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Rückblick auf die Heilige «Uffert» von Beromünster

«Hochblick, Herzblick und Weitblick»

Alt-Gymnasiallehrer Pirmin Meier, mit Wohnsitz im Seetal und nahe Murtensee, macht sich Gedanken im Zusammenhang mit der Kultur von «Möischter im Aargäu». Nach 53 Jahren Beschäftigung mit der Denkmalfigur vor dem Gemeindehaus Beromünster, dem Philosophen Troxler, bedeutete «radikal» weniger politische Rechthaberei als «Hochblick, Herzblick und Weitblick»: das Motto der diesjährigen Auffahrtspredigt. Dem kürzlich verstorbenen Alt-«Löwen»-Wirt von Rickenbach, Franz Habermacher, wird in Freundschaft gedacht. Der Anlass stand schon immer im Brennpunkt der Zeitgeschichte. Dies zeigten auch die Auffahrtspredigten.

Spätestens seit dem letzten Zusammensein mit Fleckenlegende Ludwig Suter (1949–2022) am Umritt, das war wenige Tage vor dessen Hinschied, möchte ich diese «Veranstaltung», so amtlich-neutral von der Polizei bezeichnet, für den Rest des Lebens nicht mehr verpassen. Umso weniger, als die letzten Jahre ehemalige Schüler von hier als Festprediger amteten. Als Fuss-Wallfahrer bevorzuge ich für den Start in der Herrgottsfrühe den engen Durchgang zwischen Propstei und Kustorei im Stiftsbezirk. Vom oberen Stift gehts den «Radioweg» entlang hinauf zur sog. Waldkathedrale.

Bewunderer des Schlössliwaldes

Die Neubenennung anstelle der Allee im Schlössliwald wurde meinem Goldmann-Bestseller über die magische Schweiz (1993) zugeschrieben. Es geht aber auf den frommen Umrittgänger Karl Kloter zurück, ins Chinesische übersetzter Arbeiterschriftsteller, der wie zum Beispiel der Wynentaler Autor Klaus Merz zu den Bewunderern des Schlössliwaldes gehörte. Dort wurde einst in Ermangelung einer Turnhalle früher Turnen unterrichtet, im Gegensatz zu Gesang und Musik ein Nebenfach.
Auf dem Weg dorthin sind nun raumfüllende Wohnbauten ausgesteckt. Beromünster rüstet sich für die 10-Millionen-Schweiz! Gewerkschaftler Kloter schrieb 1969 den Auftragsroman «Salvatrice» gegen die damalige Schwarzenbach-Initiative. Für sie sprach die damalige Prognose des St. Galler Ökonomen Prof. Kneschaurek, dass, gehe es so weiter, bis zum Jahre 2000 die 10-Millionen-Grenze überschritten sei. Trotz unpraktikablen Ausschaffungsvorschlägen wurde diese Initiative im Kanton Bern, dort wohl aus Angst vor Rekatholisierung durch Italiener, und in den katholischen Kantonen Luzern, Uri, Schwyz und Unterwalden angenommen, auch in Freiburg und im Oberwallis. Gemeint als Schuss vor den Bug. Weil bis 100 000 Zuzüger pro Jahr Bundesrat Tschudi (SP) ab 1961 zu viel fand. Der Naturfreund und Schrebergärtner Kloter hielt 4,5 Millionen Einwohner, allenfalls eine Million mehr, für das Optimum von Masshalten bei Schonung für Natur und Umwelt. So dachte die damalige Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen. Der tiefreligiöse Sozialist Kloter starb 2002. Er wurde in Luzerns Peterskapelle abgedankt. Sein Roman wandte sich gegen die Initiative, stellte wie die gleichzeitig das Problem darstellende Anna Felder (Aarau) die Vitalität und Emotionalität der Südländer positiv dar, vernachlässigte aber nicht die verbreitete Skepsis von Wachstumsverlierern aus der Unterschicht. In der Partei geriet er, ähnlich heutzutage der Wirtschaftsexperte Rudolf Strahm (BE), zwischen Stühle und Bänke. Ähnlich erging es dem einst radikalen Troxler in seinen alten Tagen. Was blieb, war die spirituelle Orientierung aus dem Geist der Beromünsterer Auffahrt. Diese trug zu jeder Generation den herrschenden Zeitumständen Rechnung. Sie steht auch heute nicht im politisch luftleeren Raum.

Reitermusik: Grosses Kino beim Blosenberg

Über Wetterweisheit verfügten vor 500 Jahren Paracelsus und vor 300 Jahren Kepler, der von einheimischen Astronomen von Johann Baptist Cysat bis Jürg Junker für Beromünster wichtig wurde. Der Bauer und Ratsherr Klaus von Flüe reagierte 1457 auf seine Weise auf den Klimawandel. Wegen der langfristigen Abkühlung wandte er sich in Obwalden gegen eine noch eingeforderte Alkoholsteuer, den Nassen Zehnten. In Beromünster ist dieser für 1045 belegt. Die mittelalterliche Warmzeit erlaubte vor der Kältephase eine Baumgrenze im Gotthardgebiet 200 Meter über der heutigen. Mit diesem Zehnten wurde bei uns lange die Stiftsschule unterhalten. Die Neuzeit erforderte als Anpassung an den Klimawandel den Schweine-Zeiten. Darum roch es manchmal in der Schule über dem Schlachtraum, der heutigen Enoteca di Ramundo, infernalisch. Rechtsgeschichte, Wetter und Klima und dergleichen haben nachweislich mit unserem Brauchtum rund um den Umritt zu tun. Das Schreiten und Lauschen der Waldgänger durch die Schlössli-Allee von Hainbuchen, das Reiten entlang dem Blosenberg mit dem diesjährigen Abspielen der Landeshymne durch die Reitermusik Gunzwil und weiteres muss nicht gefilmt werden. Es ist auch so «grosses Kino» mit einer grandiosen Landschaft auf einer Hochebene.

Pater Oegerlis «Brotpredigt» im Freien

Der Glaube will weder nur erkniet noch gar ersessen werden, sondern erwandert. Auf den Pässen und Seewegen und beim Kampf mit den Elementen wollte man das Walten Gottes durch schützende Anrufung der Passheiligen, Seeheiligen und Ernteheiligen konkretisiert wissen. Auf das Segnen und Bannen in Stall und Feld wollte man nicht verzichten, am allerwenigsten auf den Wettersegen. Auf diesem Geist beruhen die Luzerner Auffahrtsumritte. Ein Juwel einer Korn- und Brotpredigt im Freien war beim letzten morgendlichen Halt vor Rickenbach die herzhaften Worte von Pater Bruno Oegerli im Raum Hasenhusen. Es erinnerte mich an die für das Buch «Volksfrömmigkeit in der Schweiz» aufgearbeiteten Meditations-Predigten des heiligmässigen jurassischen Priesters Pierre Blanchard, Zeitgenosse des Umritt-Retters Nikolaus Wolf von Rippertschwand im frühen 19. Jahrhundert. Wenig bekannt ist, dass dieser Brauch mit dem gesamtbaslerischen Auffahrtsbrauchtum nur parallel ist, sondern 1509 und noch später, besonders 1529, von Basler katholischen Chorherren nach Beromünster exportiert wurde. Über ihre Zeit im Studienheim Don Bosco bestätigten mir ungezählte Ehemalige die unaufdringliche Glaubwürdigkeit des Priesters Bruno Oegerli.

Appell an die Schönheit des Glaubens

Unvergesslich bleibt für mich seit gut 20 Jahren die Primiz in Neudorf des diesjährigen Festpredigers Benedikt Wey, Pfarrer in Horw, als Schüler entschieden eine Haltung bewahrend, die bis zur Priesterweihe und darüber hinaus als katholisch-standhaft zu bezeichnen war. Zur Zeit von Troxler war Georg Sigrist, Biograf von Bruder Klaus, kantonaler Schulinspektor, Pfarrer in Horw, dann Chorherr in Beromünster. Denkwürdig als leidenschaftlicher Verteidiger des im Mai 1845 im Kesselturm Luzern darbenden Landarztes Jakob Robert Steiger, der im Angesicht des Todes seinen Sohn zu täglichem Beten ermahnte. In Rickenbach predigte Benedikt Wes im Sinne des Auffahrtsmotivs über «Hochblick», «Herzblick» und «Weitblick», kurz genug, dass es hier mit Troxler ergänzt werden darf. Dieser stellte nämlich das «Gemüt» ins Zentrum seines Menschenbildes und bevorzugte als rhetorische die «Vierzahl», Tetraktys genannt: Leib und Seele einerseits, Körper und Geist andererseits. Im Vordergrund stand bei Troxlers Wiederererweckung der Mystik die «Beseelung durch den Glauben». Davon zehren lebendige Gemeinschaften. Prediger Benedikt, eine körperlich mächtige Erscheinung, war mit seiner eher feinen Stimme das Gegenteil meines ehemaligen Rhetorik-Lehrers von Sarnen, Pater Sigisbert Frick, dessen Donnerstimme nie auf ein Mikrofon angewiesen war. Den Ausgleich zwischen Rhetorik und theologischer Vertiefung schaffen heute nur wenige Prediger. Bei Benedikt Wey und Vorjahresprediger Meinrad Furrer mag es da noch Spielraum nach oben geben – aber pastoral ist Kürze wohl immer der Vorzug zu geben.
Von der beim Umritt als eine Art Moderatorin im Einsatz stehenden Seelsorgerin Theres Küng wird man nachhaltig ihre wunderbar intonierten, schön klingenden Mundart-Auftritte vermissen, auch als Predigerin. Es erklingt wie ein Appell an die Schönheit des Glaubens. Troxlers Vaterlandsliebe wiederum wurde intoniert von der Reitermusik Gunzwil, zum Beispiel mit dem hocheindrücklichen Schweizerpsalm im Raum Blosenberg. Vorreiter Pius Muff muss sich fürwahr nicht entschuldigen für die Schwierigkeit bei gleichzeitigem Blasen und Reiten. Bald steht die Weihe einer neuen Uniform an. Hartnäckig wird, auch von vorbetenden Frauen, der Rosenkranz weitergebetet. Es gibt andererseits Umrittgänger, die schon vor dem Gottesdienst in Rickenbach «abdrehen» oder erst nachher dazustossen.

Vorjahrespredigt wagte Erweiterung des Themen-Spektrums

2025 war der einstige Griechisch-Schüler aus Schwarzenbach, Meinrad Furrer, Festprediger, der als Seelsorger wie der einst dort beichtende Karl Kloter das Christentum in der Peterskirche auf seine Weise auslebt. 1982 spielte er beim Festspiel «10 Jahre Kantonsschule-Neubau» den Propst von Beromünster. Als Prediger an der letztjährigen Auffahrt war er für die tags zuvor eingetretene Naturkatastrophe im Walliser Lötschental nicht vorbereitet. Dafür predigte er über sein pastorales Anliegen, über das der Philosoph Troxler in Aarau 1819 vom Glarner Hutmacher Heinrich Hössli befragt wurde. Gemäss Zschokke, der dieses Gespräch 1823 literarisch wiedergab, handelte es sich um ein «Rätsel der menschlichen Natur». Der Philosoph sprach von«Eros». Das Wort «homosexuell» wurde erst 1869 geprägt, Jahre nach Zschokkes und Troxlers Tod. Hössli veröffentlichte 1836 dazu das bestverbotene Buch der Schweizergeschichte. Hösslis späterer Entdecker, der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs, stellte zwischen 1860 und 1870 erstmals eine Theorie von über zwei Dutzend Geschlechtern auf. Dies noch bei einem Niveau weit über dem heutigen Alltagsniveau der Debatte Pro und Contra. Für Hössli, einen Verehrer Zwinglis, ging es um ein Plädoyer auch für seine beiden «mannliebenden» Söhne. Dazu um die Respektierung der Beiträge solcher Personen für Kultur und Gesellschaft, so wie er selber an der Landsgemeinde von 1836 für eine revolutionäre Glarner Kantonsverfassung eintrat. Diesbezüglich ganz Troxler, sein Idol. Seine getrennte Frau schrieb er als «Meine liebe Freundin» an. Im Zentrum seiner Wissenschaft standen die Dialoge «Das Gastmahl» und «Phaidros» von Platon.
In Beromünster stellten Hosslis Lektüren zur Zeit von zwei Jahren Philosophie und hervorragenden Griechischlehrern von 1977 bis 2002 einen zentralen Lehrgegenstand dar. Es handelt sich hier um eine Philosophie, welche mit der neuheidnischen «Queer» und «Gender»-Ideologie bestenfalls Spurenelemente gemeinsam hat. Mit biblischen Vorstellungen von «Ehe» und «ein Fleisch» hat es nichts zu tun. Natürlich aber trug Furrer keine solchen oder anderen Theorien vor. Sein Plädoyer bezog sich auf «Menschen, die anders lieben». Mehr auf die Äste konnte und wollte sich der Prediger nicht herauslassen. Jenseits dieser Ideologiekritik war es gewiss nicht daneben, mit Meinrad Furrer das Themenspektrum der Auffahrtspredigten zu erweitern. Im Vordergrund des Umrittkults aber stand und steht seit Jahrhunderten der Wettersegen und das Gebet um gesegnete Ernte. Wetter- und Flursegen werden aber hoffentlich auch im Jahre 2036, 1000 Jahre Beromünster, weniger veraltet sein als heute gemachte Prognosen um «Netto Null». Es fehlt heute auch an den Universitäten an Spitzenwissen über Theoriebildung von Prognosen, nicht unter dem Niveau von Popper und Einstein. Welcher Meteorologe und welcher Politiker würde für Prognosen bis 2045, dem 1000-Jahr-Jubiläum der Stiftsschule, seine Pension wetten? Jenseits von wissenschaftlichen Tagesmeinungen wird der Wettersegen nie veralten. 

Heilige und Unheilige in Rickenbach

Der Gottesdienst in Rickenbach mit den Kirchenchören blieb den Umständen entsprechend würdig, auch wenn das verlegene Herumstehen von Priestern und Laientheologen mit teilweise unterschiedlicher Gestik auf ungelöste Probleme in der liturgischen Praxis hindeutet. Anstelle der Kommunion besuchte ich die Grabstätte meines über Jahrzehnte liebgewonnenen Rickenbacher Weggefährten, Alt-Wirt Franz Habermacher (1952–2026). Er war Statthalter des «Leuen», wo 1455 der Protest gegen einen geistlichen Dorftyrannen mit sittlichen Verfehlungen entflammte, vielleicht Geburt des Liberalismus im Michelsamt. Eine spezielle Gemeinschaft der Heiligen in Rickenbach, wo es noch und noch unheilig zuging.
Am selben Ort wurden wie im Hirschen Beromünster Unterschriften gesammelt gegen das Luzerner Bluturteil vom Mai 1845 in Sachen Doktor Steiger. Das laut NZZ längst fällige Denkmal für ihn wird, nach der Enthüllung im Spätherbst, am 13. Juni in Büron durch ein Volksfest eingeweiht. Steiger war in Luzern einer der drei bedeutendsten Schüler von Troxler und erster Nationalratspräsident der Eidgenossenschaft. Der andere war der spätere St. Galler Landammann Ferdinand Curti, der St. Gallen zusammen mit dem Glarner Müller-Friedberg zu einer Mehrheit in der Tagsatzung führte, ohne die es 1848 keine Bundesverfassung hätte geben können. Troxler war noch 1833 dagegen, weil die Rechte der kleineren Kantone, der Ständerat, heute das Ständemehr, zugunsten einer reinen Massendemokratie, noch nicht gegeben waren. Dafür ins Zeug setzte sich in Bern 1848 sein Lieblingsschüler Diethelm aus Schwyz. Sonst wäre Troxlers berühmte Neujahrsschrift von 1848 ins Leere gelaufen. Zum Auffahrtsumritt gehörten in diesem Sinn stets Fürbitten um den inneren und äusseren Frieden. So wurden die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen usw. in den letzten Jahren angesprochen. 1847 berief sich Jakob Robert Steiger von Winterthur aus bei einem Friedensappell an die Sonderbundskantone als auch im Exil überzeugter Katholik auf Bruder Klaus.
Der Auffahrtsumritt gehört gewiss nicht einseitig politisiert. Als es aber nach der Revolution von 1798 um die Weiterexistenz des Umritts ging, war die Präsenz von über 20 000 Männern – Frauen waren damals nicht zugelassen - ein politisches Fanal. In den Jahren der Weltkriege waren die Umritte überdurchschnittlich besucht. Der Brauch erinnert, in der Tradition der uralten Baselbieter Grenzbegehungen, an die Notwendigkeit, Grenzen zu setzen. Freiheit! Aber nicht ohne Mass, ohne Opfer, dafür mit dem Glanz der Freude. Dies kommt bei «unserem» Umritt Jahr für Jahr eindrücklich zur Veranschaulichung.




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