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Grus grus – Gruss vom Kranich auf dem Durchzug

Grus grus ist der lateinische Name für Kranich. Ebenso lautmalerisch klingt seine Stimme: Ein seltsam flirrendes Tröten, ein helles Trällern in verschiedenen Tonhöhen. Am Dienstag wurde es in der Region von aufmerksam Lauschenden vernommen, etwa in Gontenschwil, Rickenbach und Schlierbach – es waren Kraniche im Flug.

Kraniche im Flug, typisch ihre V-förmige Formation.    Bild: Marcel Burkhardt 

Erst dachte man, es seien vielleicht aufgescheuchte Gänse oder irgendwelche nachtaktiven Pelztiere, die in der klaren Vollmondnacht vom vergangenen Dienstag ein so seltsames Geräusch von sich gaben. Nachts um halb elf waren über der Landschaft ungewohnte Tierlaute zu vernehmen: Ein seltsam flirrendes Tröten, ein helles Trällern in verschiedenen Tonhöhen. Erst meinte man, es käme aus dem nahen Wald, doch dann verschob sich das unsichtbare Klanggebilde allmählich weiter durch den Nachthimmel, von Nordosten nach Südwesten. Ein märchenhafter, fast magischer Moment für den Laien – für den Fachmann ein erklärbares Phänomen. Es waren Kraniche auf ihrem Durchzug durch die Schweiz.

Beobachtungen in der Region

Auf ihrer Reise nach Süden überqueren die stattlichen Zugvögel aus Nordosteuropa auch die Schweiz. Am Dienstagabend streifte offenbar eine Gruppe dieser storchähnlichen Exemplare diese Region, denn die nächtlichen, trompetenähnlichen Rufe wurden etwa in Gontenschwil und Rickenbach vernommen, und auf ornitho.ch wurde am selben Abend um 22.55 Uhr in Schlierbach eine Sichtung vermerkt.

Ein neueres Phänomen

«Die Kraniche sind im Moment auf dem Durchzug durchs Mittelland», erklärt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach auf Anfrage. «Es ist ein neueres Phänomen, und seit einigen Jahren hat es deutlich mehr.» Vermutlich kämen sie via Ungarn von Finnland her, aber Ringfunde gebe es kaum. Grössere Rastplätze hätten Kraniche etwa in Deutschland und Frankreich. Die Kraniche fliegen dabei meist ununterbrochen, tagsüber und nachts.

Kraniche: Die gefiederten Weltenbummler dürften in der Schweiz vermehrt auf dem Durchzug zu sehen sein. 


Routenwechsel dank starker Winde

Eine der traditionellen Zugrouten ins südliche Winterquartier führt von Skandinavien und Nordosteuropa nach Südwesten und endet in Spanien. Eine andere Route führt von Finnland via Ungarn und Italien nach Nordafrika. Da diese Zugrouten recht schmal sind, wurden Kraniche in der Schweiz bis vor einigen Jahren auch nur selten auf dem Durchzug beobachtet.

War nun der nächtliche Flug übers Michelsamt eine absolute Besonderheit? Auf der Webseite der Vogelwarte steht, dass hierzulande seit 2011 deutlich mehr Kraniche im Herbst gesichtet werden als vorher. Damals haben vermutlich starke Ostwinde einen Routenwechsel bewirkt, der neu durch Mitteleuropa führt, was den gefiederten Weltreisenden offenbar behagt. Da die Schweiz auf der Strecke liegt zwischen den grossen Rastplätzen im Hortobágy-Nationalpark in Ungarn und in der französischen Camargue, dürfte man sich hierzulande auch in Zukunft über die fremdartigen Besucher mit ihren seltsamen Rufen erfreuen. Es handelt sich dabei übrigens um sogenannte «Kontaktrufe», denn Kraniche ziehen oft im Familienverband und bleiben mit den Rufen in Kontakt mit ihren Artgenossen.


Ursula Koch-Egli, Bilder: Schweizerische Vogelwarte Sempach, Marcel Burkhardt




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