Fasten früher und heute!
Bei einem gemütlichen Gespräch in ihrer Alterswohnung erinnerte sich Erna Suter aus Beromünster an frühere Fastenzeiten. Pater Bruno Oegerli hat ihre Erzählungen aufgezeichnet und mit Inputs zur heutigen Fastenzeit ergänzt.
Geboren ist Erna Suter 1931 in Schüpfheim und mit vier Geschwistern in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Als Kind erlebte sie in der Familie und in der Pfarrei Schüpfheim strenge, aber auch eindrückliche Fasttage.
Die Fastenzeit begann mit dem Aschermittwochsgottesdienst in der Pfarrkirche Schüpfheim. Mit Asche auf dem Kopf gings zur Schule. Jeden Abend besuchte sie mit der Familie die Fastenandacht. Während der sechswöchigen Fastenzeit wurde in ihrer Familie beim Essen gespart, freitags gabs nur Mehlsuppe ohne Reibkäse. Die Geschwister legten die geschenkten Süssigkeiten in die gemeinsame Fastenbüchse und teilten sie an Ostern.
In diesen vorösterlichen Wochen war den Kindern das Völkerballspielen verboten. Für die Erwachsenen gabs im Dorf keine Vereins- und Tanzanlässe. Am Karfreitagnachmittag wallfahrteten viele Entlebucher Gläubige, mit kurzen besinnlichen Halten bei den Kreuzwegstationen, nach Heiligkreuz.
Aus unbekanntem Grund tranken sie am Karfreitag keine Milch, aber vermehrt Kaffee. Nach dem Wallfahrtsgottesdienst in Heiligkreuz genehmigten sich einige Männer ein paar «Kafi Lutz» zu viel. Lustig war es für die Kinder, diesen Männern zuzusehen, wie sie beschwipst heimwärts über die Wurzeln des steilen Wallfahrtsweges stolperten.
In ihrer Familie haben sie während der Fastenzeit auf vieles verzichten gelernt und sich bewusst auf Ostern, das Fest der Auferstehung, vorbereitet. Ostern war jedes Jahr ein grosses Fest. Das Fasten hat nicht geschadet.
Fasten heute – Gisela Baltes schreibt in einem Gedicht:
Fasten,
ein freiwilliger Verzicht auf Nahrung,
nicht um abzuspecken,
deshalb nicht zu verwechseln
mit einer neuen Diät.
Fasten,
eine innere Haltung,
in der ich Bedürfnisse zurückschraube,
mich unabhängig mache,
neue Prioritäten setze
und seelischer Verfettung vorbeuge.
Fasten
kann mich öffnen
und so meinen Blick schärfen
für die Not und die Bedürfnisse anderer.
Indem ich mich selbst zurückstelle,
kann ich mich leib-haftig
mit denen solidarisieren,
die unfreiwillig hungern.
Fasten
wird dadurch zur Einübung
in eine neue Sensibilität für Gerechtigkeit
und zieht als Konsequenz
solidarisches Handeln nach sich.
Diese Gedanken von Gisela Baltes sollen uns nachdenklich stimmen und unseren Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen überdenken. Ich denke, auf einiges Materielle könnten wir verzichten, ohne dabei unglücklich zu werden. Teilen wir unseren Besitz mit den vielen Menschen in unserer Nähe und in den Krisen- und Kriegsgebieten weltweit. Sie sind auf unser solidarisches Handeln angewiesen.
Denken wir in diesen Fasttagen auch an die Worte Jesu: «Was ihr dem geringsten Menschen getan habt, das habt ihr mir getan.»
P. Bruno Oegerli, Bild: pixabay