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«Glehrt isch glehrt!»

Neulich, auf einer Baustelle: Ein Arbeiter verputzt als Gipser eine Wand sauber mit Spachtel und Kelle. Kommt ein anderer dazu und meint anerkennend: «Glehrd isch glehrd!» Womit er sagen wollte, was du gelernt hast, das kannst du eben. Nur, der Clou daran: Der Gipser war gelernter Gärtner. Ein anderes Mal, in einer Werkstatt: Eine Künstlerin will ein Objekt aus Holz fertigen, der Schreiner gibt ihr Anweisungen dazu und sagt: «... oder machsch e Lehr.» Sie lacht. Natürlich sollte sie nicht wegen des einen Stücks eine dreijährige Berufslehre absolvieren. Mit «E Lehr» meinte der Schreiner einen technischen Begriff, der durch Massverkörperung dem gewünschten Ding seine richtige Form geben konnte.

Geht man dem Wort auf die Spur, so findet man heraus: «Lehre» ist sprachlich verwandt mit List (Wissen) und ebenso mit Leiste (einer Spur nachgehen). Was Lehren und Lernen bedeutet, müssen wir niemandem erklären. Die Lehrende lehrt und der Lernende lernt.

Lehren aber kommt von alt­hochdeutsch «leren» und meint: Durch Nachspüren wissend machen. Was wiederum zurückführt zum Messwerkzeug, der Masslehre aus der Werkstatt. Kurz: Die Lehre als Ausbildung bringt einen Menschen in die vorgegebene Form eines Berufsstandes.

Handfester Grundstein

Zurück zum Gipser. Was man einmal in der einen Form gelernt hat, das kann man auch auf eine andere Form übertragen. Deshalb ist die solide Grundlage einer Berufslehre von so grosser Bedeutung. Es kommt am Ende nicht so sehr darauf an, was man lernt, sondern wie man es lernt und wie gründlich. Eine Berufslehre gibt die Form vor und ist damit Basis für alles, was danach kommt. Ob man im angelernten Beruf bleibt und sich weiterbildet, ob man auf den akademischen Weg umsteigt und ein Studium macht – glehrt isch glehrt, was man hat, das hat man.

Als gelernte Glasmalerin bin ich schlicht ein Fan der Berufslehre. Was natürlich alle anderen Bildungswege nicht ausschliesst, denn das Wichtigste ist, dass junge Menschen ihrer Begabung entsprechend etwas lernen können, denn so lernen sie auch am besten.

Das Tolle an der Berufslehre ist, man gehört vom ersten Tag an zu den Berufsleuten. Man geht mit auf die Baustellen, ist in Werkstätten, Büros, Pausenräumen und kann mitreden. Gleichzeitig lernt man in der Berufsschule das theoretische Know-how, diese Kombination ist in der Schweiz einzigartig. Und man verdient vom ersten Tag an eigenes Geld. Wer erinnert sich nicht gerne an seinen ersten Monatslohn!

Ich selber lernte Ende der 80er-Jahre ein aussterbendes Handwerk und war damit in meinem Jahrgang die einzige Absolventin in der Schweiz. Während meine in Informatik vorauspreschenden Kolleg:innen begeistert von «Windows» redeten, ging es bei meinen «Fenstern» um eine im Mittelalter begründete Technik. Windows kam für mich später.

Ob man nun einen im Aufschwung befindlichen oder aussterbenden Beruf erlernt: Das Wichtigste ist die Freude und überhaupt die Fähigkeit, zu lernen und ein Gespür für die Materie zu entwickeln. Damit lässt sich das Gelernte auf vieles anderes übertragen. Von der Matura zur Berufslehre oder von der Lehre ins Studium – ein Berufsweg ist immer ein Aufbauen auf der vorherigen Tätigkeit. Die Lehre bildet dabei einen handfesten Grundstein.

Die können was erzählen!

In dieser Lehrstellenpublikation begegnen wir dem Schmied Michael Aeschimann, der von Anfang an ein klares Berufsziel in sich trug, zu haben war es aber nicht sofort. Es zeigten sich Hürden und Einschränkungen, aber der Wunsch blieb. Wie er diesen auf einem einzigartigen Weg verwirklichte, lesen Sie auf Seite 7.

Wie wichtig für die Lehrstellensuche heute Social Media sind, erklärt auf Seite 13 der Ausbildner Lukas Estermann. Als erklärter Herzblut-Handwerker zeigt er auf, wie es ihm gelingt, junge Leute auf Instagram und TikTok abzuholen und für seinen Beruf zu gewinnen.

Gute Berufe zu haben genügt aber nicht, man muss sie auch weitergeben und die Begeisterung der Jugendlichen wecken. Wenn bei vielen gegen Ende der Schulzeit noch immer ein grosses Fragezeichen besteht, liegt der Ball bei den Lehrbetrieben. In dieser Hinsicht wurde mit dem Berufswahlparcours in Beromünster eine grossartige Möglichkeit geschaffen im Einsatz für den Nachwuchs. Nachzulesen auf Seite 19.

Haben die jungen Leute dann einmal ihren Traumberuf gefunden und sind darin gestartet, werden sie mit unzähligen Herausforderungen konfrontiert. Von Motivation und Highlights ihres Berufsalltags erzählen sieben Lernende des LUKS auf Seite 25.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie halten bereits die dritte AZM-Lehrstellenbeilage in den Händen. Schnuppern Sie hier Werkstattduft und Ausbildungsluft, und behalten sie es nicht für sich. Geben Sie das Heft weiter. Viel Spass beim Eintauchen in die vielseitige Präsentation über Lehren und Lernen und bei der Begegnung mit vielen spannenden Menschen.

Ursula Koch-Egli, Redaktorin

Anzeiger Michelsamt




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