wunderbare Frau ist...
Mit Chrissie Hynde nahmen sie später die Hits «Breakfast in Bed» (1969 von Dusty Springfield) und «I Got You Babe» (ursprünglich von Sonny & Cher, 1965) auf. Grosse Charterfolge hatten sie mit Cover-Songs wie «I’ll Be Your Baby Tonight», geschrieben von Bob Dylan, interpretiert mit Robert Palmer und «Kingston Town», 1970 von Lord Creator geschrieben. Meine persönlichen Lieblingslieder der Band sind «Homely Girl», also Heimchen/Mauerblümchen, ursprünglich von den Chi-Lites im 1973, und «The Way You Do The Things You Do», ursprünglich der erste Hit der Temptations im 1964. Dies waren ursprünglich Soulnummern. UB40 hatten ein gutes Händchen, Titel zu etwas Eigenem zu machen und die Erfolge der Originale deutlich zu toppen. 1993 brachten sie nochmals ein starkes Album raus, «Promises and Lies», ihr grösster Erfolg mit dem herrlichen Titel «Higher Ground», den sie selber geschrieben haben, und dem Überhit «(Can’t Help) Falling in Love». Schade ist, dass sie sich nachher kaum mehr weiterentwickelt haben und nur noch ihr Erbe verwalteten.
Die grossen Hits stark auf die Bühne gebracht
Das Set in Zürich ist abwechslungsreich, von Reggae-Balladen über neuere Dub-Nummern bis zu ihren schmissigen Hits. Die Jungen in der Band fügen sich gut ein, wenn auch die Stimmen von Duncan Campbell, der die Band im Streit verlassen hat, und Terence «Astro» Wilson, der vor zwei Jahren gestorben ist, fehlen. Eine Zeit lang gab es wegen Streitigkeiten zwei Formationen UB40, wie es mal drei Päpste gleichzeitig gab. Matt Doyle singt auch gut, jedoch weniger prägnant und ausdrucksstark als der ehemalige Leadsänger Duncan Campbell. Vor 7 Jahren hatten sie einen Auftritt in Zürich, der verrissen wurde: Nur 50 Minuten und als «lustlos» wurde er beschrieben. Das ist heute anders, wahrscheinlich merkten sie selber, dass sie so ihr Erbe, ihren Ruf verspielen: Zwei Stunden ohne Pause und viel Energie, wenn auch die Ansagen zu den Songs etwas uninspiriert wirken. Als sie ins Publikum fragen: «Wollt ihr noch einen Song aus dem neuen Album», ist es sehr still, doch der Song scheint schon eingeplant. Doch die ersten fünf Nummern und der Abschluss des Konzerts ist souverän, sie bringen die grossen Hits leicht modernisiert, doch insgesamt stark auf die Bühne.
UB40 sind im 2025 wieder in der Schweiz, am 9. April am Zermatt Unplugged. Die Story geht also weiter...
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt