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Hut ab!

Ein 60-jähriges Traditionsunternehmen nimmt den Hut: Die Firma ­«Wyder Hüte» aus Rickenbach verräumt die Marktstände und schliesst den Laden, Hans und Margrit Wyder gehen in Pension. Von Wehmut keine Spur, die zwei leidenschaftlichen Markthändler sind begeistert. Es lockt die Ferne.

Markthändler aus Leidenschaft: Hans und Margrit Wyder nehmen den Hut und brechen auf zu Neuem. 


Da kann man nur sagen: Hut ab! Ein langjähriges, traditionsreiches Unternehmen abschliessen und dabei begeistert dem Neubeginn entgegenschauen, das kann nicht jeder. Hans und Margrit Wyder aus Rickenbach tun es jetzt. Die beiden Geschäftsleute und Markthändler haben in ihrer langjährigen Tätigkeit ja auch sehr viele Hüte an- und abgenommen. Jetzt nehmen sie definitiv den Hut.

Wyder Hüte waren über die vergangenen 60 Jahre ein Markenzeichen für Rickenbach. Egal in welcher Schweizer Gegend ein Markt stattfand, ob in der Ostschweiz oder im Urnerland, ob Viehmarkt oder Luga – die Wyder Hüte waren immer dabei. Hans und Margrit Wyder-Hodel waren Markthändler aus Leidenschaft. 29-jährig hat Hans nach seinen Lehr- und Wanderjahren – der gelernte Mechaniker war Schweizergardist in Rom und danach Lastwagenchauffeur – das Geschäft von seinem Vater Hans weitergeführt, der dieses seinerzeit, im Jahr 1962, von seinem Onkel Otto Dommen übernommen hatte. Mit Schuhen und Kleidern auf dem Wagen ging er schon damals von Sempach aus «z’Märt».

Der Markt bestimmte ihren Lebensrhythmus

180 Markttage haben Hans und Margrit Wyder während der Spitzenjahre bestritten. Dann reduzierten sie auf durchschnittlich 150. Solche Arbeitstage dauerten bis zu 13 Stunden, absolute Spitze war mit 18 Stunden immer der Markt in Kaltbrunn. Hans Wyders Augen strahlen beim Erzählen. Den Wagen packen, frühmorgens losfahren, einrichten, verkaufen, dann wieder abbauen, zurückkehren, einräumen, und das alles immer wieder von Neuem. «Der Markt bestimmte unseren Lebensrhythmus», sagt Hans. «Solange die Kasse stimmte, waren wir motiviert. Und: Ich habe die Leute immer gerne gehabt!»

Auch seine Frau Margrit war von Anfang an voll dabei, obschon das Marktfahren für sie als gelernte Pflegefachfrau schon ein bisschen Neuland war. Doch das Ehepaar funktionierte auch als Geschäftspartner ideal. «Ich wurde durch das Marktfahren ruhiger, meine Frau frecher – im Schnitt stimmts!», sagt Hans heute schmunzelnd. «Du bist der Genaue, ich eher die Chaotin…», lacht Margrit, und er: «Aber du warst immer geduldiger mit den Kunden!» Das sah dann jeweils so aus, dass, wenn ein «komplizierter» Käufer im Anmarsch war, Hans sich schnell hinter den Vorhängen verzog und das Geschäft seiner Frau überliess. Meistens erfolgreich.

Margrit Wyder hatte die Sache stets bestens im Griff.
EinHut muss passen: Hans Wyder hatte das nötige Rüstzeug dazu.


Verschiedene Gegenden, Charaktere und Dialekte

Zum Marktfahren gehören Fernweh und Reiselust dazu. Andere Gegenden sehen, fremde Dialekte hören, die so verschiedenen Charaktere kennenlernen, das gefiel den Wyders. Nach 36 Jahren Marktfahren weiss Hans ganz genau, wie die Entlebucher Bergbauern ticken und die Ostschweizer Viehhändler: «Wenn du sie einmal hast, dann hast du es gut mit ihnen!»

Hans und Margrit Wyder werden viele und vieles vermissen, das ist klar. In diesem Sinne hatte die Coronapandemie für Wyders einen positiven Effekt. Es war sozusagen ihr Pensions-Probelauf. Im Jahr 2020 hatten sie statt wie üblich 120, bloss 26 Märkte bestritten, das Jahr darauf waren es immerhin wieder 70. Also waren schon die letzten zwei Jahre schrittweises Hinunterfahren ins Rentnerdasein. Absolutes Highlight in all den Marktjahren waren etwa das Eidgenössische Jodelfest 2008 in Luzern mit Wyders Stand direkt unter dem KKL-Dach. Es war «heiss wiene Cheib» und sie verkauften alles, sogar alte Damenhüte aus dem Lager, denn für diesen Umzug wollte jeder einen Sonnenschutz. Auch das Schwingfest 2010 bleibt unvergessen – was wurden da Edelweisshemden gekauft! Und beim Luzerner Weihnachtsmarkt werden Wyders doch noch ein wenig emotional. Ja, dort tat es weh, aufzuhören.

Ausverkauf und Neuvermietung in der Stöcken

Jetzt heisst es: Marktplatz abgeben, Waren ausverkaufen, Dekoration weitergeben – Hut ab. Der Laden in der Stöcken Rickenbach wird geräumt. Noch ist er «pumsvoll» und strotzt vor Wärme, Schutz und Funktionalität: Mützen und Jacken, Arbeitskleidung, Schuhe, Schals und Gürtel, Edelweisshemden und natürlich: Hüte. Hüte, Hüte… meine Güte! Nichts wie hin gehen jetzt alle, die sich noch ein erlesenes Objekt aus dem Hause Wyder Rickenbach ergattern wollen. Ab April 2022 werden dann im selben Lokal nicht mehr Hüte verkauft, sondern Muskeln aufgebaut. Die Rickenbacher Fitnessinstruktorin Yvonne Küng wird künftig dort ihr Angebot für Pilates, Power Plate und Beckenbodentraining ausbauen können. ­Also eine ideale Anschlusslösung für alle Parteien mit ausgeprägtem Win-win-Faktor.

Auf Hans und Margrit Wyder warten neue Ziele. Den richtigen Hut haben sie sicher immer dabei.


Einmal Fahrer, immer Fahrer

Frisch pensioniert den Hut zu nehmen – da überwiegt bei Hans und Margrit Wyder eindeutig die Freude. Fester Bestandteil im neuen Lebensabschnitt werden die beiden Grosskinder sein, denen sie sich nun noch mehr widmen können. Dazu Biken, Velofahren, Wandern und Jassen… die Ideen gehen ihnen nicht aus. Und natürlich lockt die Reiselust in ferne Länder: «Wir werden nun spontan mit unserem Wohnmobil losfahren können. Auf dem Plan steht ganz Europa, vorab Irland und Italien, dann sicher bald mal das Nordkap... also heisst es wiederum: den Wagen packen, sich aufmachen, Neues kennenlernen, um wieder zufrieden heimzukehren. Einmal Marktfahrer, immer Marktfahrer. Sicher haben Hans und Margrit für jede Destination auch immer den passenden Hut dabei.


Text und Bilder: Ursula Koch-Egli




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