Jahreskonzert Blasorchester Rain: Mit der Zeitmaschine die Welt der Musik entdeckt (mit Bildergalerie)
Am vergangenen Wochenende startete das Blasorchester Rain drei Mal die Zeitmaschine, begeisterte mit präzis, druckvoll und vielfältig dargebotener Musik aus verschiedenen musikalischen Zeitaltern und lieferte ein stimmiges Gesamtkunstwerk ab.
Zeitreisen haben die Menschen immer schon fasziniert. Wenn man nach «Zeitmaschine» googelt, und auch wenn ich über Zeitmaschine nachdenke, kommt als Erstes der Roman «Die Zeitmaschine» von H. G. Wells, der 1895 erschien, und die geniale, jedoch vereinfachende zivilisationskritische Verfilmung gleichen Namens von Regisseur George Pal, die 1960 herauskam. Im Jahr 802.701, wohin der Protagonist schliesslich katapultiert wurde, lebten die Eloi im Sonnenlicht und die Morlocks unter der Oberfläche. Der Film wurde für gerade mal 750 000 US-Dollar gedreht und erhielt einen Oscar für die besten Spezialeffekte. So ist es mir noch in Erinnerung, in der hier gebotenen Kürze, dies wäre natürlich einen eigenen langen Artikel wert.
Pünktlich zum Start der Aufführung wurde Alexandra Suter mit ihrer Zeitmaschine, die nicht so wahnsinnig zuverlässig sei, ins Konzert in Rain katapultiert. Zuerst ging es ins Jahr 1996: Der Belgier Jan van der Roost komponierte «Conzensus», und die 71 Rainer Musikantinnen und Musikanten gaben gleich eine tolle Visitenkarte ab. Sie hatten nun mit ihrem Basler Dirigenten Thierry Rau ein halbes Jahr jede Woche für die Stücke des Abends geprobt.
Dramatische und spannende Kompositionen virtuos dargebracht
Als Nächstes ging es ins Jahr 1503 bis 1566, als Nostradamus lebte und wirkte. Er gilt als einer der grössten Wahrsager der Geschichte. Die verschlüsselten Prophezeiungen des Arztes und Wahrsagers, der Zeit seines Lebens verfolgt wurde, sorgen auch heute noch für Aufsehen. Der Komponist Otto M. Schwarz (geboren 1967) beschreibt 2002 das Leben und die Prophezeiungen von Nostradamus in beindruckenden musikalischen Bildern: Nostradamus, der Verfolgte, die Pest, die erste Liebe, Krieg, das Ende der Welt, aber auch die Rettung der Menschheit sind nur einige Themen dieser dramatischen und spannenden Komposition.
Es folgte wieder ein Zeitsprung ins Jahr 2008, als Eric Whitacre «The Seal Lullaby» nach einem Gedicht von Rudyard Kipling schrieb. Alexandra Suter las gekonnt einige Zeilen aus dem Gedicht vor. Im ruhigen Stück selber kam die Harfe der jungen französischsprachigen Gastmusikerin Lena Jallon bestens zur Geltung. Die Harfe wurde prominent eingebaut, da das Selbstwahlstück am Kantonalen Musikfest in Sursee ebenfalls Harfenklänge beinhalten wird.
Ein Zeitsprung ins 2. Jahrtausend vor Christus
Jetzt war wieder ein riesiger Zeitsprung fällig: Es ging zu Abraham, ins 2. Jahrtausend vor Christus. Dieses Tongedicht für Blasorchester von Ferrer Ferran von 2012 handelt von der alttestamentarischen Geschichte von Abraham, der bereit war, Gott bedingungslos das grösste Opfer zu bringen: seinen Sohn Isaak. In Ferrer Ferrans stark kontrastiver Komposition stehen die Emotionen, die diese Geschichte weckt, im Vordergrund: die Wonne des menschlichen und göttlichen Lebens im Gegensatz zu Sorge, Angst und Opfermut.
Nach der Pause und der humorvollen Begrüssung vieler Gastsektionen ging es vorwärts ins Jahr 1860: «Wellerman» oder auch «Soon may the Wellerman come» ist ein aus Neuseeland stammendes Walfängerlied und Shanty. Der 29-jährige schottische Pöstler Nathan Evans hatte mit dem Lied 2021 einen Welterfolg, sodass er nie mehr Post austragen muss. Damit war der modernere Teil des Konzerts so richtig lanciert.
Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen...
Präsident Patrick Amrein beanspruchte anschliessend 50 Sekunden der kostbaren Zeit der Konzertbesucher, was sich angesichts der vielen Jubilarenehrungen, Verdankungen und Jahresprogrammpunkte des nächsten Jahres als aussichtslos erwies, jedoch auch nicht so ernst gemeint war... Er schloss mit «Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen», was die Grosseltern jeweils sagten, und was immer noch Gültigkeit hat.
Es folgte eine Perle des Konzerts: «Coldplay in Symphony» mit einigen der grössten Hits der Über-Band wie «Clocks», «The Scientist», «Viva La Vida» und «Sky Full Of Stars». Fehlte nur noch «Fix You», doch dieses Lied wird von den Lüütertüütern aus Hildisrieden nahe der Perfektion gespielt. Vier Junge wurden vom Jugendblasorchester Oberer Sempachersee «nachgenommen». Sie durften gleich aus vier Stücken auswählen, was ihnen am besten zusagt. Silvan Aregger erzählt: «Wir hatten ein Medley von Michael Jackson, von Adele und von Queen und das von Coldplay zur Auswahl, und wir haben uns für Coldplay entschieden. Dem Publikum hat es sichtlich Freude gemacht, und uns auch.»
Alles dreht sich um die Zeitmaschine...
Nun ging es ins Jahr 1985: «Back to the Future» - ein gigantischer Erfolg, der bis heute nachwirkt, wer denkt z.B. nicht an Michael J. Fox... Alan Silvestri schrieb das Stück 1990. Es passt heute besonders gut, denn die Science-Fiction-Filmkomödie des Regisseurs Robert Zemeckis hatte ebenfalls eine Zeitmaschine. Der Film beinhaltet mehrere Hommagen und Anspielungen an andere Werke. Die Anfangsszene, in der man tickende Uhren sieht bzw. hört, ist eine Hommage an George Pals Film «Die Zeitmaschine» aus dem Jahr 1960, der mit einer ähnlichen Szene beginnt. Womit sich der Kreis schliesst.
Als Nächstes gings auf Verbrecherjagd mit dem «Theme from the A-Team». Der Song von Mike Post war 1983 in den Charts. Die Serie wurde von 1983 bis 1987 produziert und gehört zu den erfolgreichsten amerikanischen Fernsehsendungen dieses Zeitraums.
... und dann doch noch der obligate Marsch
Es folgte ein radikaler Stilwechsel: der obligate Marsch: «Gruss an das Worblental» von Komponist und Blasmusiklegende Stephan Jäggi. Wo das Worblental liegt: im Kanton Bern, da wo Worb liegt und Stettlen und Ittigen. Schon wieder etwas gelernt.
Schliesslich wurde der Abend beschlossen mit einem mitreissenden Medley von Robbie-Williams-Hits. «Let me entertain you» geht einfach immer und überall und begeisterte die Zuhörerschaft.
Viele hatten für nach dem Konzert noch etwas zu essen bestellt und/oder liessen den Abend an der Bar ausklingen. Alle waren begeistert vom Gebotenen. Die Frage an den Rainer Roger Baumann, was er kritisieren würde, wenn er etwas kritisieren müsste, löste eine längere Pause aus, und dann: «...dass nicht noch mehr Leute an dieses tolle Konzert gekommen sind.»
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt