Kalle's Music-Corner on the road: Auf der schönsten Seebühne Europas
Diese Woche fand die Premiere des Musicals «Io senza te» auf der Seebühne Thun statt. Nachdem ich schon die letzte Produktion «Mamma Mia» genossen hatte und der letzte Music-Corner um Nostalgie drehte, wollte ich mir dies nicht entgehen lassen, die zeitlosen Kompositionen von Peter Reber im Berner Oberland zu geniessen.
Das Musical lief 2015 bereits in Zürich und hatte 120 000 Besucher. Erstmals wird es nun in einer weiterentwickelten Fassung openair in Thun und zudem noch in der Heimat der Protagonisten gespielt – der Kreis schliesst sich.
Kein Zweifel: Der Berner Musiker, Komponist und Sänger Peter Reber ist mit über 40 Gold- und Platin-Auszeichnungen einer der erfolgreichsten Schweizer Künstler aller Zeiten. Er hat mit Peter, Sue & Marc, als Solokünstler und für andere Interpreten ein grandioses Oeuvre geschaffen.
Viermal am Song Contest in vier verschiedenen Sprachen
Peter, Sue & Marc waren von 1968 bis 1981 aktiv. Dass ihre Melodien heute noch so populär sind, ist nicht selbstverständlich und spricht für ihre Qualität. Peter Reber, Sue Schell und Marc Dietrich gründeten die Band 1968. Bei ihrem ersten Auftritt am Zibelemärit spielten sie fünf Lieder. Grösste Sorge: Welches Lied sollte man im Fall einer Zugabe wiederholen? 1971 nahmen sie erstmals für die Schweiz beim «Grand Prix Eurovision de la chanson», heute Eurovision Song Contest teil mit «Les illusions de nos vingt ans» (Platz 12). Mit «Djambo Djambo belegten sie beim Song Contest 1976 den 4. Platz. 1979 vertraten sie erneut die Schweiz und erreichten mit «Trödler & Co.» Platz 10. Dabei wurden sie von der Gruppe Pfuri, Gorps & Kniri unterstützt. Es war eine der ersten schön schrägen Nummern am Contest, einer Formel, die bis heute ziemlich ausgereizt wurde. Auch 1981 vertraten sie die Schweiz – zum 4. Mal. Damit sind sie die Gruppe, die für ein Land am häufigsten an diesem Wettbewerb teilgenommen hat. Ihr Titel «Io senza te», den sie auch auf deutsch aufnahmen, erreichte Platz 4. Somit sind sie auch die einzigen Teilnehmer am Wettbewerb, die in vier verschiedenen Sprachen (1971 Französisch; 1976 Englisch; 1979 Deutsch; 1981 Italienisch) für ihr Land antraten. Danach lösten sich Peter, Sue & Marc auf, sie waren beim Silvester-Teleboy 1981 letztmals zu sehen.
Eine neue Generation bringt es überzeugend rüber
Das Musical «Io senza te» ist ein sogenanntes «Jukebox-Musical»: Um die grössten Hits herum wird eine Story geschrieben – das Potpourri der Songs dient als roter Faden, der die Geschichte erzählt. Dabei werden einzelne Songs umgetextet, damit sie in die Story passen. Dass dabei Kompromisse gemacht werden müssen, liegt auf der Hand. Ihre Hits von 1979, «Tom Dooley», «Scotty Boy» und «Jerusalem» passten nicht in die Story und blieben deshalb aussen vor – andere Hits wie «Cindy» und «Memory Melody» scheinen nur kurz auf, während «Morning Sun», «Love Will Find A Way» und «Io senza te» in Variationen immer wieder aufscheinen, der Titelsong auch in einer überraschend tanzbaren, auf Disco getrimmten Version.
Extrem stark sind die drei Stimmen von Anja Häseli, von Ritschi und von Jörg Neubauer. Alle drei haben ebenfalls viel Ausstrahlung und schauspielerisches Talent. Auch das Orchester, das man unter der Bühne am Werk sieht, macht einen ganz tollen Job. Überhaupt fasziniert mich, der eigentlich am liebsten die Originale von früher hat, bei Musical-Produktionen immer wieder, wie viele Leute präzis und über Wochen eng zusammenarbeiten, damit das Gesamtkunstwerk optimal zur Geltung kommen kann.
Highlights waren für mich auch die humorvollen Dialoge: Domenico Blass hat ja schon jahrelang als Headwriter bei Giacobbo/Müller gewirkt. Herrlich die Umsetzung der Blödelnummer «Trödler & Co.» mit überraschendem österreichischem Schmäh.
Fazit: Die Reise an den Thunersee hat sich mehr als gelohnt. Das Musical, das noch bis zum 27. August läuft, kann vorbehaltlos empfohlen werden. Da ich einheimisches Schaffen generell schätze, habe ich mir für den Herbst schon Tickets für «Oh läck du mir» mit den Hits des unterschätzten Trio Eugster im Theater 11 gesichert.
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt