«Gautschete» bei der Wallimann Medien und Kommunikation AG: «Packt an und in den Scholbrunnen mit ihr!»
Es ist ein schöner alter Brauch der Buchdrucker- und Schriftsetzerbranche, die Lernenden nach bestandener Prüfung zu «gautschen». Am vergangenen Donnerstag wurde Rumesya Yalcin von der ganzen Belegschaft der Wallimann AG nach allen Regeln der Kunst und alter Überlieferung (siehe Kasten) in die Gilde der Schwarzkünstler aufgenommen.
«Packt an!» ertönte es am vergangenen Donnerstagnachmittag um 16.40 Uhr in den Abteilungen der Wallimann Medien und Kommunikation AG. Genau 48 Wochen war das letzte Event her, als die Polygrafin Nadia Fleischlin und der Printmedienverarbeiter Maurice Racine das gleiche traditionsreiche Zeremoniell erleben «durften».
Schon bei der Fläcke Chäsi geduscht
Die Medientechnologie-Lehrabgängerin Rumeysa Yalcin wurde fest in den Griff genommen und in einen Transportwagen mit Gitterwänden verfrachtet. Dann ging es bei sonnigem Wetter und frischen 18 Grad zusammen in den Flecken zum Scholbrunnen. Schon bei der Fläcke Chäsi wurde Rumy von Verlagsleiter Patrick Wicki mit dem Schlauch geduscht. Widerstand zwecklos.
Schliesslich das Vollbad im Brunnen
Der ganze «Umzug» mit der Belegschaft im Schlepptau wurde im Flecken von Angehörigen und Bekannten erwartet. Rumy konnte es sichtlich kaum erwarten, die Gautschzeremonie über sich ergehen zu lassen, denn nur so ist man nachher ein anerkannter Schwarzkünstler. Die Zeremonie sieht die Taufe mit nassen Schwämmen vor, dann ein Guss mit einem Eimer Wasser über den Kopf und schliesslich das Vollbad im Brunnen. So wie es im Gautschbrief steht, der parallel dazu verlesen wurde. Mit diesem Akt ist Rumy nun offiziell eine «Jüngerin Gutenbergs» und eine «rechtmässige Gesellin». Wallimann hält diesen Brauch seit Jahren mit Stolz hoch und gratulierte ganz herzlich. «Rumi, wir sind mächtig stolz auf dich und gratulieren dir von ganzem Herzen. Schön, dass du nach der Lehre bei uns bleibst! Weiterhin alles Gute wünschen wir dir!» Bei einem Apéro und Imbiss in der Enoteca da Ramundo klang der «feuchtfröhliche» Anlass gemütlich aus.
Wissenswertes zum Thema «Gautschen»
In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der Begriff «Gautschen» den ersten Entwässerungsschritt nach dem Schöpfen des Papiers, das Ablegen des frisch geschöpften Papierbogens vom Sieb auf eine Filzunterlage.
Hier wird ein Buchdrucker- und Schriftsetzerbrauch zelebriert, der bis ins 16. Jahrhundert rückverfolgbar ist. Dabei werden die Lehrlinge eines Tages gepackt, gefesselt und zum nächsten Brunnen gezerrt oder gekarrt. Dort werden sie auf einen nassen Schwamm gesetzt, mit Gerstensaft und Wasser begossen und anschliessend in den Brunnen geworfen. Dabei liest der Gautschmeister folgenden Spruch vor: «Packt an! Lasst seinen Corpus Posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm bis triefen seine beiden Ballen. Der durstigen Seele gebt ein Sturzbad obendrauf. Das ist dem Sohne Gutenbergs die beste Tauf.»
Nach Überlieferung werden dem Lehrling beim «Gautschen» angeblich die schlechten Gewohnheiten aus der Lehrzeit abgewaschen. Später wird zur Gautschfeier geladen, an der dem Gäutschling feierlich der Gautschbrief übergeben wird – mit allen Unterschriften der Beteiligten. Damit wird seine Taufe als Jünger Gutenbergs bestätigt, denn es kann sein, dass er bei einem Stellenantritt nach seinem Gautschbrief gefragt wird. Kann er diesen nicht vorweisen, wird die «Gautschete» nachgeholt.
Text und Bilder: Karl Heinz Odermatt