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Interview mit Regula Bolliger, Lehrperson in Schwarzenbach, mit 44 Jahren Erfahrung: «Lesen, Schreiben und Rechnen ist nach wie vor die Basis»

Per Ende dieser Woche endet die Berufskarriere von Regula Bolliger. Sie ist in Schwarzenbach aufgewachsen und lebt heute in Beromünster. Sie hat seit dem Lehrerseminar 44 Jahre Bildungsarbeit an der Schule Schwarzenbach geleistet. Im Gespräch mit dem Anzeiger Michelsamt berichtet sie über ihren Erfahrungsschatz, über die gemeisterten Herausforderungen und ihre Gedanken zur Schule von heute und zur Schule der Zukunft.


Regula Bolliger (l.) mit ihrer Klasse in Schwarzenbach. Die Disziplin ist sichtlich gut, das Interesse gekonnt geweckt. Bild: zvg



Regula Bolliger, Sie blicken auf 44 Jahre Erfahrung als Lehrperson zurück. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit?

Kinder sind Kinder. Gerade auf der Unterstufe, heute Zyklus 1 genannt, arbeiten die Kinder noch sehr oft für die Lehrpersonen, weil diese sich über ihre Leistungen freuen. In einer altersgemischten Klasse findet das Spielen und Lernen durchlässiger statt. Jedes Kind durchläuft die Rollen von Anfänger bis Profi. Das ist doch toll! 

Ich habe in meiner ganzen Berufszeit in mehrstufigen Abteilungen gearbeitet und hätte es nicht anders gewollt.

Wie war es für Sie, direkt nach dem Lehrerseminar eine Klasse zu übernehmen und die Beziehungsarbeit mit den Schülerinnen und Schülern und den Eltern zu managen, wie man heute sagen würde?

Ja, das war eine Herausforderung, aber ich habe sie angenommen.

Als Junglehrerin in einem kleinen Schulhaus war ich froh um eine erfahrene Lehrperson an meiner Seite. Von diesem Knowhow, eine mehrklassige Abteilung zu führen, habe ich sehr profitiert. Da die Schülerzahl immer überschaubar war, kamen wir in diesem familiären Umfeld unkompliziert in Kontakt mit den Eltern. In meinem zweiten Arbeitsjahr habe ich die Elterngespräche in Schwarzenbach eingeführt. Vorher war dies noch nicht üblich.

Der Kontakt zu den Schulkindern findet wie heute durch Beziehung statt. Mal glückt es von Beginn weg, manchmal ist es eher ein schwieriger Weg. Da muss man ehrlich mit sich selber sein.

Am Anfang verbrachte ich sehr viel Zeit mit Herstellen von Lernmaterial. Es gab noch keine zusätzlichen Unterrichtsmaterialien neben den obligatorischen Lehrbüchern. Es gab auch noch keine Kopiergeräte. Wir schrieben Matrizen und benötigten einen speziellen Drucker dazu. An diesen Duft der Arbeitsblätter erinnere ich mich sehr gut. Damals lebte ich quasi im Schulhaus um immer wieder pünktlich parat zu sein, und alles für jede Klasse bereit zu haben.

Welches waren die grössten Veränderungen, die Sie seither erlebt haben?

Von der Einzelperson als Verantwortliche einer Klasse zum Teammitglied werden. Nicht nur unser Ortsteil wurde fusioniert, auch wir als Schule erhielten eine Schulleitung. Früher erledigten wir im Schulhausteam alle diese Arbeiten selbstständig. Die Digitalisierung mit allen Vor- und Nachteilen. 

Beromünster war ja die zweite Gemeinde im Kanton Luzern, nach Ohmstal, die Tagesstrukturen eingeführt hat. Wie war diese Weichenstellung für Sie?

Wegen zu tiefer Schülerzahlen stand damals der Erhalt der Schule Schwarzenbach in Frage. Der damalige Gemeinderat von Schwarzenbach hatte diese Idee und dadurch konnte unsere Schule weitergeführt werden.

Die Zahl der Lernenden stieg schnell. Es war ein gesellschaftliches Bedürfnis und unser Standort war «gerettet». Es war für uns eine herausfordernde Aufgabe, die eintretenden Kinder mit den Kindern vom Dorf zu einer Gemeinschaft zusammenzufügen. Wir waren Pioniere in dieser Erneuerung und heute ist das Angebot flächendeckend im Kanton verfügbar.

Hat es Sie nie gereizt, an einer anderen Schule ihre Erfahrungen einzubringen?

Nein, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt. Ich wollte gerne «unsere» Schule zusammen mit meinen «LP-Gspänlis» gestalten.

Es gab auch schwierige Situationen, die ich aber immer mit Unterstützung meiner sehr geschätzten, ebenfalls langjährigen Teamkolleginnen gemeistert habe. Wenn es im Team stimmt, ist sehr vieles möglich. Zusammen gute, unvergessliche Erfahrungen zu teilen und sich daran gemeinsam zu erinnern, ist umso schöner.

Können Sie uns einige Anekdoten aus diesen vier Jahrzehnten erzählen?

Beten am Morgen, vor dem Mittag, nach dem Mittag, vor dem Schulende am Nachmittag war Pflicht, habe ich als Junglehrerin aber nicht gemacht. Ich wurde dann «durch die Blume» darauf aufmerksam gemacht, dass dies zu machen sei.

Schulfrei wegen der Wahl von zwei Kantonsangehörigen in den Bundesrat. Schulfrei auch wegen des Papstbesuches in Luzern; ich war aber nicht dabei.

Unangemeldeter Schulbesuch des Inspektors: Die Erstklässler lasen einen Wandtafeltext perfekt vor. Da meinte er, das sei ja gar nicht möglich und liess die Kinder dann von unten nach oben vorlesen, weil er dachte, dies sei alles auswendig gelernt worden. Natürlich liessen sich die Kinder nicht verwirren und lasen auch so alles perfekt vor. Dies versetzte meinen Vorgesetzten in Staunen und darüber schmunzle ich noch heute.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Schülerinnen und Schülern? Gibt es solche, die erst später den «Knopf aufgemacht» haben oder die trotz bester Noten nicht reüssiert haben im Leben?

Da ein Teil meiner Familie in Schwarzenbach lebt, bin ich natürlich auch privat in diesem Ortsteil unterwegs und sehe ehemalige SchülerInnen ab und zu.

Ja, da gibt es erstaunliche Entwicklungen, wenn man die Karrieren ehemaliger Schulanfänger verfolgen kann. Ich erinnere mich an Erstleser, welche dies mit viel Aufwand doch geschafft haben und später diverse weiterführende Schulen und Umschulungen besuchten und Spass an Weiterentwicklungen haben.

Hand aufs Herz, haben Sie sich nicht manchmal geärgert über die Bildungsbürokraten, die noch nie eine gute Lektion gegeben haben, und doch immer mit neuen Reformen kommen, bevor die alten gut umgesetzt sind?

Ja, also die Reformfreudigkeit der letzten Jahre liess die Ausführenden vor Ort schon manchmal fast verzweifeln. Da muss man sich dann im eigenen Interesse auf das Kerngeschäft konzentrieren und die Sache versuchen gelassener zu nehmen. Übrigens sind viele Reformen gar nicht so neu, wie sie klingen. Nach vielen Jahren im selben Beruf, und genauerem Hinschauen, erkennt man, dass ein neuer wohlklingender Name noch keine riesige Veränderung bedeutet.

Was würden Sie an der Schule, wie sie heute aufgestellt ist, ändern, wenn Sie von einer Fee drei Wünsche frei hätten?

Mehr Zeit für die Kernkompetenzen haben. Nach wie vor ist Lesen, Schreiben und Rechnen die Basis des erfolgreichen Weiterkommens und dafür sollte unbedingt genügend Zeit zur Verfügung stehen. Weniger Bürokratie. Aus aktuellem Anlass: Die Chance erhalten, als kleine Schule bestehen zu bleiben.

Was haben Sie nach der hochverdienten Pensionierung für Pläne in ihrem Leben?

Zuerst mache ich jetzt meinen Abschluss. Danach habe ich Zeit, um meine Pläne durchzuführen oder auch wieder davon abzuzweigen.

Was möchten Sie abschliessend noch sagen?

Es war für mich das Schönste, wenn die Kinder jeweils mit einem grossen «Ahaaaa!!! So geht das!!!!» feststellten, dass sie es nun verstanden haben. Dies ist heute dasselbe Glücksgefühl wie früher und löst Begeisterung und Erleichterung und Lächeln bei Gross und Klein aus.

Ich hoffe fest, dass die Schule Schwarzenbach noch lange weiter bestehen kann, denn dort kann man Freunde fürs Leben finden und sich weiterentwickeln. Dort ist vieles möglich, was an einem zentralen Schulort nicht denkbar ist.

Zum Schluss will ich allen Menschen, welche mit mir im Schulhaus Schwarzenbach während den letzten 44 Jahren gearbeitet und gelernt haben, ganz herzlich danken.


«Nutze die Talente, die du hast. Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.»   Henry van Dyke, amerikanischer Schriftsteller 


Regula Bolliger hat sie beide:  Den Lehrplan 1970 vs. den Lehrplan 21 von heute. Schon noch eindrückliche Dimensionen. 


Dicke Post vs. schlank und rank...


Interview und Bilder: Karl Heinz Odermatt




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