Fotoportfolio: Eine Aussensicht auf ein Baudenkmal von europäischem Rang
Die Obwaldner Fotografin Sibylle Kathriner war einen Tag in Beromünster unterwegs und hat dabei ein Fotoportfolio ihrer Eindrücke erarbeitet. Stiftskirche und Stiftsbezirk mit den rund 35 grösstenteils noch spätmittelalterlichen Chorherrenhäusern, die sich planmässig um die Kirche gruppieren, bilden ein Baudenkmal von europäischem Rang. Hier das Ergebnis.
Das reich geschnitzte Chorgestühl von 1609 ist ähnlich demjenigen von St. Urban, jedoch fast 100 Jahre älter – unglaublich facettenreich.Das Chorgestühl wurde von den Brüdern Melchior und Heinrich Fischer aus Eichenholz geschnitzt. Es zeigt die Lebensgeschichte von Jesus. Man kann auch über 600 kleine sagenhafte Figuren von Engeln, Heiligen, Drachen und anderen Monstern entdecken.Unermesslich viel akribische Arbeit steckt in den filigranen Holzschnitzereien.
Tischgrabmal der Stifter. Fussplatte und Löwen von 1608, Platte von 1469. In den Ecken kauern die Löwen mit der Kugel, das Wappenzeichen der Stadt Lenzburg. In der Mitte ein Totenschädel.
Der Löwe trägt ein prächtiges Wappen: Das Stiftswappen. Schild mit Schrägrechtsbalken und darüber schreitendem Löwen. Dies leitet sich vom Kyburgerwappen ab: zwei goldene Löwen auf ursprünglich schwarzem Grund, die dann die Farben der Habsburger, gold und rot, übernommen haben. Davon leitet sich wiederum das Wappen von Beromünster und Neudorf ab.Die Innenausstattung von hoher künstlerischer Qualität macht die Stiftskirche zu einem der schönsten Rokokobauwerke der Schweiz. Durch mehrere Umbauten im Laufe der Jahrhunderte und zwei Barockisierungen erhielt die Stiftskirche ihr heutiges Aussehen. Doch die frühromanische dreischiffige Basilika von 1034/36 blieb bis heute in den Grundzügen erhalten. Ursprünglich war das Innere der Kirche schlicht und dunkel.
Die Krypta, unterirdische rein romanische Kapelle, mit fast 1000 Jahren der älteste Teil der Stiftskirche mit unterirdischem Grab von 14 Lenzburger Grafen. Ursprünglich war das Innere der ganzen Kirche schlicht und dunkel.
In der frühromanischen Krypta, wo man bei der monatlichen Führung durch das Stift Zutritt hat.
Blick in die Sakristei von 1679 mit riesigen Dimensionen, wäre als Ankleide auch für Frauen durchaus ein Traumformat.
Bereit für die Prozession am Palmsonntag: der St. Michaelstab und der St. Stephansstab.
Die Stiftsbibliothek von 1813 in der Propstei begeistert mit 120 Inkunabeln, also Bücher, die vor dem Jahr 1500 gedruckt wurden, wörtlich aus der Wiegezeit des Buchdrucks.Welch ein umwerfender Anblick - echte Bücher, viele Jahrhunderte alt. Als es Google noch nicht gab, war das Wissen der Welt zwischen Buchdeckeln gefasst.
Chorherr Caspar Carl Meyer (1720–1794) schenkte der Stiftsbibliothek 1786 zwei Globen von Johann Gabriel Doppelmayr, die ausserordentlich gut erhalten sind, da sie immer gut vor Staub, Licht und Feuchtigkeit geschützt wurden.
Die Vorsicht und der Respekt im Umgang mit dem uralten Kulturgut sind allgegenwärtig.
Blick aus dem Fenster der Stiftsbibliothek. Das Stift mit der auf einer kleinen Anhöhe stehenden Stiftskirche ist mehr als tausend Jahre alt und wurde von Graf Bero von Lenzburg gegründet. Nach alter Sage verlor dessen Sohn das Leben bei einem Kampf mit einem Bären. Der Graf liess daraufhin das Stift als Begräbnisstätte für seine Familie errichten.
Die Stiftsbibliothek innerhalb der Propstei kann bei Führungen besichtigt werden und lohnt sich auf jeden Fall.Blick auf die Waldkathedrale, die ebenfalls jeden Besuch lohnt. Die Bibliothek mit vielen unschätzbar wertvollen Präziosien strahlt die Aura der Allwissenheit aus.
Hier lagern alle Partituren des Stiftschors. Namhafte Komponisten haben eigens für Beromünster Instrumental- und Vokalwerke geschrieben, z.B. mehrchörige Messen (Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee, Anton Stamitz, der Bruder von Karl Stamitz). Eine grosse Musikaliensammlung, die viele handschriftliche Unikate enthält, zeugt davon.
Eindrückliche Familienwappen am Portal der Stiftskirche.
Der Kreuzgang der Stiftskirche hat seinen besonderen Reiz.
Das St. Afra-Pfrundhaus im Stiftsbezirk hätte eine Renovation dringend nötig, hat jedoch auch so seinen Reiz.
Die Einheimischen nennen die beiden Häuser Himmel (hellblaues Haus) und Hölle (rotes Haus): Das St. Thomas-Pfrundhaus links und der Oberrinacher-Chorhof.
Das Wöschhüsli beim Lütishofer Chorhof wurde 2022/23 umfassend renoviert und ist ein Bijou sondergleichen.
Die Wyna fliesst friedlich vor sich hin.Die Stiftskirche, die Propstei, die Kustorei, das Stiftstheater und etwa 30 Chorhöfe und Pfrundhäuser bilden ein über Jahrhunderte gewachsenes architektonisches Gesamtkunstwerk.
Hier hat die Druckgeschichte der Schweiz seinen Anfang genommen. Aus Beromünster stammt das erste datierte gedruckte Buch in der Schweiz, das 1470 von Chorherr Helias Helye gedruckte Werk Mammotrectus.Das Schloss Beromünster – ein Bijou mit wechselnden, sehr interessanten Ausstellungen. Wohnturm aus dem 11. Jahrhundert. Stätte des ersten datierten Schweizerdruckes. Reichhaltiges Heimatmuseum mit rekonstruierter Druckerstube, Wohnräumen, Küche, Musikzimmer und Dichterstube, Möbel, Ölgemälde, Hinterglasmalereien, religiöse Volkskunst, Trachtenschmuck, Musikinstrumente, Spielzeuge, Waffen, Strohflechtarbeiten, Gerätschaften aus Handwerk und Landwirtschaft. Prädikat: unbedingt sehenswert!
Hier wird die Druckgeschichte fortgeführt: Bei Wallimann steht eine 80-jährige Stanz- und Falzmaschine noch immer im Einsatz, doch auch eine der modernsten Druckmaschinen, die gegenwärtig erhältlich sind.
Die Zunftstube im Hotel Hirschen – wenn Wände eine Geschichte erzählen könnten ... Der Hirschen wird erstmals im 13. Jh. erwähnt, 1536 neu erbaut.
In der Passionszeit, also die letzten beiden Wochen vor Ostern, steht das «Heilig Grab» in der Stiftskirche. Es handelt sich um ein 7,5 auf 7,5 Meter grosses «Schaugerüst», eine Leinwand, auf welcher Josef Ignaz Weiss, Kempten im Allgäu, 1771 eine Säulenhalle mit grosser Tiefenwirkung realisiert hat, in deren Zentrum sich das Grab Christi befindet. Es ist künstlerisch wohl das Wertvollste der Schweiz.
Mehr Rokoko geht fast nicht mehr: farbig und sinnenfreudig. Deckengemälde: Joseph Ignaz Weiss, 1774. Stukkaturen von Martin Fröwis.
Blick vom Hirschen auf das Stift Beromünster.
Zur Fotografin: Sibylle Kathriner
Aufgewachsen ist Sibylle Kathriner im Kanton Obwalden. Nach dem gestalterischen Vorkurs in Olten absolvierte sie ab 2003 die vierjährige Lehre als Fotografin bei Bruno Eberli Werbefotografie AG in Horw. Seit 2007 ist sie als freischaffende Fotografin für verschiedene Werbekunden tätig. Lange hatte sie in Stans ihr Fotoatelier. Da sich die digitale Fotografie und die Arbeitsweise damit radikal verändert hat, kam die Frage auf, wo der Platz für die Fotografinnen noch ist.
Seit 2021 befasst sie sich vermehrt mit der analogen Fotografie, vor allem mit der Nassplattenfotografie – daher hat sie auch kürzlich ihr analoges Fotoatelier eröffnet, somit kann sie diese Form der analogen Fotografie in die Öffentlichkeit bringen.
Als Sibylle angefragt wurde, ob sie einen fotografischen Aussenblick auf das schöne Beromünster werfen möchte, hat sie spontan zugesagt. «Es war sehr sehr spannend, geschichtlich wie fotografisch. Unglaublich, was da handwerklich alles angefertigt wurde. Etwa in der Stiftskirche mit den Schnitzereien, sehr detailliert, schön auch von der Nähe zu betrachten. Wir verbrachten einen Tag lang in Beromünster und diese Bilder sind dabei entstanden. Für die umliegenden Gemeinden war leider die Zeit zu knapp, doch es ergibt sich sicherlich ein weiterer Tag dafür.» Bewusst wollte Sibylle keine Orte festhalten, die schon x-mal im Internet zu finden sind. «Ewige Wiederholungen mag ja keiner. Vielen Dank für die Gastfreundschaft und Offenheit», sagt sie abschliessend.